Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 50. Todestag Martin Heideggers

Phänomene und Reflexe

Martin Heidegger im Licht christlichen Denkens: Zum 50. Todestag des Philosophen.
Der Philosoph Martin Heidegger
Foto: dpa | Der vor 50 Jahren verstorbene Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) war zweifellos einer der bekanntesten deutschen Denker des 20. Jahrhunderts.

Ein Zentralgestirn am Denkerhimmel: Der vor 50 Jahren verstorbene Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) war zweifellos einer der bekanntesten deutschen Denker des 20. Jahrhunderts. Habermas’ erste Aufsätze in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus den Jahren 1952/53 widmeten sich zunächst bejahend und dann kritisch dem badischen „Großdenker“, der dem Sog des Nationalsozialismus leider nicht entgangen war. Dennoch steht sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ in der Philosophiegeschichte an der Seite von Immanuel Kants Kritiken und Georg F. W. Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Vor allem in Asien leuchtet bis heute sein geistiger Stern.

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Obwohl eindeutig Antisemit, hatte Heidegger mit Edmund Husserl einen jüdischen Lehrer und auch namhafte jüdische Schüler, denen er vor seinem Tod trotz seiner politischen Irrtümer noch versöhnlich begegnen konnte: die Königsbergerin Hannah Arendt, die zeitweilig seine Geliebte war, Karl Löwith, der ihn als „Denker in dürftiger Zeit“ beschrieb, und Herbert Marcuse, den Mentor der 68er-Studentenrevolte.

Um die Person Martin Heideggers entstand schon bald nach Erscheinen von „Sein und Zeit“ (1927) und den Davoser Disputationen mit Ernst Cassirer von 1929 eine Aura, zu der neben der ihm eigenen Sprache seine landsmannschaftliche Herkunft, Bodenständigkeit und Verwurzelung gehören, besonders die von ihm und seiner Frau Elfride („Seelchen“) gebaute Schwarzwald-Hütte in Todtnauberg, die im Sommer 1967 der jüdische Dichter Paul Celan aufsuchte und in ein Gedicht fasste. Auch Heideggers Verehrung für Friedrich Hölderlin und einfache Texte wie „Der Feldweg“ oder „Gelassenheit“ trugen trotz der Irrungen und Verwirrungen im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung zu seinem bleibenden Mythos bei.

„Hölzernes Eisen“: die verblasste Prägung

Ein Dauerthema ist Heideggers ambivalentes Verhältnis zum christlichen Glauben. Er stammt aus dem traditionellen badischen Katholizismus, war frei von liberalen Tendenzen. Sein Vater war Mesner an der Martinskirche in Meßkirch/Baden und Sohn Martin, der ihm beim Läuten der Kirchenglocken half, ging nach dem Abitur und einem zweiwöchigen, wegen Krankheit beendeten Jesuitennoviziat in Tisis/Vorarlberg an die Freiburger Universität, um sich zunächst dem Studium der Theologie und dann immer mehr der Philosophie zu widmen.

Nach seinem bekannten Wort wäre eine christliche Philosophie ein „hölzernes Eisen“. Den Katholizismus seiner Herkunft ließ er hinter sich. Metaphysik ist nicht Dogmatik des Übernatürlichen, sondern die bis in letzte Konsequenzen bedachte Seinsfrage, die für ihn mit der Frage „Warum ist überhaupt etwas und vielmehr nicht nichts?“ beginnt. Der bisherigen Metaphysik warf er „Seinsvergessenheit“ vor und will sie in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ mit der Dimension der Geschichtlichkeit und des „Seins zum Tode“ existenziell verbinden. Philosophie ist nicht abstrakt, sondern soll „Daseinsanalyse“ sein, die zu „Eigentlichkeit“ und „Entschlossenheit“ führt. Während der ihn in seiner Trierer Kriegsgefangenschaft 1940/41 studierende Jean-Paul Sartre bekennender Atheist war, kann man das von Heidegger so nicht sagen. Er findet aus dem dramatischen „Ereignis“, das er auch in der Machtergreifung Hitlers sah, in eine besinnlichere Sicht der Gelassenheit und „Abgeschiedenheit“, die ihn in gewisser Weise in die Nachfolge Meister Eckharts stellen könnte. Nach seinem Tod am 26. Mai 1976 hat der ebenfalls aus Meßkirch stammende Religionsphilosoph und Priester Bernhard Welte (Sekretär des Freiburger Erzbischofs Konrad Gröber) auf Heideggers Bitte hin in der Heimatstadt die Beisetzung geleitet – mit Texten aus den Psalmen, Zitaten Hölderlins und dem Gebet des Vaterunsers.

Katholische Scholaren: Heidegger als Lehrer

Zur evangelischen Theologie kam Heidegger in Kontakt in Marburg über Rudolf Bultmann, mit dem er einen intensiven Briefwechsel führte. Sehr bald hatte Heidegger bedeutende katholische Schüler, besonders aus dem badischen Raum. Zu nennen wären Karl Rahner, Johann Baptist Lotz und Max Müller, dann Heinrich Schlier, der als Schüler Bultmanns 1953 im Beisein Erik Petersons in Rom zum Katholizismus konvertierte, und Gustav Siewerth, der 1959 in Hans Urs von Balthasars Johannesverlag sein Hauptwerk „Das Schicksal der Metaphysik von Thomas zu Heidegger“ veröffentlichte. Neben diesen eher affirmativen Schülern, zu denen in zweiter Generation der spätere Aachener Bischof Klaus Hemmerle und der Mainzer Bischof und Kardinal Karl Lehmann gehörten, gab es stets eine sehr kritische Begleitung Heideggers durch katholische Denker. Zu diesen muss man den Werte-Philosophen Dietrich von Hildebrand, den Hegel-Kritiker Bernhard Lakebrink, die Thomas-Kenner Jacques Maritain, Etienne Gilson und Josef Pieper sowie die zunächst von Heidegger faszinierte Siewerth-Schülerin Alma von Stockhausen zählen. Es gab die Sorge, dass bei Heidegger aus der „Seinsvergessenheit“ eine „Gottvergessenheit“ und ein Totalausfall der Ethik geworden sei. Die schärfste christliche Kritik an Heidegger hat nach Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ der Berliner Theologe und Literaturkenner Kurt Anglet unter der Überschrift „Totenstille und der Geist der Prophetie“ vor zehn Jahren formuliert. Er radikalisiert darin Hans Urs von Balthasars Heidegger-Einordnung als „Vergöttlichung des Todes“ in seinem Frühwerk von 1939, „Apokalypse der deutschen Seele“, und sieht die Verirrung in den antisemitischen Nationalsozialismus als in Heideggers nihilistischem Denken über den Tod und die Stille im Voraus angelegt.

Eine versöhnlich-mittlere Position vertraten die Philosophin und spätere Auschwitz-Märtyrerin Edith Stein und der christliche Religionsphilosoph Romano Guardini. Beide sind Heidegger in Freiburg früh persönlich begegnet – Stein als Assistentin seines Lehrers Edmund Husserl und Guardini am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Seminar Heinrich Rickerts. Es ergab sich bis in Guardinis Münchener Zeit ein lebhafter Austausch. Die maßgebliche Guardini- und Edith-Stein-Biografin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz hat diese Kontakte recherchiert und analysiert. Edith Stein verfasste mit ihrem 1936 abgeschlossenen philosophischen Hauptwerk „Endliches und ewiges Sein“ eine Art Gegenposition. Beide lehnen jedoch seinen Ansatz nicht pauschal ab, sondern würdigen die Daseinsanalyse des uneigentlichen „Man“ und des „Vorlaufens in den Tod“ als hilfreichen Ansatz. Im Zusammenhang mit Heideggers Rehabilitierung an der Freiburger Universität schrieb Guardini am 1. Juli 1949 an seinen katholischen Kollegen Max Müller: „Persönlich stehe ich zu Martin Heidegger seit 30 Jahren in einer mir sehr wichtigen Beziehung. Was das Geistige angeht, so bin ich der Meinung, dass er zurzeit die stärkste philosophische Potenz in Deutschland ist, und ich hoffe das auch öffentlich dokumentieren zu können. Dass es dringend zu wünschen sei, er möge wieder in aller Freiheit, schriftlich wie mündlich, seine Überzeugungen entwickeln können, steht außer Frage. So wäre ich, bei allen Vorbehalten in politischer wie in philosophischer Hinsicht, mit Freuden bereit, zu tun, was in meinen Kräften steht, um ihm zu nützen.“ Auch wer anders denkt und spricht als Heidegger, kann seine Anregungen aufnehmen und von ihm lernen. Das letzte Wort hat nicht das Nichts und der Tod, sondern wie bei Hölderlin der in das Licht führende „Ruf ins Offene“.

Die Wahrheit wird euch frei machen

Der Basler Theologe Hans Urs von Balthasar hat Heidegger schon in den 1920er-Jahren in Freiburg an der Universität gehört und stets gelesen. Er sieht bei Heidegger die Möglichkeit einer „Vermittlung“ von antiker Philosophie und Moderne. Der Christ ist für ihn jener Mensch, der „von Glaubens wegen philosophieren muss […] Weil er an die absolute Liebe Gottes zur Welt glaubt“. Sein und Dasein werden mit den bei Heidegger nicht explizit erwähnten Begriffen der Liebe und der Gabe verbunden. Der seinem Verleger Balthasar verbundene Regensburger Philosoph Ferdinand Ulrich hat dies mit Bezug auf Thomas von Aquin weiter ausgeführt.

Balthasar spricht zusammenfassend in Anknüpfung an Heidegger von der dem Menschen aufgetragenen „Sorge“ als Hirte der Metaphysik und des Seins, das nicht im „Gestell“ der Technik oder des Virtuellen untergehen darf. Das johanneische Motto der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität „Die Wahrheit wird euch frei machen“ steht wie der Stern an Heideggers Grab über seinem Leben und Werk. Er war in den Worten seines Landsmannes und Schülers Karl Rahner wohl ein „anonymer Christ“, der auch im 21. Jahrhundert das kritische Gehör der Denkenden verdient.


Der Autor lebt als katholischer Theologe in Bamberg.

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