Sklaverei

Quilombola-Gemeinden: Traditionen stärken

Von „Black lives matter“ lernen: Brasiliens neue afrobrasilianische Quilombola-Gemeinden.
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Foto: Renan Rosa/Imago Images | Die afrobrasilianische Bevölkerung wurde lange Zeit unterdrückt – leider auch in der Kirche. Damit soll nun endgültig Schluss sein.

Black lives matter“ und die Politik Präsident Bolsonaros haben mitgeholfen, dass in Brasilien erstmals in der katholischen Kirche eigene afrobrasilianische Kirchengemeinden entstanden sind und über das Erbe der Sklaverei ein neuer Diskurs geführt wird. Brasilien war im Jahr 1888 das letzte Land der westlichen Welt, das die Sklaverei abgeschafft hat. Unter den Gegnern der Sklaverei (Abolitionisten) war die katholische Kirche nur marginal vertreten, es waren vielmehr liberale, freimaurerische und zuletzt sogar monarchistische Kräfte, die die Abschaffung der Sklaverei forderten, zu einem Zeitpunkt als die Wirtschaftsform der Sklaverei längst überholt war. Dabei waren Vertreter der katholischen Kirche, vor allem Jesuiten wie Antonio Vieira, mit verantwortlich für die Einfuhr schwarzafrikanischer Sklaven nach Brasilien im 17. Jahrhundert, um die für die Plantagenarbeit weniger geeigneten indigenen Völker vor Sklavenarbeit zu schützen.

Der Konflikt mit der Monarchie, die in Brasilien seit der Kolonialzeit das Patronat über die Kirche besaß, hatte die brasilianische Kirche so gelähmt, dass sie an dem größten gesellschaftlichen Problem Brasiliens, nämlich der bis 1888 fortbestehenden Sklaverei, kaum Anstoß genommen hat. Im Gegensatz zu den zumeist protestantischen Kirchen der angelsächsischen Welt, die einen entscheidenden Anteil an der Abschaffung der Sklaverei hatten, und denen es gelungen war, auch 1850 den Handel mit Sklaven in Brasilien zu unterbinden, profitierte die katholische Kirche Brasiliens bis 1888 weiter von der Sklavenwirtschaft. Die Kirche hat deshalb bis heute in der Seelsorge der afrobrasilianischen Bevölkerung mit immensen Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen.

Goldenes Gesetz von 1888

Auch nach der Abschaffung der Sklaverei durch das „Goldene Gesetz“ 1888 wurden in der Gesellschaft keine Bedingungen geschaffen, um die Afrobrasilianer zu integrieren. Die Ideologie, die vorher die Sklaverei unterstützte, verhinderte, dass sie danach die Möglichkeit bekamen, gleichberechtigte Bürger Brasiliens zu werden. Noch heute sind die Ungleichheiten zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung beim Zugang zu Bildung, Beschäftigung, Löhnen, Wohnraum und anderen Grundbedürfnissen die Folge eines jahrhundertealten historischen Prozesses, der den Afrobrasilianern ihre grundlegenden Rechte verwehrte.

Dabei hatten in Brasilien viele Afrobrasilianer die Sklaverei nicht einfach hingenommen. Sie gründeten „Quilombos“ in oft abgelegenen Regionen als ein Orte des Widerstands und als Alternative zum Sklavenmodell. In der Zeit nach der Abschaffung der Sklaverei entstanden auch in den Städten afrobrasilianische Bruderschaften, die als „moderne Quilombos“ ein Ort des Überlebens und der Aufnahme der von der Gesellschaft misshandelten Menschen wurden. Außerhalb der Kirchen entstanden die afrobrasilianischen Kulte, wie Candomblé oder Umbanda als Orte der Selbstfindung einer unterdrückten Bevölkerung.

Brasilianisches Nationalgefühl

Brasilien fand erst seit Beginn der 1930er Jahre ein eigenes brasilianisches Nationalgefühl, die Afrobrasilianer hatten durch ihre Dominanz im Karneval und Fußball einen hohen Anteil daran, aber auch dies förderte nicht wesentlich ihre Integration. Es entwickelte sich keine traditionelle schwarze Bürgerbewegung wie in den USA. Der herrschende Diskurs, der von dem Soziologen Gilberto Freyre (1900-1987) begründet wurde, schuf den Mythos der brasilianischen „Rassendemokratie“ und postulierte ein harmonisches Zusammenleben der Weißen, Schwarzen und Indigenen, so als ob durch Vermischung ein besserer Mensch entstehen würde. Die blutig niedergeschlagenen Sklavenrevolten in den Quilombos blieben aus der offiziellen Geschichtsschreibung ausgeblendet. Noch heute hört man von weißen Brasilianern die These, dass sich die Sklaven freiwillig unterordneten – und man erwartet genau das weiterhin von ihren Nachfahren. Auch als nach Ende der Militärherrschaft 1985 die Indigenen mit ihrem Anspruch auf ihr Land für die jahrhundertelange Unterdrückung entschädigt wurden, erhielten Afrobrasilianer nicht das Wohnrecht in ihren ohne Landtitel gebauten Favelas am Rande der Großstädte. Erst unter den linken Präsidenten Lula und Dilma, Anfang der 2 000er Jahre, erhielten erste Quilombola Gemeinden ein Landrecht in ihren Siedlungen.

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Antlitz des leidenden Christus

Die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Puebla (1979) regte auch die Kirche erstmals zu einem Engagement für die Afroamerikaner an, weil in ihnen das „Antlitz des leidenden Christus zu sehen sei“. Die Konferenz von Santo Domingo (1992) bekräftigte im Dokument „Ecclesia in America“ eine besondere Verpflichtung gegenüber den Afroamerikanern. 1997 widmete sich erstmals eine „Kampagne der Brüderlichkeit“, das ist die zentrale soziopastorale Kampagne der brasilianischen Bischofskonferenz CNBB zur Adventszeit, den Anliegen der afrobrasilianischen Bevölkerung. Darin ging die Kirche in Brasilien die Verpflichtung ein: „die kulturellen Werte des afro-brasilianischen Volkes und seine Religiosität zu fördern und seine Art zu sein und zu handeln zu respektieren“. Dies war die Geburtsstunde der afro-brasilianischen Pastoral, als Teil der bischöflichen Kommission Justitia et Pax innerhalb der CNBB.

Am ersten Adventssonntag wurde erstmals im brasilianischen Bundesstaat Bahia im Bereich der Erzdiözese Feira de Santana eine neue Pfarrei für die afrobrasilianische Landbevölkerung errichtet. In der Gemeinde Matinha dos Pretos Quilombola in der Kirche von Sao Roque wurde die erste Messe gefeiert. Die neue Pfarrei soll zum pastoralen Zentrum für 13 lokale afrobrasilianische Quilombola-Gemeinden werden und gemeinsam mit diesen aufgebaut werden. Solche neuen Pfarreien sollen für die Afrobrasilianer die Anerkennung ihrer Wurzeln und ihrer vielfältigen kulturellen und religiösen Traditionen stärken. Die neue Pfarrei plant auch in der Tradition der Basisgemeinden die Wiederbelebung traditioneller landwirtschaftlicher Projekte der afrobrasilianischen Bevölkerung.

Polizeigewalt gegen Afrobrasilianer

Ein Grund für die Errichtung eigener afrobrasilianischer Personalpfarreien zum jetzigen Zeitpunkt war auch die Bewegung „Black lives matter“, die im letzten Jahr von den USA nach Brasilien überschwappte. Die Afrobrasilianer wurden sich bewusst, dass in Brasilien die Polizei zehnmal so viele Menschen wie in den USA tötet, vor allem Afrobrasilianer. Fast 6 000 waren es im Jahre 2019, die durch Polizeigewalt zu Tode kamen, die meisten davon Afrobrasilianer. Anders als in den USA reagiert die schwarze Bevölkerung Brasiliens meist mit Hilflosigkeit und Angst auf Polizeigewalt.

Dass sich Brasiliens „Black Movement“ dennoch formierte, hatte auch mit Widerstand gegen den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro zu tun, der Anfang 2019 ins Amt kam. Unter Bolsonaro, der selbst ein Anhänger der evangelikalen Pfingstkirchen ist, vermehrte sich die Polizeigewalt in den Favelas, auch die Gewalt gegen die Anhänger der afrobrasilianischen Kulte nahm sehr stark zu.

Einfluss der Pfingstkirchen

Anders als die katholische Kirche, die sich mit diesen Kulten arrangiert hatte und sogar einen Dialog führt, bekämpfen die Evangelikalen diese afrobrasilianischen Kulte als „Teufelszeug“. Bolsonaro ist es allerdings gelungen, einen Keil innerhalb die Front der afrobrasilianischen Bewegung zu schlagen. Auch die evangelikalen Pfingstkirchen, die aus der Wohlstandstheologie ihre zentrale Ideologie gemacht haben, wirken auf Teile der afrobrasilianischen Bevölkerung attraktiv, nämlich die, die ihren Traum von Wohlstand noch nicht aufgegeben haben.

Mit solchen afrobrasilianischen Anhängern von Pfingstkirchen besetzte Bolsonaro einige Spitzenposten in wichtigen Bundesbehörden. Die Pandemie hat die sozialen Ungleichheiten in Brasilien wieder verstärkt, auch hier sind Afrobrasilianer wiederum die Haupt-Leidtragenden. All diesen neuen Randgruppen und den von den Pfingstkirchen Ausgestoßenen wollen die neuen katholischen afrobrasilianischen Quilombola-Gemeinden ein neues Heimatangebot machen.

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