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Von der Klosterstille zur Stadtlounge

St. Gallen ist barock und modern, gelehrt und entspannt – eine Stadt voller Kontraste und doch eine runde Sache.
Feuilleton
Foto: Delia Bösch | Im Schatten der Stiftskirche entspannen Studenten aus aller Welt.

Kann eine Stadt barock und modern, gelehrt und entspannt zugleich sein? Wer in St. Gallen war, weiß, dass das geht, denn hier verbinden sich Vergangenheit und Zukunft stimmig miteinander. Es ist vor allem der Stiftsbezirk mit seiner Kirche und der berühmten Stiftsbibliothek, der Jahr für Jahr mehr Touristen in die Stadt in der Ostschweiz lockt. Seit 1983 ist das ehemalige Klosterareal St. Gallen als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet. Das barocke Ensemble liegt in der Mitte der Stadt und gehört zu den bedeutendsten Kulturstätten Europas. Heute ist dieser Ort, der über Jahrhunderte eines der wichtigsten geistigen Zentren des Abendlandes war, mit fast 200 000 Besuchern allein im Museumsbetrieb eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Schweiz.

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Bei einem Spaziergang durch die Altstadtgassen mit ihren bunt bemalten Erkern, edel sanierten Jugendstilfassaden und kleinen Ladengeschäften zeigt sich die Stadt von einer vitalen, weltoffenen und kreativen Seite. Touristen mischen sich unter Einheimische und Studierende der St. Galler Universität; Cafés und Plätze sind Treffpunkte im urbanen Alltag. Dann münden die engen Gassen plötzlich in einen weiten Platz und vor einem steht das prächtige Barockensemble. Der ehemalige Klosterbezirk ist heute selbstverständlicher Teil des Stadtlebens. Studenten liegen im Schatten der Kirche auf dem Rasen und Besucher machen Selfies, während Guides ihre Gruppen über den Platz führen. Mittelalterliche Gelehrsamkeit, moderne Wissensvermittlung und das Flair einer Universitätsstadt treffen hier aufeinander – ein selbstverständliches Nebeneinander, das den Reiz St. Gallens ausmacht.

Das kulturelle Gedächtnis der Menschheit

Die Geschichte von St. Gallen begann mit einem Rückzug in die Stille. Im Jahr 612 ließ sich der irische Wandermönch Gallus in einem bewaldeten Tal nieder und errichtete fern jeder Siedlung eine einfache Klause. Aus dieser Einsiedelei entwickelte sich nach seinem Tod eine kleine klösterliche Gemeinschaft. Im Jahr 719 gründete Abt Othmar schließlich das Benediktinerkloster St. Gallen.
Als das Kloster St. Gallen im 8. Jahrhundert die Regel des Benedikt von Nursia übernahm, entwickelte es sich zu einem Ort des Wissens. Lesen und Lernen wurden fester Bestandteil im Alltag der Mönche. Bereits um 760 entstand im Kloster St. Gallen ein Skriptorium, in dem religiöse und wissenschaftliche Texte geschrieben, kopiert, korrigiert, kommentiert und mit Initialen und Miniaturen illustriert wurden.

Besonders repräsentative Handschriften wurden mit Blattgold und kostbaren Farben veredelt und zu Büchern gebunden. Auf diese Weise bewahrten die Benediktinermönche über Jahrhunderte antikes Wissen wie auch frühmittelalterliche Texte und legten den Grundstein für die St. Galler Stiftsbibliothek. Mitte des 18. Jahrhunderts entstand für dieses kostbare „Archiv des Wissens“ unter dem Fürstabt Cölestin Gugger von Staudach die neue Stiftsbibliothek St. Gallen – als Teil einer umfassenden barocken Neugestaltung des Klosters.

Heute umfasst die Stiftsbibliothek rund 170 000 Bücher und weitere Medien; ein großer Teil wird in speziell klimatisierten Magazin- und Depoträumen bewahrt. Besonders bedeutend sind die rund 2 100 mittelalterlichen Originalhandschriften. Das dokumentarische Erbe des ehemaligen Klosters in Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv wurde 2017 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen – eine Auszeichnung für Dokumente und Sammlungen von herausragender Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Ein großer Teil der Handschriften ist bereits digitalisiert und online einsehbar. Zu den Schätzen der Bibliothek gehören kostbare Handschriften und frühe Drucke, von denen ausgewählte Exemplare im historischen Schauraum präsentiert werden.

Die neue Welt auf einem Globus

Mit dicken grauen Filzpantoffeln über den Schuhen stehen die Besucher unter der schweren Eingangstür zum Bibliothekssaal. Über ihr erinnert eine lateinische Inschrift in goldenen Lettern an das Selbstverständnis der Bibliothek: „Medicina mentis“. Das bedeute, erklärt der Guide, „Medizin des Geistes“ – oder, etwas freier, „Heilstätte für die Seele“. Über knarzendes Holzparkett spazieren die Besucher in dem barocken Prunksaal mit seinen zweigeschossigen Bücherregalen und geschwungenen Emporen von Exponat zu Exponat. Über allem wölbt sich ein eindrucksvolles Deckenfresko, das die Einheit von göttlicher Weisheit, Glauben und Wissen thematisiert. Denn es sind nicht nur die filigranen, aufgeschlagenen Handschriften in den schweren Vitrinen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern auch der spätbarocke Bibliothekssaal selbst.

Ein eigener Raum im Museumskomplex widmet sich dem berühmten St. Galler Klosterplan. Die Zeichnung wurde um 825 von Mönchen auf der Insel Reichenau angefertigt und ist der visionäre Entwurf einer idealtypischen Klosteranlage für St. Gallen – mit Kirche und Kreuzgang, Bibliothek und Skriptorium, Schule, Krankenstation, Werkstätten und Wirtschaftsgebäuden, Wohnräumen, Gärten und Latrinen. Das aus fünf zusammengenähten Pergamentblättern bestehende Dokument hat die Jahrhunderte überlebt und gilt als älteste Architekturzeichnung des europäischen Mittelalters.

Aus konservatorischen Gründen wird den Besuchern nur ein kurzer Blick auf dieses Schlüsseldokument gewährt. Es ist ein fast magischer Moment, als sich der Ausstellungsraum verdunkelt und der Deckel der Vitrine langsam öffnet. Für ein paar Sekunden liegt der Klosterplan im Licht, dann schließt sich der Deckel wieder und der Plan versinkt im schützenden Dunkel. Die Präsentation des Klosterplans ist der Höhepunkt der Führung und zugleich ein Beispiel für eine gelungene Museumsvermittlung: Erläuterungen und digitale Stationen zeigen Kontexte auf und geben Orientierung, ohne dem Original den Raum zu nehmen.

Vereint Erd- und Himmelsdarstellungen auf einer einzigen Kugel: der St. Galler Globus.
Foto: Delia Bösch | Vereint Erd- und Himmelsdarstellungen auf einer einzigen Kugel: der St. Galler Globus. Foto: Delia Bösch

Zu den eindrucksvollsten Ausstellungsobjekten gehört auch der St. Galler Globus. Er wurde weniger als Messinstrument konstruiert, sondern vielmehr als Modell der neuen Welt und vereint Erd- und Himmelsdarstellungen auf einer einzigen Kugel. Viele Besucher – darunter auch Familien mit wissbegierigen kleinen Kindern – umrunden die Kugel mehrfach und entdecken Schiffe, Tiere und mythologische Figuren, die wie aus einem Fantasy-Comic wirken. Auf dem Globus spiegelt sich das Weltbild der Renaissance: eine Welt, die durch die Entdeckungsfahrten größer wurde und deren geografische Gestalt sich erst nach und nach erschloss.

Heute ist der Stiftsbezirk ein Teil der Altstadt. Über Jahrhunderte jedoch war das Kloster durch eine massive Mauer vom städtischen Leben getrennt. Die Stadt St. Gallen entwickelte sich rund um die Klosteranlage: Händler, Handwerker und Kaufleute siedelten sich außerhalb der Klostermauer an. Wer heute nach der einstigen Grenze zwischen Kloster und Stadt sucht, muss genau hinsehen: Nur an einer Stelle ist die Mauer noch sichtbar, der größte Teil liegt rund eineinhalb Meter unter dem heutigen Straßenniveau.

Von der Stickerei zur Wissensstadt

1805 endete die politische und geistliche Herrschaft der Fürstabtei St. Gallen. Das Kloster wurde säkularisiert, die Gebäude blieben jedoch erhalten. Aus dem einstigen Machtzentrum wurde im Laufe der Zeit ein öffentlich zugänglicher Ort. In den Räumen des Stiftsbezirks sind heute unter anderem die Stiftsbibliothek, Museen, Archive und Einrichtungen des Kantons St. Gallen untergebracht.

Prachtvolle Bürgerhäuser und ehemalige Lagergebäude erinnern noch heute an die Zeit, in der St. Gallen durch die Textilindustrie zu wirtschaftlichem Wohlstand gelangte. Die begehrten St. Galler Stickereien galten als Inbegriff feinster europäischer Mode und wurden in alle Welt exportiert. Bei Stadtführungen und im Textilmuseum wird diese Geschichte anschaulich. In kleinen Boutiquen, Ateliers, Pop-up-Stores und Designläden zeigt sich zugleich, wie die textile Tradition der Stadt bis in die Gegenwart nachwirkt. Prägend für die Stadt ist vor allem die Universität St. Gallen. Die renommierte Wirtschaftsuniversität ist eine der führenden Hochschulen Europas mit Studenten aus aller Welt. Sie setzt eine Bildungstradition fort, die mit dem Kloster ihren Anfang nahm.

Kloster und Universität, Gelehrsamkeit und Wissenschaft, Industriegeschichte und zeitgenössische Kunst – St. Gallen verbindet unterschiedliche Epochen und Lebenswelten. Besonders deutlich wird das bei einem Spaziergang durch das Bleichli-Quartier. In dem eher unscheinbaren Geschäftsviertel im Stadtzentrum ist eine öffentliche „Stadtlounge“ entstanden. Knallroter Boden, Liegen und Sitzinseln haben ein Platz- und Straßenensemble in eine begehbare Kunstinstallation verwandelt. Die international bekannte Schweizer Video- und Medienkünstlerin Pipilotti Rist hat 2005 in ihrer Geburtsstadt einen Raum geschaffen, der den Alltag mit Gelegenheiten zum Sitzen, Liegen, Verweilen unterbricht.


Die Autorin ist Journalistin und Kunsthistorikerin.

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