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Eine Welt ohne Grenzen wäre eine große Chance

Der Theologe Francisco de Vitoria argumentierte schon vor 500 Jahren für ein natürliches Recht auf globale Freizügigkeit. Seine Argumente überzeugen noch heute.
Migranten an der US-Grenze in Mexico
Foto: IMAGO/Jose Torres (www.imago-images.de) | Für die Migration als Menschenrecht: Wir waren schon mal weiter als heute, schreibt Josef Bordat.

Wenn von Migration die Rede ist, dann oft in problematisierender Form. Dann spricht man von „Krise“, von „Steuerung“, von „Begrenzung“. Migration erscheint im Diskurs in erster Linie als eine Herausforderung, der man sich stellen muss, als Staat, vor allem durch Abwehrmaßnahmen. Jenseits dieser Diskurse könnte man auch mal ganz anders an die Sache herantreten. Wie wäre es, wenn man alle Grenzen öffnete? Was passierte, gäbe es ein Recht auf Einwanderung? Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 sieht ein Auswanderungsrecht vor, aber kein Einwanderungs- und kein Niederlassungsrecht. In Artikel 13,1 wird Freizügigkeit nur innerstaatlich proklamiert, in Artikel 13,2 auf Auswanderung und Rückkehr ins eigene Land beschränkt; von einem Einwanderungsrecht in ein Drittland eigener Wahl ist nicht die Rede.

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Da waren wir schon mal viel weiter. Der Dominikaner Francisco de Vitoria hatte vor 500 Jahren die Vision einer Menschheit, die in ihrer Verschiedenheit hinsichtlich Kultur und Religion als universale Weltgemeinschaft verbunden ist. Dazu entwickelte er ein Konzept des Menschenrechts auf Freizügigkeit und Migration mit den Komponenten Einwanderungs-, Niederlassungs- und Einbürgerungsrecht. Theologisch gestützt durch den Verweis auf das christliche Grundgebot der Nächstenliebe, entsteht bei Vitoria ein Migrationsrecht, dessen Prinzip es ist, dass „jedermann die von ihm angestrebten Regionen aufsuchen und dort so lange verweilen darf, wie es ihm beliebt“. Es dürfe „kein Volk anderen Völkern die Einwanderung verweigern“. Das meinte er freilich zunächst mit Blick auf die Spanier, die sich in Lateinamerika niedergelassen hatten. Doch prinzipiell gilt das dann auch umgekehrt, für Indios, die nach Spanien einwandern möchten. Vitoria entwirft damit ein Migrationsrecht, das globale Freizügigkeit gewährt.

Würde Offenheit die Welt ins Chaos stürzen? Nein.

Vitoria behauptet ferner, dass „kein Volk anderen Völkern den freien Handel verbieten und von der Benutzung der Meere, Häfen und Flüsse als Gemeingut des ganzen Menschengeschlechts ausschließen dürfe“. Er gesteht in seinem ius commercii den Spaniern Umgang mit und Beteiligung an gemeinschaftlich nutzbaren Dingen der Indios zu, wenn diese gleichfalls anderen Völkern offenstünden. Ausdrücklich bezieht er hierbei die Nutzung kollektiver Naturschätze ein, die ohne Besitzer laut Völkerrecht ihrem Finder gehörten. Vitoria koppelt sein liberales Migrationsrecht also mit einem nicht minder liberalen Handelsrecht, das er aus einem allgemeinen Nutzungsrecht entwickelt.

Die Globalisierung heute ist von einem „halben Vitoria“ geprägt: Sein liberales Handelsrecht hat überlebt, sein liberales Migrationsrecht nicht. Die Grenzen sind offen für Maschinen, nicht aber für Menschen. Würde diese Offenheit die Welt ins Chaos stürzen? Selbst wenn alle Grenzen fallen, wird es dazu nicht kommen. Der Anteil der Migranten würde sich von derzeit drei auf rund sechs Prozent verdoppeln, meint der Migrationsforscher Franck Düvell. Umfragen zeigten, dass etwa zehn Prozent der Menschen grundsätzlich mit dem Gedanken spielt, das eigene Land zu verlassen. Nicht einmal ein Prozent habe dafür aber konkrete Pläne. Ein globales Chaos entstünde mit offenen Grenzen wohl nicht. Im Gegenteil, meint Philipp Jacobs 2018 in einem Beitrag für die „Rheinische Post“: Die Migration würde geordneter ablaufen und es würden sich nicht nur (wie heute, unter gefährlichen Bedingungen) hauptsächlich junge Männer auf den Weg machen. Ganze Familien könnten gemeinsam auswandern, auch alleinstehende Frauen. Das wirke sich auf die Kriminalität der Migranten aus, die in ihrer Eigenschaft als jung und männlich eher zu Gewalt und Verbrechen neigen – nicht in ihrer Eigenschaft, Migranten zu sein. Ein höherer Frauenanteil unter den Migranten wirke sich zudem „gewaltpräventiv“ aus. Ferner sei mit einer Belebung der Wirtschaft zu rechnen: „Migration bedeutet fast immer einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Region, in die migriert wird“, zitiert Jacobs Migrationsforscher Düvell. In diesem Sinne wäre eine Welt ohne Grenzen eine große Chance.

Der Verfasser ist Philosoph, Theologe und Wirtschaftsingenieur. Er lebt in Berlin und arbeitet als Autor.

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Josef Bordat Migranten Völkerrecht

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