Flucht und Vertreibung

Ustronie Morskie: Strand der Gestrandeten

Das polnische Ostseebad Ustronie Morskie ist heute ein Anlaufpunkt für ukrainische Flüchtlinge. Ende 1945 ließen sich zwangsumgesiedelte Polen dort nieder, derweil es die deutsche Bevölkerung wider Willen in den Westen zog – und der Ort katholisch wurde.
In Ustronie Morskie haben einige ukrainische Flüchtlinge eine ganz gute Bleibe gefunden.
Foto: BV | Das Leben ist nicht immer so schön wie eine Postkarte, aber in Ustronie Morskie haben einige ukrainische Flüchtlinge eine ganz gute Bleibe gefunden.

Flucht und Vertreibung, schon immer waren sie Begleiter in der Stadtgeschichte Ustronie Morskies an der polnischen Ostseeküste, unweit von Kolberg, wo die Nazis einst das gleichnamige Durchhalteepos drehen ließen, und wo 1937 auch der letzte SED-Generalsekretär Egon Krenz geboren wurde. Um Flucht und Vertreibung ging es in Ustronie Morskie immer wieder, während des Dreißigjährigen Krieges ebenso wie zu Zeiten Napoleons und des Zweiten Weltkrieges. Doch zugleich war das kleine Seebad an der polnischen Ostseeküste auch immer ein Ort der Sammlung und des Neubeginns.

Bis 1945 hieß er Henkenhagen und konnte damals auf fast tausend Jahre deutscher Geschichte zurückblicken. Bevor Hitler das Kapitel beendete und ein Meer aus Tränen und Trümmern hinterließ. Übrig gebliebene Architektur aus deutscher Zeit, darunter ein heruntergekommenes Badehaus unweit der Strandpromenade, Bürgervillen und Grünanlagen mit dicken Eichen und Buchen erinnern an das, was den Urlaubsort einst geprägt hat: eine blühende Wirtschaft, Sehnsuchtsort für Schriftsteller und Freidenker wie Thomas Mann und ein mondänes Kurpflaster zu Zeiten Otto von Bismarcks.

Wie sehr die Geschäftswelt noch immer nach deutschen Kunden und Gästen buhlt, belegen allein die vielen Werbe- und Informationstafeln in polnischer und deutscher Sprache. „Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Ustronie Morskie unter polnische Verwaltung“, sagt der Historiker Sven Felix Kellerhoff von der FU Berlin; zurückgehend auf Entscheidungen der Siegermächte, Polen mit Landzugewinnen für deutsches Unrecht während der Besatzungsjahre zu entschädigen.

Blühende Landschaften

Derweil die Deutschen wider Willen in den Westen mussten, oft in die damals noch junge DDR, wo die Polen als „Brudervolk“ galten, auch wenn die Wirklichkeit, will sagen: das wahre Verhältnis zum östlichen Nachbarn oft ein anderes war. Naserümpfen bis hin zu offenem Hass prägten auch in Westdeutschland über Jahrzehnte das öffentliche Bewusstsein gegenüber Polen und dem Verlust der einst deutschen Gebiete. Wohl erst mit der endgültigen Anerkennung der Oder–Neiße–Grenze durch das wiedervereinte Deutschland im Juni 1991 war das Problem vom Tisch. „Vieles hat sich seither zum Guten gewendet und blühende Landschaften auch östlich von Oder und Neiße entstehen lassen“, sagt Historiker Kellerhoff. In der Tat gelten etwa die polnischen Straßen heute als sicher und gut ausgebaut, zum Teil besser als in Deutschland und der Schweiz.

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Und Ustronie Morskie? Längst ist der Ort Teil des zusammenwachsenden Europas, was man nicht nur an den zahlreichen Autokennzeichen längst der Strandpromenade erkennt. Das Stadtbild hat sich seit Vertreibung der Deutschen stark verändert, in vielem zum Positiven, denn immerhin liegen zwischen damals und heute fast acht Jahrzehnte, darunter die 1990 begonnene und höchst erfolgreiche Transformation in die Marktwirtschaft, die Polen in die Liga der weltweit zwanzig wohlhabendsten Länder der Erde katapultiert hat. Und wie damals spiegelt sich das Weltgeschehen eben auch heute wieder in Ustronie Morskie wider. Seit Mitte März tummeln sich in der Stadt neben Touristen auch Geflüchtete aus der Ukraine, junge Frauen mit Kindern, die tagsüber irgendwo arbeiten, oft bei Verwandten leben und an Wochenenden den Strand, die Innenstadt und meist offenen Gotteshäuser bevölkern. War die Stadt einst überwiegend protestantisch und vom Geist der Aufklärung aus dem nahen Königsberg und heutigen Kaliningrad geprägt, bestimmen seither Katholiken und der Salesianerorden die religiösen Geschicke.

Kaffee und Kuchen im Café „Azyl“

In großen Lettern prangt Ordensgründer Don Bosco am Kirchenportal auf einem Plakat. „Auch wegen seiner gut ausgebauten Bildungsinfrastruktur zieht es viele Menschen hierher“, sagt eine Anwohnerin. Und fügt hinzu, dass die vielen ukrainischen Kinder im Alltag kaum auffielen, schnell Polnisch lernten und rasch Kontakte zu Gleichaltrigen knüpften. „2015 hatte Polen gegen die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge votiert, wohl ahnend, dass es wegen kultureller Unvereinbarkeit zwischen Islam und Christentum früher oder später zu massiven Problemen im Zusammenleben gekommen wäre“, sagt die Publizistin und Theologin Elisabeth Hausen vom Portal israelnetz.com.

Es kommt eben bei der Frage, ob Flüchtlinge in einem Land willkommen sind, auch immer darauf an, wo sie herkommen und wie schnell sie sich auf das Leben in der neuen Heimat einlassen. In Ustronie Morskie ist man darauf eingestellt. Im Café „Azyl“ gibt es Kaffee und Kuchen für kleines Geld. Tagsüber und manchmal auch abends treffen sich dort die Neuankömmlinge, neben Ukrainern auch Weißrussen, Balten und Georgier. Und manchmal auch die Deutschen, heißt es. „Vor allem, um das kostenlose WLAN zu nutzen“, sagt der freundliche Mann am Tresen, der in der Schule recht passabel die Sprache des westlichen Nachbarn gelernt hat und auch ein wenig Englisch spricht.

Hoffnung auf dauerhafte Perspektive

Manche der Gäste seien auf dem Weg nach Westen, sagt er, manche aber seien hier gestrandet. Denn nicht immer klappe es in Ustronie Morskie so schnell mit einer gut entlohnten Arbeit, verdient eine Vollzeitverkäuferin im örtlichen Dino-Discounter nur knapp 600 Euro netto im Monat. „Und das bei Preisen kaum niedriger als in Belgien, Deutschland oder Holland“, beklagt Natascha (36), die im ukrainischen Poltawa Verwaltungswissenschaft und Büromanagement studiert hat und nun in einer Bar aushilft. Ohne ihre Ersparnisse und die regelmäßigen Essenspakete polnischer Nachbarn kämen sie und der fünfjährige Sohn Viktor kaum über die Runden, sagt sie. Etwas besser sieht es bei Nikolai aus, einem gebürtigen Georgier mit ukrainischem Pass, der als gelernter Mechaniker in einer Autowerkstatt arbeitet und wegen seiner geschickten Hände und seines Fachwissens einen guten Ruf weit über die Stadt hinaus genießt.

Sie alle eint die Hoffnung, dass sich der Krieg nicht ausweitet und sie in Europa eine neue, dauerhafte Perspektive finden. Immerhin: Die kulturellen Bande zwischen Polen und Ukrainern sind eng, in Teilen verstehen sie sich sogar sprachlich, berichtet eine Friseurmeisterin, die inzwischen drei ukrainische Angestellte beschäftigt, die alle von der Hoffnung beseelt sind, eines Tages in ihre Heimat zurückzukehren.

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