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Völkerwanderung und Migrationskrise

2015 erreichte die Einwanderung vorwiegend muslimischer Flüchtlinge nach Europa ihren Höhepunkt. Warum der Vergleich mit der Völkerwanderung hinkt.
Flüchtlinge und Völkerwanderung
Foto: Armin Weigel (dpa) | Flüchtlinge gehen nahe Wegscheid hinter einem Fahrzeug der Bundespolizei.

War alles schon einmal da? Und ist nur vorübergehend verweht? „Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch ,ich erinnere mich ...“ So beschreibt Friedrich Nietzsche (1844–1900) in seinem Werk „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1874) die periodische Präsenz des vermeintlich Entschwundenen. Worte, die auf den ein paar Jahre später formulierten zentralen Gedanken des deutschen Dekadenzphilosophen von der Ewigen Wiederkunft des Gleichen verweisen.

Suche nach Parallelen zum Gegenwärtigen im Geschichtlichen

In der Tat zieht die rastlose Suche nach passenden Parallelen zum Gegenwärtigen im Geschichtlichen als wahre Ur-Kunde ihre Spur durch die Jahrhunderte und -tausende menschlichen Existierens. So waren beispielsweise die Verfasser des Neuen Testaments bemüht, ihre Texte durch Konkordanz mit den heiligen jüdischen Schriften zu legitimieren und zu sakralisieren, besonders durch Verweis und Bezug auf den Tanach, der später von der christlichen Kirche als Altes Testament kanonisiert wurde.

Eine Epoche, die seit dem Mittelalter bis heute als wohl bedeutendster und wahrhaft unerschöpflicher Steinbruch zur Gewinnung kohärent konturierter geschichtlicher Gegenstücke dient, ist zweifellos die Ära des Imperium Romanum. Mit anderthalb Millennien Daseinszeit ist das Römische Reich, das sich in seinem Hochglanz von Britannien bis Ägypten und von Mauretanien bis Armenien erstreckte, eines der stabilsten staatspolitischen Gebilde, das je von Menschen geschaffen wurde. Aufstieg, Verfall und Untergang dieses Riesenreiches werden seither paradigmatisch auch zur Ausleuchtung aktueller Zustände in Staaten, Staatengruppen, Gesellschaften und Regionen bemüht.

Strittiges, gleichwohl wirkmächtiges Schlagwort: Völkerwanderung

2015 erreichte die vor allem muslimische Massenmigration bis dato ungekannte Ausmaße und Auswirkungen in und auf Deutschland sowie ganz Europa, mithin auf das sogenannte Abendland. Seither bahnte sich damit auch ein altes, strittiges, gleichwohl wirkmächtiges Schlagwort den Weg in die Medien- und Meinungswelt: Völkerwanderung. Hatte doch dieses Ereignis, das im Jahr 375 n. Chr. durch den Einfall der Hunnen aus Zentralasien in die südrussische Steppe ausgelöst worden war, maßgeblich zum Fall der Weltmacht Rom beigetragen. Droht nun, im 21. Jahrhundert, die „Islamisierung“ Europas? Die Sorge davor fand hierzulande immerhin ihren Niederschlag in Namen und Aktivität einer als rechtspopulistisch geltenden Bewegung PEGIDA – Patriotische Europer gegen die Islamisierung des Abendlandes.

Die Zentralthese des Bestsellers, den der britische Historiker Peter Heather (geb. 1960) bereits 2005 mit seinem Buch „The Fall of the Roman Empire“ (dt. Titel „Der Untergang des Römischen Weltreichs“, 2007) vorgelegt hatte, entfaltete ihre ganze aktuelle Brisanz erst zehn Jahre später mit dem Beginn der Großen Wanderung 2015. Auf der Flucht vor den Horden der Hunnen waren 376 n. Chr. gotische Verbände bis an die Donaugrenze des Imperiums im Gebiet des heutigen Bulgarien vorgestoßen. Rom gewährte den auf dieser Balkanroute Kommenden – in Abkehr von bisheriger Politik – bereitwillig Aufnahme, weil, so Heather, Kaiser Flavius Valens „in dieser Flutwelle verdrängter Menschen eine große Chance sah“. Skeptiker und Warner wurden ab gebügelt.

DT

Welche Parallelen und Unterschiede Ingolf Bossenz zwischen der spätantiken Völkerwanderung und der Migrationskrise des 21. Jahrhunderts sieht, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 25. April 2019.

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Ingolf Bossenz Abendland Das Römische Reich Friedrich Nietzsche Islamisierung Pegida Völkerwanderung

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