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Wandern in italienischen Landschaften

Ein Italienkenner führt den Leser durch den Kulturraum zwischen Venedig und Syrakus.
Kastell von Papst Julius II.
Foto: Adobe Stock | Das Kastell von Papst Julius II. gehört zu den besonderen Sehenswürdigkeiten in der italienischen Hafenstadt Ostia.

Geschichte prägt Landschaften. Erde wird urbar gemacht, Flüsse werden überbrückt, und Türme grüßen den Reisenden schon von ferne. Umgekehrt hat die Landschaft einen Einfluss darauf, welche historischen Ereignisse sich in ihr vollziehen. Nicht jedes Gelände eignet sich für Schlachten, und geistige Neuerungen verbreiten sich in Hafenstädten leichter als in unwegsamen Gebirgsregionen.

Wohl wenige haben über den Zusammenhang zwischen Landschaft und Geschichte mehr nachgedacht als Arnold Esch. In seinem jüngsten Buch führt der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom in 21 Einzelkapiteln (die jeweils meist auf Vorträge oder umfangreiche Zeitungsartikel zurückgehen) durch die „Historischen Landschaften Italiens“. Geographisch reicht das Spektrum von Venedig bis Sizilien, zeitlich von der Antike bis zur Gegenwart. Und auch inhaltlich wird eine Fülle an Themen behandelt. Militärgeschichtliches wie die Kämpfe zwischen Alliierten und Deutschen in der Ebene von Fondi im Jahr 1945 findet man in diesem Buch ebenso wie römische Aquädukte oder den Tannhäusermythos und den dazugehörigen Venusberg.

Der Mensch hat Landschaften verändert

Jede Seite in diesem Buch kündet von Eschs in Jahrzehnten erworbener Vertrautheit mit Italien. Seine Liebe zu Land und Volk beschränkt sich dabei nicht auf die große Vergangenheit, sondern erstreckt sich auch auf die Menschen, denen er selbst in Italien begegnet ist. Esch schreibt ein sehr gepflegtes Deutsch, wie es heute selten geworden ist. Moderne Hilfsmittel wie Google Earth verschmäht er nicht, aber im Zentrum steht doch stets die persönliche Anschauung. Seine Urteile zeugen von gesundem Menschenverstand. Meisterhaft gelingt es ihm, mit lebendigen und anschaulichen Beschreibungen die behandelten Landschaften im Kopf des Lesers Wirklichkeit werden zu lassen. Dieses Buch käme auch ganz ohne Illustrationen aus, und die verhältnismäßig wenigen, die es doch gibt, sind klug ausgewählt und unterstützen den Text, statt ihn zu ersetzen.

In diesem Buch erfährt man, wie menschliches Tun in den Lauf der Natur eingreifen kann. Wenn etwa die Venezianer die in die Lagune einmündenden und dabei Schlamm mit sich führenden Flüsse nicht durch Ableitung ungefährlich gemacht hätten, wäre der Canale Grande laut Esch „heute eine mehrspurige Stadtautobahn“. Aber man bekommt auch vorgeführt, was menschliches Unterlassen bewirken kann, wie die blühende Hafenstadt Ostia sich sukzessive in eine von Gestrüpp überwucherte Ruinenlandschaft verwandelte und wie große Amphitheater, in der Erde versinkend und von Vegetation überwachsen, bis zur Unkenntlichkeit mit der Landschaft verschmolzen.

„In unserer Gegenwart jedoch dürfte kein anderes
Buch die deutsche Italienliebe so sehr verkörpern
wie Eschs „,Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus'“

Esch erinnert auch an große Reisende der Vergangenheit: so an den deutschen Historiker Ferdinand Gregorovius, dessen Buch „Wanderjahre in Italien“ er mustergültig vorstellt. Daneben präsentiert er zum Beispiel auch Papst Pius II., bei dem Esch eine für mittelalterliche Verhältnisse ganz ungewöhnliche Liebe zu landschaftlichen Schönheiten feststellt. Das Kapitel über die Reisetätigkeit des Piccolomini-Papstes innerhalb Italiens ist eines der Glanzstücke in diesem Buch. Neben diesen großen Namen kommen aber auch weniger bekannte Verfasser spätmittelalterlicher Reiseberichte zu Wort.

Scharfsinnig sind Eschs Betrachtungen zu Landschaftsdarstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er zeigt, wie Kunsthistoriker die dargestellten Sujets nicht selten falsch verorteten. Manche „Campagnalandschaft“ zeigt in Wirklichkeit eine römische Stadtansicht, nicht zuletzt, weil man die auf den Bildern dargestellte Aurelianische Stadtmauer mitunter für einen Aquädukt hielt.

Über das besondere Verhältnis der Deutschen zu ihren Nachbarn jenseits der Alpen ist schon viel geschrieben worden. In unserer Gegenwart jedoch dürfte kein anderes Buch die deutsche Italienliebe so sehr verkörpern wie Eschs „Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus“. In dieser Hinsicht kann man das Buch getrost den bekannten Werken von Johann Gottfried Seume oder Ferdinand Gregorovius als würdigen Nachfolger an die Seite stellen. Was Esch vorlegt, ist zwar kein Reiseführer im landläufigen Sinne, aber ganz sicher eine Reise-Verführung auf höchstem Niveau. Denn ganz gleich, ob Esch in der Berglandschaft von Subiaco den Spuren von Neros dortiger Villa und den frühen Klostergründungen des heiligen Benedikt auf dem verlassenen Villengelände nachgeht – oder ob er das Territorium von Syrakus abschreitet und von der gescheiterten „Sizilischen Expedition“ der Athener in den Jahren 415 bis 413 vor Christus erzählt: am liebsten würde der Leser sich unverzüglich selbst an die vorgestellten Orte begeben.

Arnold Esch: Historische Landschaften Italiens. Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus
C. H. Beck, München, 368 Seiten, ISBN 978-3-406-725654, EUR 29,95

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