Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Zelebration der Abgründe

Der Auftritt der Band „Lord of the Lost” beim ESC offenbart ein trauriges Zeitgeist-Phänomen: Als beklatschenswert gilt, was böse, falsch und hässlich daherkommt.
67. Eurovision Song Contest - Finale
Foto: Peter Kneffel (dpa) | Lord Of The Lost aus Deutschland reagieren nach ihrem Auftritt mit «Blood & Glitter» beim Finale des 67. Eurovision Song Contest (ESC).

Seit meinen Kindertagen habe ich mich nicht mehr für den „Eurovision Song Contest“ interessiert. Mein eingeschlafenes Interesse erwachte, als Medien mich auf die demokratische Mehrheitsentscheidung aufmerksam machten, die Gruppe „Lord of the Lost“ solle Deutschland vertreten. Ich hätte die Nachricht überlesen, hätte mich nicht ein Bild der volksvertretenden Sangestruppe geradezu angeschrien. Ich blickte in verhauene, zerstörte Gesichter, die auch die martialisch aufgetragene Schminke nicht verschlimmern konnte. Brutal. Fratzenhaft. Grell. Geil. Böse.

Da wählt also das deutsche Fernsehvolk junge Männer aus, die auf den ersten Blick so aussehen, als müsste man die Frauen vor ihnen warnen und die Kinder vor ihnen verstecken. Als sich die Finalisten präsentierten, hüllten sich die jeweiligen Künstler in ihre Landesflagge ein. „Lord of the Lost“ machte da eine zeitgeistaffine Ausnahme. Sie versammelten sich hinter der Regenbogenfahne.

Kollektive ästhetische Geschmacksverirrung

Als ich nun von der Entscheidung des Wettbewerbs hörte, tröstete es mich doch ein wenig, dass „Lord of the Lost“ den letzten Platz belegten und sozusagen zu „Lord of the Losers“ wurden. Gesamteuropa scheint sich also noch nicht in Gänze vom gesunden Menschenverstand verabschiedet zu haben. Dennoch bleibt für mich die deutsche Frage. Es ist die Frage nach der kollektiven ästhetischen Geschmacksverirrung einer Fernsehnation, deren Ergötzen sich in keiner Weise mehr am Guten, Wahren, Schönen orientiert, sondern beklatschenswert findet, was böse, falsch und hässlich daherkommt.

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Schon klar: Hinter Rex Gildo, Roy Black und Roberto Blanco taten sich auch seelische Krater auf. Aber vom Missfallen an einer verlogenen, falschen Glätte in die Zelebration der Abgründe zu verfallen und eine satanische Band vertretbar zu finden, das ist schon eine Art High-End-Stufe, die man kulturphilosophisch betrachten muss. 

Zeitalter des „expressiven Individualismus“

Charles Taylor bietet die Kategorie „soziales Vorstellungsschema“ an, um die „hochindividualistische, ikonoklastische, sexuell besessene und materialistische Mentalität“ (Carl R. Trueman) unserer Zeit zu verstehen. Taylor spricht vom Zeitalter des „expressiven Individualismus“, in dem gut nicht mehr das ist, was allgemein gut ist. Gut soll sein, was das sich selbst erschaffende individuelle Subjekt aus sich macht und freimütig - man könnte auch sagen schamlos - veröffentlicht. Unter der Hand wechseln wir von Sein in Schein, von Charakter in Charakter-Darsteller, von Ikone in Stil-Ikone.

In der „Kultur der Authentizität“ kann das Böse cool sein, weil das Coole nicht böse sein kann. Charles Taylor schreibt zur Kultur der Authentitzität: „Damit meine ich die Auffassung des Lebens, ... wonach jeder seine eigene Art hat, sein Menschsein in die Tat umzusetzen, und wonach es wichtig ist, den eigenen Stil zu finden und auszuleben, im Gegensatz zur Kapitulation vor der Konformität mit einem von außen - seitens der Gesellschaft, der vorigen Generation oder einer religiösen oder politischen Autorität - aufoktroyierten Modell.“

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