Mehr als eines schlichten Namens bedarf es nicht, um das Besondere zu bedeuten: Ganz schnörkellos L’Hôtel heißt das edle Boutiquehotel, in dem sich tout Paris trifft, um über Kunst, Literatur und den Tod zu sinnieren. Schließlich handelt es sich um das ehemalige „Hôtel d’Alsace“, in dem der irische Dichter Oscar Wilde seine letzten Lebensjahre verbrachte und den Tod gefunden hat. Frédéric Lo, Musiker und Produzent des neuen Albums von Michel Houellebecq, hätte keinen besseren Ort wählen können für ein Treffen. An der Bar klirren bereits die Kristallgläser, auf den opulenten Samtsofas haben sich die ersten Gäste niedergelassen, gedämpfte Laute bilden das Hintergrundrauschen in der nach dem Schriftsteller benannten „Wilde Lounge“.
Lo, der hymnische Kritiken für seine aktuelle Platte erntet, ist wohlgelaunt. Der Erfolg gibt ihm Recht und ist eine kleine Genugtuung gegenüber seinen Kritikern, die ihn warnten vor einer Zusammenarbeit mit dem bekanntesten zeitgenössischen französischen Schriftsteller. Seit Jahren haben sich Feuilletonisten eingeschossen auf einen Literaten, der bestenfalls als „umstritten“, schlimmstenfalls als rassistisch, sexistisch und rechts gilt. Er lasse sich nichts vorschreiben, sagt Lo, der aus einfachen Verhältnissen stammt und sich immer schon auf sich selbst und seinen Instinkt verlassen hat: „Wenn man mir sagt, tu das nicht, dann (lacht) mache ich das erst recht!“ Die enge Kooperation und Freundschaft, die ihn mit Michel Houellebecq verbindet, entsprang aus einem anarchischen Impuls. Houellebecq war bereit, an einer Hommage für den verstorbenen Sänger Daniel Darc mitzuwirken, die Plattenfirma verweigerte jedoch die Zusammenarbeit aufgrund der schlechten Reputation des Schriftstellers. Anstatt sich geschlagen zu geben, tüftelten die beiden Freigeister an einem eigenen Projekt. „Souvenez-vous de l’homme“ (Erinnert euch des Menschen) lautet der Titel des neuen Albums, das die beiden Künstler am 6. März veröffentlichten. Der große Mahner unserer Zeit erzählt in tröstlichem Timbre, kontrastiert mit suggestiven Klängen, vom Verschwinden der Menschheit. Eine Gegensätzlichkeit, die den Hörer zunächst zu irritieren, dann zu bannen vermag. Der Kampfgeist, der Houellebecqs frühe Bücher belebte, ist längst versiegt. Nichts ist mehr zu spüren von der Kraft der Liebe, die in seinem letzten Roman „Vernichten“ noch zu triumphieren schien. Im nahezu zeitgleich erschienenen Gedichtband „Combat toujours perdant“ (Ewig auf verlorenem Feld) beklagt Houellebecq die versiegende Vitalität, bäumt sich jedoch auf gegen Ideologen, die er für Tugendtrickser und moralische Schacherer hält.
Christliche Theologie erschließt Gegenwart
Das Album hingegen thematisiert nurmehr einen flüchtigen Widerhall von Menschlichkeit. Es gilt fortan, sich dem Unausweichlichen zu stellen und den Niedergang mit Gleichmut hinzunehmen. Die Liedtexte sind kryptisch. Offen bleibt, ob die Invasion durch eine dem Menschen nachfolgende Macht außerirdischer, technischer oder schlicht religiöser Natur sein wird. Wie bereits in seinem Roman „Vernichten“ setzt Houellebecq Zeichen, die der Zuhörer dechiffrieren soll. Nicht selten führt er sein Publikum auch in die Irre. Aus dem Osten wähnt er die Gefahr kommend, in den Staub würfen sich die Menschen vor dem „Erschienenen, dem Bewundernswerten“. Dass die christliche Theologie für die Entschlüsselung der Zeilen zentral ist, offenbarte Houellebecq bereits im Gespräch mit der Welt am Sonntag. Im Gedichtband gelangt seine Hoffnung auf einen „Retter jenseits der Vorstellungskraft“ zum Ausdruck, auf Christi Wiederkehr nach einer Zeit der Zerstörung.
Ein destruktiver Trieb ist auch Houellebecq eigen. Frédéric Lo erzählt, dass er den Bestsellerautor kennengelernt habe, als dieser in einen Rechtsstreit mit einem Künstlerkollektiv verwickelt war und selbst wohlwollende Kritiker ihn fallenließen. Eine tiefe Betrübnis war die Folge, eine Enttäuschung, die den Schriftsteller in die Isolation trieb. „Michel ist ein sehr sensibler Mensch“, sagt Lo. Das habe ihn sofort mit ihm verbunden, zumal er selbst seelische Düsternis kenne und durch Künstler wie Daniel Darc und Pete Doherty vertraut sei mit dunklen Episoden.
Diese Empfindsamkeit spiegle sich auch in Houellebecqs Stimme, in seiner Diktion und Rezitation der Gedichte. Die Stimme wirkt samten, nach innen gerichtet. Verse fließen, stocken, wiederholen sich, hallen nach. Lo unterlegt sie mit minimalistischen Klangsphären: Piano, Synthesizer, subtile rhythmische Impulse. Jeder Ton ist ein Echo der Fragilität, jede Pause ein Moment der Reflexion. Es ist eine introspektive, kontemplative, fast sakrale Apokalypse, die auf Vinyl erklingt. Keine zuckenden Flammen, keine Rauchschwaden und galoppierende Hufe. Nicht in orchestraler Wucht entfaltet sich die Apokalypse, sondern abwechselnd in pulsierender Stille und fliederfarbener Heiterkeit. Frédéric Los Kompositionen sind zutiefst menschlich, eine Antwort auf Houellebecqs Aufforderung, sich des Menschen zu erinnern. Glockenläuten paart sich mit Background Vocals, die eine schwebende Atmosphäre erzeugen. Houellebecqs Rezitationen erinnern an liturgisches Sprechen, gebettet auf hypnotische Klangflächen.

Spürbar wird dabei die Nähe zur katholisch-romantischen Apokalyptik. Joseph de Maistre sah im Zerfall der Ordnung die Fügung Gottes. Chateaubriand entwarf Szenarien von Leid, Verfall und Erlösung. Katholische Zivilisationskritik transformiert Houellebecq jedoch in säkulare Reflexion: Vergänglichkeit, innerer Zerfall und existenzielle Reflexion stehen im Vordergrund, während die moralische Dogmatik zurücktritt. Die Apokalypse wirkt introspektiv und literarisch verdichtet wie ein zeitgenössisches Echo katholisch-romantischer Traditionen.
Innerlich erfahrbar und tröstlich
Die Texte reflektieren Isolation, Entfremdung, Vergänglichkeit, den schleichenden Zerfall sozialer Bindungen. Mit Los Klanglandschaften entsteht ein Resonanzraum, in dem Apokalypse nicht spektakulär, sondern innerlich erfahrbar wird. Seine Lesart des Verfalls steht in deutlichem Gegensatz zur orchestralen Wucht der großen musikalischen Apokalyptiker wie Benjamin Britten und Arvo Pärt. Dramatische Katharsis und spirituell-reduktive Meditation werden zu einem tröstlichen Klang in einer erschöpften Welt, der Beginn eines neuen spirituellen Atems.
Frédéric Lo lehnt sich – nicht undandyhaft – zurück auf dem mit Samtkissen bestückten Kanapee und nippt an seinem Cocktail. Noch einmal erinnert er an Oscar Wilde, den Dichter, der zum Symbol existenzieller Spannung wurde – einer Spannung, die existenziell gerade in unserer Zeit sei. Wilde unterstützte Anarchisten, für einen individualistischen, antiautoritären Sozialismus engagierte er sich, aus einer gutsituierten Familie stammte er und starb verarmt hier an diesem Ort. Vor seinem Tod aber konvertierte er zum Katholizismus.
2007 nahm der Vatikan Oscar Wilde in der Anthologie „Provokationen“ in die Ehrenliste der Autoren auf. Die Begründung lautete: „Wir wollen in gewissen katholischen Kreisen ein Aufwachen stimulieren. Das Christentum war als Radikalkur gedacht, nicht als Hausmittel für gewöhnliche Erkältungen. Unsere Rolle ist es, ein Dorn im Fleische zu sein.“
Dass auch Houellebecq und Lo den Stachel löcken und ihre Zeitgenossen auf den Prüfstand der Toleranz heben, ist offensichtlich. Den Zweiflern und Kritikastern, den Risikoscheuen und Fehldeutern sei Oscar Wildes offener Brief „De profundis“ empfohlen: „Der Moment der Reue ist der Moment der Initiation.“ Manchmal ist dieser Moment kaum wahrnehmbar und manchmal klingt er wie ein Musikalbum zweier künstlerischer Renegaten.
Die promovierte Autorin lebt in Berlin und Paris und schreibt Essays und Artikel zu kulturellen Themen.
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