Altarkunst

Altäre: Mehr als interessante Schaustücke

In Altären findet sich meist mehr als eine Abbildung jener Menschen, die man als vorbildlich in der Christusnachfolge bezeichnen kann.
Menschliche Darstellung auf Altären
Foto: BS | Auch für Menschliches, Allzumenschliches ist auf Altären Platz.

Es ist eine Szene wie aus dem Bilderbuch. Ein in festliche Gewänder gehüllter Mann legt seine Hand liebevoll auf die Schulter seiner nicht minder repräsentativ gekleideten Frau, die gerade ihr jüngstes Kind stillt. Zu den Füßen des Paares spielen drei weitere prächtige Exemplare ihres Nachwuchses. Eines reitet auf einem Steckenpferd. Was wie ein Ausschnitt aus dem Alltag einer glücklichen Familie aussieht und auch genau dies darstellt, ist Teil eines prachtvollen Altars, den die Lübecker „Gertrudenbruderschaft der Träger“ gestiftet hat.

Er befindet sich heute im St.-Annen-Museum der Hansestadt und ist nur einer von vielen bemerkenswerten Altären, die als Zeitzeugnisse gelebten Glaubens dort den mehr oder weniger gläubigen Besuchern Einblicke in die religiöse Praxis früherer Jahrhunderte geben. Die Botschaft, die das Bild vermittelt, ist keineswegs so profan, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn die heilige Gertrud, die Patronin der Bruderschaft, die im Zentrum des Altars zu sehen ist, wird umgeben von Mitgliedern der heiligen Sippe, den näheren und entfernten Verwandten der Gottesmutter Maria, jener jungen Frau, die Jesus Christus geboren hat. Die Bilder der Familien vermitteln den Eindruck von Menschlichkeit, von einem ganz normalen Alltag. Genau dies sollen sie auch. Denn es geht bei einem christlichen Altar um das Geheimnis der Menschwerdung. Zugleich aber geht es selbstverständlich auch um das göttliche Mysterium und um ein weltverwandelndes Opfer. Eine Menge Themen für ein einzelnes Ausstattungsstück eines spirituellen Erlebnisraumes. Kein Wunder also, dass die Altäre im Laufe der Geschichte so verschiedene Ausdrucksformen angenommen haben und bis heute annehmen.

Elija und die Baalspriester

Gehen wir einen Schritt zurück, einen ziemlich großen, um genau zu sein. Wir befinden uns im Land Israel auf dem Berg Karmel. Dort hat der Prophet Elija die Baalspriester gerade zu einem Megaevent eingeladen. Das Publikum ist reichlich herbeigeströmt. Es liegt der anregende Duft einer Sensation in der Luft. Was Elija vorhat, klingt vollkommen verrückt. Denn er fordert die Priester jenes Gottes, dem inzwischen die Mehrheit seines Volkes anhängt und deren Selbstbewusstsein aus genau diesem Grunde gewaltig angewachsen ist, zu einem Wettstreit heraus. Brennpunkt der Entscheidung zwischen Jahwe und Baal ist ein Altar, den Elija auf dem Berg errichtet hat. Auf ihm sollen die Baalspriester Opferfleisch und Holz aufschichten. Und dann sollen sie beten. So mächtig, wie ihr Gott aus ihrer und vieler anderer Menschen des Volkes Israels Sicht ist, sollte es für ihn kein Problem sein, das Opfer zu entflammen, auf dass es zu seinem Wohlgefallen als wohlgefälliger Duft aufsteige zu ihm.

Die Baalspriester nehmen die Herausforderung an. Sie singen und tanzen um den Altar. Sie rufen und schreien. Dann werden sie langsam unruhig. Denn die ersten werden schon heiser, als die Mittagsstunde naht und immer noch kein Feuer vom Himmel gefallen ist. Elija lässt sich die Chance nicht entgehen und moderiert das Geschehen. „Schreit doch noch ein wenig lauter“, ermuntert er seine Gegner. „Es ist ja schließlich ein Gott, zu dem ihr ruft. Vielleicht ist er beschäftigt, vielleicht schläft er, vielleicht hat er euch noch nicht gehört.“ Die Baalspriester geraten in Raserei, sie ritzen ihre Haut auf, sie rufen und rufen, aber nichts geschieht und sie ziehen blamiert von dannen. Dass Elija die Situation dann, obwohl er des Effektes wegen sein Opfer samt Holz noch zusätzlich mit Wasser übergossen hat, sehr schnell wendet und sein Gott Feuer vom Himmel fallen lässt, bringt die Wende. Die Geschichte, die im Buch der Könige im Alten Testament nachlesbar ist, zeigt dreierlei: Bei einem Altar geht es um ein Opfer, es geht um Verwandlung und es geht um etwas Unverfügbares oder vielmehr um den Unverfügbaren, Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, dem wir uns am Altar nahen dürfen und über den wir in keiner Weise Macht haben.

Altäre sind Opferplätze

Dass Altäre Opferplätze sind, ist ein Gedanke, der im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Vergessenheit geraten ist. Dadurch, dass die Altäre von prachtvollen Bauten, die, zwischen Himmel und Erde aufgerichtet, die Verbundenheit von Gott und Mensch sichtbar machen und so gewissermaßen einen Knotenpunkt für die Begegnung bilden, zu Esstischen gemacht wurden, um die die Gemeinde sich in fröhlicher Runde versammelt, ist Gott nach und nach aus dem Blick geraten. Stattdessen richtet sich der Blick nun auf die Mitfeiernden. Und das ist nicht immer von Vorteil. Denn die Perspektive der Ewigkeit, der Unendlichkeit fehlt nun sowohl dem Einzelnen als auch der Gemeinschaft. Deren Mitglieder sind nun zunehmend aufeinander verwiesen, aneinander gekettet und das geht, wie man am gegenwärtigen Zustand der Kirchen ablesen kann, keineswegs immer gut aus.

Gehen wir deshalb zurück ins Museum St. Annen in Lübeck und werfen einen Blick auf die dortigen Altäre. Der Gertrudenaltar zeigt im Zentrum eine Heilige. Gertrud, von der die Gläubigen wissen, dass sie genau dort angekommen ist, wo sie selbst hinwollen, in der himmlischen Herrlichkeit, ist für sie eine verlässliche Wegbegleiterin. Sie weiß, wo es lang geht. Sie weiß, was man beachten muss, wenn man ankommen will. Und sie weiß, welche Hindernisse sich einem in den Weg stellen und wie man sie beseitigen kann. Dass die Heiligen in der Folge der Reformation zunächst in den protestantischen und bis heute weitgehend auch in den katholischen Gemeinden für überflüssiges Beiwerk in der dem selbstmächtigen Individuum jederzeit möglichen direkten Begegnung mit Gott erklärt, und zunächst an den Rand geschoben und dann ganz vergessen wurden, ist eines der großen Verlustgeschäfte der Christenheit.

Wir brauchen Heilige

Denn tatsächlich brauchen wir Menschen, wie das Zweite Vatikanische Konzil zu Recht betont hat, die Communio, die Gemeinschaft der Gläubigen. Die aber bezieht unsere spirituellen Vorfahren mit ein, vor allem jene, die sich damit auskennen, wie eine gelungene, inspirierende, das Leben wandelnde Gottesbeziehung funktioniert. Sie sind, genau wie wir, vollkommen verschieden. Und das ist auch gut so. Deshalb bilden die mittelalterlichen Altäre ein so breites Spektrum verschiedenster Heiliger ab, deren unterschiedliche Persönlichkeiten die ebenso verschiedenen Menschen begleiten können, die vor diesen Altären beten.

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Aber natürlich beinhaltet das Thema Altäre weit mehr als eine Abbildung jener Menschen, die man als vorbildlich in der Christusnachfolge bezeichnen kann. Es finden sich hier, wie ein Besuch der Ausstellung im St. Annen Museum zeigt, auch grundsätzliche Menschheitsthemen. Beispielhaft hierfür steht jener Altar, an dem dargestellt wird, wie die Tugenden Christus ans Kreuz schlagen. Die Tugenden? Wird mancher jetzt irritiert fragen und denken, dass dies doch wohl ein Druckfehler sein muss. Keineswegs. Denn das verzweifelte Wort des unter dem Kreuz stehenden Gläubigen, der den Zusammenhang zwischen seinen eigenen Fehlhaltungen und dem Tod Jesu erkennt: „Ach, unsre Sünden haben dich geschlagen“, spricht genau von jener Sonderung, jener Trennung von Gott, die die Sünde beinhaltet, die in den zu Fehlhaltungen gewordenen geistlichen Grundhaltungen wurzeln, die man Tugenden nennt.

Wegmarken der Spiritualität

Mittelalterliche Altäre sind, wie man an diesen beiden und vielen weiteren Beispielen sehen kann, also weit mehr als interessante Schaustücke, auf denen man zu seinem Vergnügen einen Hund entdecken kann, der einen kindlichen Bischof ins Messgewand beißt. Sie sind Wegmarken der Spiritualität unserer Vorfahren, sie sind Spielräume geistlichen Lebens und stehen für eine Ausrichtung auf jene lichte Wirklichkeit, die unser irdisches Dunkel wirkmächtig zu erhellen vermag. Damit diese Ausrichtung funktioniert, muss die Blickrichtung stimmen. In ihrem Zentrum sollte kein selbst ernannter Alleinunterhalter stehen, der zur Freude des Publikums seinen Platz hinter dem Altar eingenommen hat. Es sollten vielmehr alle gemeinsam zu dem aufblicken, der für uns durchbohrt wurde und dessen offenes Herz zur Quelle des Lichtes und des Lebens geworden und auf jedem Altar zu unserem Heil gegenwärtig ist. Dies ist die Sicht des Glaubens, aus dessen Quelle schöpfend die Künstler der Vergangenheit und hoffentlich auch der Gegenwart Altäre schaffen. Sie zu verstehen ist essentiell, wenn man einen Zugang zur ihrer Formensprache, vor allem aber zu ihrem Sinn und Zweck gewinnen will.

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