Wie bewerten Sie die Forderung christlicher Politiker nach einem bundesweiten Handyverbot an deutschen Schulen?
Klaus Zierer: Aus meiner Sicht ist dieser Schritt längst überfällig. Die Datenlage ist so klar, dass nicht mehr darüber diskutiert werden muss. Handys haben in der Schule nichts verloren. Sie lenken ab – Schüler und Lehrer. Für einen guten Unterricht, selbst einen mit digitalen Medien, ist das private Handy überflüssig, ja sogar schädlich. Es muss raus aus den Klassenzimmern.
Sonja Gabriel, Professorin für Mediendidaktik und -pädagogik an der Katholischen Pädagogischen Hochschule Wien behauptet, ein Handyverbot an Schulen löse das Problem nicht. Was antworten Sie ihr?
Klaus Zierer: Es liegt im Wesen von Verboten, dass sie Probleme nicht lösen, aber einen Beitrag leisten können, diese in den Griff zu bekommen. Daher ist jedes Verbot zu erklären und an die Kompetenz der Menschen anzupassen. Wir machen das seit Jahren so beim Alkohol, bei Tabak, bei anderen Drogen wie zum Beispiel Cannabis, bei Ausgehzeiten. All das sind Verbote, die wirken und sinnvoll sind. Selbstverständlich müssen sie eingebettet sein in Wertebildung und Persönlichkeitserziehung, für die Eltern und Lehrer als Vorbilder entscheidend sind.
Wie sähe eine „Umkehr zur Pädagogik“ aus Sicht katholischer Erzieher praktisch aus?
Martin Goppel: Eine „Umkehr zur Pädagogik“ bleibt nicht bei Verboten stehen, sondern setzt auf Persönlichkeitsbildung und Verantwortung. Schülerinnen und Schüler lernen, Smartphones bewusst zu nutzen; Regeln werden gemeinsam entwickelt. Tablets und Smartphones werden gezielt eingesetzt, wenn sie analogen Medien überlegen sind, etwa für Recherche, Präsentationen oder kreative Projekte. Die katholische Perspektive betont ethische Reflexion: Wie beeinflusst mein Handeln andere und wie gehe ich respektvoll mit digitalen Inhalten um? Solche Leitfragen ersetzen starre Vorschriften. Pädagogik bildet Herz, Kopf und Hand und fördert Wissen, soziale Kompetenz, Selbstdisziplin und moralische Urteilsfähigkeit.
Klaus Zierer: Wir haben in den letzten Jahren den Blick auf die Pädagogik völlig verloren. Zuerst gab es infolge von PISA eine einseitige Fokussierung auf Messbares. Der Mensch ist aber mehr als das, was messbar ist. Und nun technisieren wir Bildung. In Bayern heißt beispielsweise das Zukunftsprojekt „Digitale Schule der Zukunft“. Das ist armselig, weil damit nur die Technik im Mittelpunkt steht. Wenn schon, dann müsste es heißen: „Humane Schule im Zeitalter der Digitalisierung“. Denn eines ist klar: Schule ist für die Kinder da. Wie kann es uns gelingen, die damit verbundenen Aufgaben zu lösen und vom Kind aus zu denken und auf das Kind hin wieder zu beziehen? Das meine ich mit einer Umkehr des Pädagogischen: Zurück zum pädagogischen Kerngedanken und damit zum Kerngeschäft: Erziehung und Unterricht. Schule hat die Aufgabe, die Persönlichkeit der jungen Menschen zu stärken, ihnen das Denken zu lehren, sie kritikfähig zu machen. Die Autorschaft des eigenen Lebens steht im Mittelpunkt – und eben nicht irgendwelche Technik.
Warum reicht es aus Ihrer Sicht nicht, die gesamte Verantwortung für die Medienerziehung den Eltern zu überlassen?
Martin Goppel: Es ist falsch, Medienerziehung allein den Eltern zu überlassen. Die Familie ist wichtig, doch die Schule ist ein professioneller Lernraum. Lehrkräfte bringen didaktisches und medienpädagogisches Wissen sowie Erfahrung mit Gruppen mit. Medienbildung gelingt nur, wenn Eltern, Lehrkräfte und Schüler gemeinsam Verantwortung tragen. Andernfalls entstehen unterschiedliche Regeln und widersprüchliche Signale. Medienkompetenz ist ein gemeinsames Bildungsziel und braucht fachliche Begleitung.
Klaus Zierer: Viele Eltern bräuchten in Sachen Medienerziehung selbst Nachhilfe – und zwar massiv. Wir sehen aus den letzten Jahren, was passiert, wenn wir bei diesem Thema naiv auf die Familien vertrauen. Nur ein Beispiel: Kinder verbringen in der Woche außerschulisch bis zu 70 Stunden vor Bildschirmen. Zudem ist unstrittig, dass auch Schulen einen Beitrag zur Medienerziehung leisten müssen. Sie zählt zu den fächerübergreifenden Aufgaben, weil Medien immer schon eine wichtige Rolle einnehmen. In der Summe also: keine neue Aufgabe, aber durchaus eine Spezifizierung aufgrund der zunehmenden Digitalisierung.
Was kann die Kirche positiv zur Umkehr beitragen, damit Eltern und Schüler die Sinnhaftigkeit eines reduzierten Medienkonsum einleuchtet?
Martin Goppel: Die Kirche kann Impulse geben, indem sie zum Innehalten und zur Reflexion über Handeln, Werte und Alltag ermutigt. Es geht um eine Haltung, die auf das Wesentliche ausrichtet: Beziehungen, gemeinsame Zeit und eine Balance zwischen Technik und Begegnung. Die Bibel bietet Orientierung – wir nutzen sie nur zu selten. Ein Smartphone kann schnellen Zugang zu Impulsen oder Bibeltexten bieten, entscheidend ist, diese zu reflektieren und im Alltag umzusetzen. Weniger Medienkonsum schafft Raum für Begegnung, Kreativität und gelebten Glauben. Die Kirche kann begleiten und ermutigen. Das Kreuz bleibt ein Pluszeichen – gerade heute.
Wo sehen Sie in Kirchenkreisen Unterstützer oder auch Bremsen für Ihr Vorhaben „Umkehr zur Pädagogik“?
Martin Goppel: Unterstützer einer „Um-kehr zur Pädagogik“ sehe ich überall dort, wo Kirche Bildung als Persönlichkeitsbildung versteht statt als Disziplinierung. Lehrkräfte, Orden, Schulträger und pastorale Mitarbeitende wissen: Pädagogik heißt begleiten und befähigen, nicht nur reglementieren. So wächst eine Schule, die Verantwortung stärkt und junge Menschen ernst nimmt. Zugleich gibt es Skeptiker, die Autoritätsverlust oder Traditionsbruch fürchten. Ihre Einwände sind wertvoll, weil sie helfen, Argumente zu schärfen und Konzepte zu prüfen. Entscheidend ist der Dialog. Fortschritt braucht Reflexion, Bewahrung Entwicklung. Stärke entsteht im Zusammenspiel beider Seiten.
Martin Goppel ist Landesvorsitzender der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) Bayern.
Klaus Zierer ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.
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