Ich stehe aktuell vor ein paar sehr wichtigen Entscheidungen in meinem Leben, die, je nachdem, was ich wähle, meinen weiteren Weg maßgeblich in die eine oder die andere Richtung lenken werden. Ich bitte den, der jeden Augenblick meines Lebens bereits kannte, bevor ich meinen ersten Atemzug tat, mir zu helfen, die richtige Entscheidung zu fällen, denn ich bin hin- und hergerissen und weiß nicht recht, wie ich seiner Bestimmung folgen soll und eine Tätigkeit wähle, die mir Erfüllung bringen wird. Im Arabischen gibt es dafür den Ausdruck „Maktub“, was so viel wie „Es steht geschrieben“ bedeutet. Er hat also einen Plan für mich, ich weiß jedoch nicht, wie ich diesem folgen soll. Manche brauchen ein ganzes Leben, um ihren Platz in dieser Welt zu finden.
Es ist schwer, wirklich zuzuhören und das zu tun, was der Herr für uns vorgesehen hat, als er uns unseren Charakter formte und uns unsere Talente gab, statt einfach blind dem meisten Geld, Komfort oder Ansehen hinterherzulaufen. Ich glaube, wenn ich Gott finde, so finde ich auch zu mir. Doch gestern, auf einem Spaziergang, wurde mir schlagartig etwas bewusst: Wann lasse ich ihm, unserem Vater, denn überhaupt Zeit und Raum, um auf meine Fragen zu antworten? Überhaupt nicht.
Wir ertragen die Stille nicht mehr
Ich bin wie ein unfreundlicher Freund, der eine Frage stellt und, ohne die Antwort abzuwarten, weitergeht. Denn ich bin permanent von morgens bis abends unter Beschallung und Beschäftigung. Doch wie soll Gott zu mir sprechen, wenn ich niemals zuhöre? Wir ertragen die Stille nicht mehr. Jene Stille, die es braucht, um wirklich reflektieren zu können, um mal wirklich nachzudenken und abzuwägen, um Gottes Stimme und Rat zu hören.
Denn diese Welt ist laut geworden, und wenn wir uns nicht gerade im lärmenden Stadtverkehr unseres Lebens befinden, dann ist da diese eine kleine Phiole Opium, zu der wir stets und ständig greifen. Wir beginnen und wir beenden unseren Tag mit ihr in der Hand. Wir können uns dank ihr stundenlang in weiche, benebelnde Watte fallen lassen, alleine in unserem Zimmer, ohne eine einzige sinnhafte Sache zu tun. Das Ablenkungsprogramm scheint endlos zu sein und lieblich nur darauf zu warten, dass ich mein Handy entsperre. Selbst während des Essens laufen bei mir und vielen Altersgenossen mittlerweile Filme oder Sonstiges. Beim Laufen wird Musik gehört oder telefoniert. Es darf bloß niemals Stille einkehren. „Bloß nicht langweilen“, wie einer der größten Berliner Medienhäuser auf der Fassade seines Studios stehen hat.
Unser geliebtes Smartphone
Ich denke an mein Ich vor zehn Jahren zurück, das unendlich kreativ war, immer fleißig, immer produktiv mit so vielen Ideen in seinem Kopf durch das Leben ging, und ich schaue auf mich heute, und es gefällt mir nicht, wer ich geworden bin. Doch es war Stille, die unsere Propheten, ja der Herr Jesus Christus selber, suchten, wenn sie alleine in die Wüste zogen, fern von jeder Ablenkung und dem Lärm des Lebens, um nur mit sich selbst und Gott zu sein.
Es mag wahr sein, dass es sehr viele Vorteile bringt, unser geliebtes Smartphone. Und dass alles so viel schneller und unkomplizierter macht. Und dass man Social Media ja nutzen kann, um die Wahrheit unseres Glaubens zu verbreiten oder sich über eben jenen zu informieren. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass die Welt auch davor funktionierte und einen Anstoß geben, mal eine radikal ehrliche Bilanz mit sich und dem Internet zu ziehen. Es heißt nicht, dass du alle deine internetfähigen Geräte fortschmeißen musst, auch wenn das sicherlich äußerst positive Folgen für uns hätte. Du musst auch nicht in die Sahara pilgern. Es soll lediglich dazu ermutigen, wieder alleine zu sein, raus in den Wald, die Schöpfung, zu gehen, jeden Tag stille Phasen des Nichtstuns einzulegen und endlich wieder geistig frei den Worten und Hinweisen unseres Schöpfers zu lauschen. Denn das Smartphone lässt niemals zu, dass wir uns alleine fühlen und unserem Herz und der Welt wirklich lauschen können. Stattdessen isoliert es uns in vielerlei Hinsicht und kann uns wahrhaft einsam machen. Wir müssen wieder eine Sensibilität entwickeln, der Stimme Gottes zuzuhören, und dafür braucht es Stille.
Der Autor, Jahrgang 2004, lebt derzeit für einen Sprachaufenthalt in Frankreich und besucht das Centre International d’études Françaises an der Université de Bourgogne.
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