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„Telos-Projekt“: Ein Stein im Medienmosaik

Das „Telos-Projekt“ soll ein Podcast zur Rettung der Zivilisation werden – so Gott will
Kuppel des Berliner Schlosses
Foto: IMAGO/Eberhard Thonfeld (www.imago-images.de) | Dunkle Wolken über dem Abendland: Die Kuppel des neu errichteten Berliner Schlosses – originalgetreu rekonstruiert inklusive Kreuz und dem heftig umstrittenen christlichen Sinnspruch.

Es kam zu einem Gleichschritt in allen Medien“ resümiert Paul Cullen, Medizinprofessor und Lebensschützer aus Münster mit Blick auf die Coronapandemie. Die Automatismen des öffentlichen Diskurses sieht er kritisch – nicht nur während der Pandemie. „Man konnte dann über die Details diskutieren (…), also wollen wir einen Lockdown machen für drei Wochen oder doch für sieben? Wollen wir ein Windrad bauen pro Quadratkilometer oder doch vier? Aber die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt Sinn macht, einen Lockdown zu machen, ob es überhaupt Sinn macht, so sehr auf Windräder zu setzen (…), die Frage darf man nicht stellen. (…) Was man genau gesehen hat, war, dass abweichende Stimmen, und seien sie noch so renommiert, und sei das was sie gesagt haben, noch so gut fundiert, hart zensiert wurden.“ Auch Cullen selbst hat Erfahrungen mit der sogenannten „Cancel Culture“ gemacht – als Uniprofessor wurden ihm während der Pandemie von Studenten Engagement gegen Abtreibung, Antisemitismus und Verbreitung von Falschinformation vorgeworfen – und sein Rauswurf öffentlichkeitswirksam gefordert.

Nun ist er im neuen „Telos“-Podcast als Interviewpartner zu Gast. Der Markt für die gestreamten Audioformate boomt seit Jahren. Auch in der wachsenden alternativen Medienszene spielen Podcasts eine wichtige Rolle. Telos, altgriechisch für „Ziel“, soll nun idealerweise den vorpolitischen Raum von hinten aufrollen, um „unsere Zivilisation von der Wurzel her zu erneuern“. Die Wurzeln, das sind: „Akropolis, Kapitol und Golgotha“ – also griechische Philosophie, römisches Recht und christlicher Glaube. Denn, so ist sich der Telos-Initiator und Wiener ÖVP-Politiker Jan Ledóchowski sicher, „jede Zivilisation stirbt an der Gleichgültigkeit gegenüber den einzigartigen Werten, die sie begründen“.

Verteidigung abendländischer Errungenschaften

Zu diesem Zweck, aber auch zur Verteidigung expliziter Errungenschaften der abendländischen politischen Kultur – genannt werden auf der Telos-Website neben Demokratie und Rechtsstaat unter anderem die Würde der Person, Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, und Religionsfreiheit – wollen die Podcaster in regelmäßigen Abständen Reportagen, Interviews und kleinere Debattenbeiträge hochladen. Derzeit steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen, verschiedene Formate werden ausprobiert. Auf der Youtube-Seite des Projekts finden sich Videos, in denen Ledóchowski eigene Gedanken zur Demographie oder einer Reform des Pensionssystems teilt. Am meisten Klicks hat ein Video, in dem Ledóchowski eine verwüstete Gebetsstätte zu Dokumentationszwecken besucht. Auf Spotify sind momentan vornehmlich Interviews abrufbar, neben Cullen spricht Johannes Huber, ebenfalls Medizinprofessor, über seine Ablehnung von Hormontherapien für Jugendliche, die das Geschlecht wechseln wollen. Zukünftig soll ungefähr ein neuer Beitrag pro Woche online gehen.

Thematisch soll es zum Beispiel um Lebensschutz und Familienpolitik, aber auch um die Klimawandel-Debatte und tagesaktuelle politische Themen gehen. In nächster Zeit ist etwa ein längeres Interview mit der Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde geplant, die auch zu den Erstunterzeichnern einer neuen Petition zum Stopp kindeswohlgefährdender Inhalte in der Sexualpädagogik gehört.

Bei solchen Themen sei das Angebot an christlichen Stimmen zu gering – oder auch nur an solchen, die sich bewusst zum erwähnten Fundament europäischer Werte bekennen würden, meint Ledóchowski: „Das, was mir wichtig scheint für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, findet sich nicht wieder in den Medien“. Zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Im Gegenteil: Der Meinungskorridor werde immer enger. Warum? Die Erklärung liegt für Ledóchowski auf der Hand: Nur wer in seiner eigenen Identität gefestigt sei, könne abweichenden Meinungen gegenüber liberal sein. Der Gegenwartsgesellschaft aber mangele es an Klarheit über ihr Fundament. Erklärtes Ziel ist es daher, das Meinungsspektrum gegen den Trend um eine wahrnehmbare christlich-konservative Stimme zu erweitern – und so gleichzeitig das gesellschaftliche Fundament zu stärken. Eine ausdifferenzierte politische Programmatik sieht das Podcastkonzept freilich nicht vor. Allein schon, dass man sage, es gebe einen Zweck im menschlichen Leben, der außerhalb der menschlichen Verfügungsgewalt stehe, verändere eine ganze Debatte.

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Der Herr der Geschichte

Die Aufgabe, die sich Ledóchowski und seine Mitstreiter gestellt haben, ist keine einfache, dessen ist sich der Österreicher bewusst. „Wenn wir Glück haben, sind wir ein kleines Mosaiksteinchen. Allerdings, wenn ich mir so etwas anschaue wie ,Daily Wire?in den USA (ein erfolgreiches konservatives Medienunternehmen, d. Red.), was auch klein begonnen hat (…) – die haben eine unglaubliche Reichweite erhalten“. Nach menschlichem Ermessen gebe es angesichts der großen Trends vielleicht „nicht wahnsinnig viel Anlass zur Hoffnung“, aber für Christen sei eben auch Gott der „Herr der Geschichte“.

Beim Beweinen unvermeidlicher Niederlagen im Kulturkampf will auch Cullen es nicht belassen. Stattdessen müsse das bürgerliche Lager die eigene Kampagnenfähigkeit wiedergewinnen, um den vollständigen Verlust der „offenen Gesellschaft“ zu verhindern. Auch er sieht besonders Christen in der Pflicht - und erinnert im Podcast die Realität göttlichen Handelns: „Der Unterschied zwischen dem Christentum und anderen Religionen ist, dass wir glauben, dass Gott selbst persönlich in einem historischen Ereignis in die Geschichte eingegriffen hat.“

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