Warschau

Polens Willkommenskultur für ukrainische Flüchtlinge

Mehr als eine Million ukrainische Flüchtlinge befinden sich in Polen. Die Hilfe ist sehr gut organisiert und für die Regierung strategisch wichtig.
Ukraine-Krieg - Flüchtlinge in Polen
Foto: Markus Schreiber (AP) | Ein Moment der Verzweiflung – eine Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist, sitzt auf einem Feldbett in der Schulsporthalle in der polnischen Stadt Przemysl und bedeckt mit den Händen ihr Gesicht.

So furchtbar die aktuellen Bilder sind, welche die russische Zerstörungswut und Mordlust in der Ukraine dokumentieren, es gibt in diesen aufgewühlten Tagen auch viele Erfahrungen der Menschlichkeit. Frauen, Kinder und ältere Menschen, die aus der Ukraine flüchten, finden Aufnahme und Zuwendung in europäischen Ländern. Wobei den Löwenanteil der humanitären Hilfe derzeit Polen trägt. Ausgerechnet Polen, könnte man sagen, da Deutschlands östlicher Nachbar im Jahr 2015 aufgrund seiner Reserviertheit gegenüber Angela Merkels Verteilungspolitik in der Kritik stand. Nun bei der gegenwärtigen Flüchtlingsnot erweist sich Polen als Meister der Willkommenskultur. Quantitativ und qualitativ.

So meldete Anfang dieser Woche der polnische Grenzschutz, dass seit Kriegsbeginn am 24. Februar mehr als eine Million ukrainischer Flüchtlinge nach Polen gekommen seien. Inzwischen wird von Regierungsmitgliedern die Zahl 1, 3 Million genannt.

Sie denken gar nicht daran weiterzuziehen

Zahlen, die auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu beeindrucken scheinen. In den zurückliegenden Tagen habe es mehr Flüchtlinge gegeben als im gesamten Jahr 2015 sagte sie dem „Deutschlandfunk“. Man müsse, so kolportiert die Deutsche Presse-Agentur (dpa), jetzt „aber Ländern wie Polen, Ungarn, Slowakei oder Rumänien, wo die Flüchtlinge ankämen, helfen, damit die Menschen weiterziehen könnten“. Doch zumindest die ukrainischen Flüchtlinge, die in Polen ankommen, scheinen mit ihrem Ankunftsland mehrheitlich sehr zufrieden zu sein und gar nicht daran zu denken, weiterziehen zu wollen. Einzige Bedingung: ausreichend Abstand zur russischen Grenze. Eine Gruppe von ukrainischen Flüchtlingen machte jedenfalls kehrt Richtung Warschau, als sie bemerkten, dass man sie in Nähe der Enklave Kaliningrad unterzubringen gedachte.

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Warum ist Polen für Ukrainer so attraktiv? Liegt es an der ähnlichen Sprache? Ist es die Nähe zum Heimatland? Die slawische Verbundenheit? Eine einfache Antwort ist schwierig. Nicht nur, weil es auch zwischen Polen und Ukrainern historische Wunden gibt (der Krieg von 1918/19 etwa ist unvergessen), sondern auch, weil in Polen im Niedriglohnsektor arbeitende Ukrainer nach der Wende 1989 mit einer gewissen Herablassung behandelt wurden. Doch jede trennende Animosität oder Arroganz scheint seit Putins Überfall wie weggefegt zu sein.

Zwei Dienstvillen zu Notunterkünften umfunktioniert

Laut einer Umfrage Anfang März geben 93 Prozent der Polen an, ukrainische Flüchtlinge in Polen aufnehmen zu wollen. Der polnische Präsident Andrzej Duda und seine Gattin Agata gehen mit gutem Beispiel voran, indem sie zwei ihrer vier Dienstvillen zu Notunterkünften umfunktioniert haben. Diese neue Sympathie und Wertschätzung spüren auch die Ukrainer, die schon lange in Polen leben, wie M., die in einem Institut als Putzfrau arbeitet. Lange war sie so unsichtbar wie ihre Arbeit, nun nehmen alle Angestellten am Schicksal ihrer Familie wärmsten Anteil, berichtet eine polnische Mitarbeiterin des Instituts. „Man gibt ihr privat Geld und nützliche Geschenke.“ Als M. telefonisch erfuhr, dass ihre zwei Töchter es nach Polen geschafft haben, jubelten die Mitarbeiter des Instituts mit ihr. Einziger Wermutstropfen bleibt M.s Sohn, der als Soldat das Land verteidigt. Es sind in jedem Krieg die Mütter, die Mut und Heldentum mit Verlustangst verrechnen müssen.

Doch nicht nur zwischenmenschlich stimmen polnisch-ukrainische Chemie und Engagement jetzt – auch auf der politischen Ebene. Schon lange vor dem Überfall stellte sich die polnische Regierung auf eine hohe Zahl von ukrainischen Flüchtlingen ein. Nicht nur aus Nächstenliebe, sondern weil es seit Jahrhunderten zur polnischen Realpolitik gehört, Russland nicht zu trauen. Aufnahmestellen und Notunterkünfte wurden zeitig eingerichtet. Seit Anfang März bereitet Premier Mateusz Morawiecki, wie die Medien berichten, ein Gesetz vor, das das Aufenthaltsrecht von ukrainischen Flüchtlingen unkompliziert regeln soll. Manche Journalisten rätseln, wie PiS dies finanzieren will. Mithilfe des Wiederaufbaufonds der EU? Ist dies das Kalkül?

Die Hilfsbereitschaft beginnt schon an den Bahnhöfen

Schon jetzt haben Flüchtlinge in den öffentlichen Verkehrsmitteln Polens freie Fahrt. In vielen gelb-blau geschmückten Geschäften werden die polnischen Kunden zu Spenden und Hilfsgeschenken für die Ukraine eingeladen. Dabei beginnt die Unterstützung schon an den Bahnhöfen; wie etwa am Warschauer Ostbahnhof, wo am Samstagmittag, wie an jedem Tag, eine große Gruppe von freiwilligen Helfern einer Informationsstelle für die ankommenden Flüchtlinge aus der Ukraine zur Stelle war. Man stattet die erschöpften Menschen mit Getränken und Nahrungsmitteln aus, gewährt Ladeenergie und Karten für Mobiltelefone und leitet die Erschöpften weiter in die Notunterkünfte wie Sporthallen oder Schulen.

Unter den Helfern sind Studenten und Psychotherapeuten, die ihre freie Zeit für die zum Teil schwer traumatisierten Menschen gern zur Verfügung stellen. „Ich erfuhr durch eine Facebook-Gruppe von dieser Hilfsmöglichkeit“, sagt eine Therapeutin gegenüber dieser Zeitung. „Da wusste ich: Ich möchte helfen, das anbieten, was ich tun kann.“ Bald darauf sah man eine andere Helferin, die eine weinende jungen Frau behutsam in einen abgelegenen Teil des Bahnhofs begleitete. Auch wenn den meisten Ukrainern die russische Bedrohung längst bewusst war – das eigene Hab und Gut zu verlassen, um vor der Gewalt und kriegsverbrecherischen Brutalität der russischen Armee zu flüchten, ist noch einmal etwas anderes. S., die mit ihrem Baby und ihrer Mutter, einer Anwältin, aus der ukrainischen Hauptstadt geflüchtet ist und nun in der Nähe von Warschau untergebracht ist, gibt gegenüber der Tagespost ein erschütterndes Zeugnis von ihrer Flucht ab.

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Für die meisten gilt dennoch: Bloß nicht auffallen, bloß nicht in die Schlagzeilen geraten. So groß ist die Angst vor dem langen Arm Moskaus, dass man das eigene Leben und das Leben der im Land verbliebenen Familienmitglieder nicht unnötig gefährden will. Zumal immer neue Horrormeldungen von Vergewaltigungen und Anschlägen auf ukrainische Zivilisten die virale Runde machen.

Angst, selbst zur Zielscheibe Putins zu werden

Solche Ängste versteht man in Polen. Und sicherlich ist ein Grund für die bewunderungswürdige Hilfsbereitschaft der polnischen Gesellschaft auch der, dass man Angst hat, selbst zur Zielscheibe Putins werden zu können. Eine Sorge, die in den Medien etwas verdrängt und von den verantwortlichen Politikern entschlossen entkräftet wird. Doch: die Polen sind nicht naiv, und wer kann angesichts von Putins menschenverachtender Kälte weitere dramatische Entwicklungen definitiv ausschließen?

Der polnische Historiker Andrzej Stempin, der den Konrad-Adenauer Lehrstuhl an der Krakauer Jozef-Tischner-Hochschule innehat, ist jedenfalls alarmiert. „Der ganze Pazifismus, die Achtung vor dem Leben, vor Kunstwerken – unsere Annahme und Überzeugung, dass diese Werte nicht verhandelt werden müssen, sind innerhalb der vergangenen Woche hinweggefegt worden. Von daher können wir nicht die Option ausschließen, dass Putin auch noch die NATO angreift“, sagt Stempin in einem Lokal in Nähe des Kulturpalastes, dem unpopulären Baugeschenk Stalins. Wie viele Polen und Deutsche fürchtet der 55-Jährige, der ein gern gesehener Gast in renommierten Polit-Diskussionen ist, dass aus dem Neuen Kalten Krieg schnell ein großflächig heißer Konflikt werden könnte. Und sei es durch ein Missverständnis. Nur einen gut geplanten „Tyrannenmord“ hält Stempin für eine veritable Lösung, um weitere Eskalationen zu stoppen.

Die polnische Regierung ist dementsprechend vorsichtig. Als der amerikanische Außenminister Anthony Blinken bei seiner jüngsten Polen-Visite mit Druck dazu einlud, alte polnische Kampfflugzeuge vom Typ MiG-29 an die Ukraine weiterzureichen, um stattdessen von den Amerikanern moderne F-16-Kampfflugzeuge zu erhalten, reagierte Morawieckis Regierung ablehnend auf Twitter: „Polen wird seine Kampfjets nicht in die Ukraine schicken und auch nicht erlauben, seine Flughäfen zu nutzen. Wir helfen ganz erheblich in vielen anderen Bereichen.“ Wodurch klar wird: die polnische Willkommenskultur dient auch der Intention, aus direkten Kampfhandlungen herausgehalten zu werden.

Dass Polen bald danach anbot, die MiGs nach Deutschland zu bringen, damit die Amerikaner sie von dort aus ukrainischen Piloten zugänglich machen, steht dazu nicht im Widerspruch. Man will den unberechenbaren Kreml-Herrscher nicht direkt provozieren. Das Pentagon hält diese Idee jedoch nicht für „tragbar“. Vernünftigerweise.

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