Schach und Geschlecht

Warum Männer besser Schach spielen

Die immer wieder geäußerte Forderung nach Gleichheit sei illusorisch und ignoriere auch mentale Unterschiede zwischen den Geschlechtern, so ein Datenwissenschaftler im American Conservative.
Schach-WM in Saudi-Arabien
Foto: --- (Saudi Press Agency) | Ein Schachspielerin denkt am 28.12.2017 während des Schach-Wettbewerbs "King Salman World Rapid and Blitz" in Riad (Saudi-Arabien) über ihren nächsten Zug nach.

Bradford Tuckfield ist Datenwissenschaftler. Im amerikanischen Magazin „The American Conservative“ untersucht er, warum es bisher kaum eine Frau in die Weltrangbestenliste der Schachspieler geschafft hat. Hat dies etwas mit Diskriminierung zu tun? 

Tuckfield führt zunächst an, dass selbst nach Jahrhunderten des Kampfs um Frauenstimmrechte, Frauenbefreiung, Feminismus und Frauen-Förderungsmaßnahmen weltweit „das Top-Level beim Schach ein markantes Ungleichgewicht zugunsten von Männern“ bewahre. Zum Zeitpunkt der Abfassung seines Artikels seien von den 100 weltbesten Schachspielern 99 Männer und nur eine Frau, Hou Yifan, die auf Platz 84 rangierte. Das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen beschränke sich zudem nicht auf einen Teil der Welt, sondern gelte mehr oder weniger weltweit – sogar in den progressivsten Nationen des Westens. So liste beispielsweise die US-Rangliste der 71 besten Spieler 70 Männer und eine Frau auf (auf Platz 71).

Seit 50 Jahren Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern

Es sei nicht einfach, meint Tuckfield, dieses „gigantische Ungleichgewicht an der Spitze des Schachs“ zu erklären. Die weltweiten Schach-Rankings bevorzugten nicht einseitig das männliche Geschlecht: „Sie basieren auf objektiven ‚Elo‘-Zahlen, die von Schachspielern und Mathematikern als fair und korrekt akzeptiert werden“. Da es beim Schach auch eher um mentale als um physische Eigenschaften gehe, sollten, so betont Tuckfield, die Unterschiede in Größe, Gewicht und Muskelmasse zwischen Männern und Frauen auch keine so große Differenz bei den Ergebnissen zur Folge haben. Es gebe keine Möglichkeiten für Mannschaftskameraden, eine talentierte Spielerin zu sabotieren. Darüber hinaus habe Schach „äußerst niedrige Zugangshürden, so dass selbst jemand ohne Förderung oder starke Netzwerke es bis zur Spitze schaffen kann“. Über diese Chancengleichheit hinaus gebe es auch eine weitverbreitete Förderung sogenannter benachteiligter Gruppen: FIDE (Fédération Internationale des Échecs), die Dachorganisation der nationalen Verbände der Schachspieler, „vergibt besondere Titel an Frauen sowie Wettkampfauszeichnungen, die nur Frauen offenstehen – wie es auch viele Länder und private Organisationen handhaben“.

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Weshalb also besteht dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern? Man könnte denken, dass es ein vorübergehendes Phänomen sei. Doch dieses „Phänomen“ existiere nun schon seit 50 Jahren: „Die erste offizielle weltweite Schach-Rangliste wurde im Jahr 1971 herausgegeben, und damals gab es überhaupt keine Frauen unter den 100 Besten (Nona Gaprindashvili war die beste unter den Frauen und lag auf Platz 285)“. Dieses 100/0-Ungleichgewicht unter den Top 100 habe sich bis Januar 1987 fortgesetzt, als die erste Frau in dieser Weltbestenliste auftauchte und auf Platz 77 rangierte. 

Männer und Frauen sind unterschiedlich

Soziale Faktoren könnten, so schreibt Tuckfield, nicht verantwortlich für diese Unausgewogenheit sein. Wäre dem so, so sollten wir erwarten, dass Frauen in einem gesellschaftlich ausgewogenen Milieu ebenso gut wie Männer Schach spielen: „Doch die Daten zeigen, wenn überhaupt, dass das Gegenteil wahr ist. Männer übertreffen leistungsmäßig durchweg Frauen in Ländern auf der ganzen Welt, doch einer Studie zufolge hatten Länder mit den niedrigsten weiblichen Teilnahmeraten die geringsten Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen, während Länder mit einer höheren weiblichen Beteiligung größere Leistungsdifferenzen aufwiesen“.

„Wenn diese Leistungskluft nun aber groß und anhaltend besteht und nicht das Ergebnis sozialer Faktoren ist – was bleibt dann noch, um sie zu erklären?“, fragt Tuckfield. Seiner Ansicht nach die „vernünftigste Erklärung“ sei ganz einfach: „Männer und Frauen zeigen unterschiedliche Resultate beim Schach, weil Männer und Frauen unterschiedlich sind“. Dabei sei es ganz wichtig anzumerken: „Zu sagen, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, heißt nicht, dass Männer ‚klüger‘ oder besser als Frauen sind. Schach ist letztendlich ein Spiel, und es gibt keinen Grund dafür, warum wir meinen sollten, dass die Überlegenheit im Schach wertvoller oder intellektuell beeindruckender sei als eine Überlegenheit beim – sagen wir mal – Erlernen von Sprachen. Intelligenz ist mehrdimensional, und selbst dann, wenn wir anerkennen, dass Männer beim Schach besser abschneiden als Frauen“ bedeute dies nicht zwingend, dass Männer eine generelle Überlegenheit besitzen.  DT/ks

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