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Michel Houellebecq erhält Oswald Spengler-Preis

„Es ist selten, dass ich optimistischer bin als ein anderer Schriftsteller“: Michel Houellebecq hat den erstmals vergebenen Oswald Spengler-Preis erhalten. Eine Reflexion zur Rede des Preisträgers von Professor David Engels.
Michel Houellebecq
Foto: dpa | Michel Houellebecq.

Von „Ausweitung der Kampfzone“ und „Unterwerfung“ scheint es bis zum „Untergang des Abendlandes“ nur ein kleiner Schritt. Trotzdem war ich als Präsident der internationalen „Oswald Spengler Society“ zusammen mit meinen Kollegen höchst erleichtert, als Michel Houellebecq, einer der bekanntesten Gegenwartsliteraten, uns ebenso rasch wie unkompliziert sein Einverständnis erklärte, erster Preisträger des von Professor Max Otte gestifteten „Oswald Spengler-Preises“ zu werden.

Dankesrede war „ein unvergessliches Ereignis“

Die Dankesrede, die er am 19. Oktober 2018 in Brüssel zum Abschluss einer mehrtägigen wissenschaftlichen Tagung hielt, war für uns alle ein unvergessliches Ereignis, welches neben vielen denkwürdigen Überlegungen, auf die hier nicht eingegangen werden kann, ein interessantes Licht nicht nur auf die Übereinstimmungen, sondern auch Unterschiede zwischen Houellebecq und Spengler warf und wohl als die umfassendste geschichtsphilosophische Selbstdeutung des französischen Romanciers gelten darf. So heißt es argumentativ zwar zunächst in völliger Eintracht mit Spengler: „Wenn ich nun den Zustand des Abendlandes vom Standpunkt dieser beiden Kriterien betrachte […] – Demographie und Religion –, wird klar, dass ich zu Schlussfolgerungen komme, die exakt identisch sind mit jenen Spenglers: Der Westen ist in einem sehr fortgeschrittenen Zustand des Niedergangs.“

Houellebecq: Niedergang des Christentums in Europa könnte reversibel sein

Doch überrascht Houellebecq den Hörer sodann mit der Aussage: „Und trotzdem bin ich optimistischer als er – oder eigentlich unsicherer, also tatsächlich doch irgendwie optimistischer.“ Diese Unsicherheit, hinter der ganz offensichtlich die Hoffnung steht, der Niedergang der Geburtenrate wie auch des Christentums in Europa könnten sich als reversibel herausstellen, begründet Houellebecq durch Verweis auf zwei historische Fallbeispiele. Zunächst arbeitet er heraus, dass der Beginn des französischen Babybooms im Jahre 1942 lag und dementsprechend aus dem Antrieb tiefster Hoffnungslosigkeit heraus verstanden werden muss, mithin also auch das gegenwärtige Europa sich möglicherweise wieder zu einer höheren Natalität aufraffen könnte: „Der gesunde Menschenverstand suggeriert die Idee, dass die Menschen Kinder machen, wenn sie optimistisch sind, wenn sie auf die Zukunft vertrauen.

Aber man könnte zu Recht die gegenteilige Idee vertreten, dass die Menschen Kinder machen, wie man ein letztes Mal die Würfel fallen lässt, wie man eine letzte Karte ausspielt, während man eigentlich überzeugt ist, das Spiel verloren zu haben.“

DT

Oswald Spengler-Preis für Michel Houellebecq – Lesen Sie die komplette Betrachtung von Professor David Engels zur Rede des französischen Schriftstellers in der Ausgabe vom 25. Oktober 2018.

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