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Surreale Geschichte um die Gottesmutter 

Regisseur David Lowery benutzt die Jungfrau Maria als Aufhänger. 
Anne Hathaway als wiederauferstehende Pop-Ikone: Unheimliches Kinoerlebnis zu Christi Himmelfahrt.
Foto: IMAGO/Supplied by LMK (www.imago-images.de) | Anne Hathaway als wiederauferstehende Pop-Ikone: Unheimliches Kinoerlebnis zu Christi Himmelfahrt.

Nachdem ausgerechnet an „Christi Himmelfahrt“ die deutsche Komödie „Ein Münchener im Himmel“ in den Kinos gestartet ist, kommt jetzt eine Woche später mit „Mother Mary“ bereits der nächste Film mit einem religiösen Anstrich und liturgisch passend im Marienmonat Mai. Doch leider spielt auch bei diesem Film die Religion nur eine untergeordnete Rolle und dient lediglich als Aufhänger für eine skurrile Geschichte. Der US-amerikanische Regisseur David Lowery ist ein Multitalent und gehört mit seinen bemerkenswerten A24-Independent-Filmen wie „A Ghost Story“ (2017) und „The Green Knight“ (2021) zu der seltenen Sorte aktueller Filmschaffender, die sich durch eine eigene, unverkennbare Handschrift auszeichnen. Seine Freude am Morbiden und Düsteren, durchsetzt mit psychotischen Traum- und Wahnsequenzen, treibt er nun in seinem neuen Mystery-Thriller „Mother Mary“ auf die Spitze – und das gewohnt eigensinnig und rätselhaft. Dabei entzieht sich sein neues Werk eigentlich jeglicher Genrebeschreibung. Es ist zugleich ein Beziehungsfilm, ein Kammerspiel, ein Identitätsdrama, ein überlanges Musik- und Modevideo, ein surrealer Horror-Trip, großes Schauspielkino und ein Okkult-Thriller mit mystischen und religiösen Versatzstücken. Er ist vieles und will daher vielleicht auch zu viel auf einmal sein und bewirkt mitunter Überforderung beim Zuschauer.

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Doch worum geht es in dem merkwürdigen Musik-Melodrama genau? Anne Hathaway, die gerade in der Fortsetzung „Der Teufel trägt Prada 2“ in den Kinos zu sehen ist, spielt die Musikerin und Kunstfigur „Mother Mary“. Diese ist, ähnlich wie ihre ikonischen Kolleginnen Madonna und Lady Gaga, ein Megastar in der Musik- und Fashionwelt. Doch hinter all dem Glamour steht eine Frau, die keine Kraft mehr hat, die Projektionsfläche für alles und jeden zu sein. Von ihrem heiß erwarteten Bühnen-Comeback verängstigt, sucht Mary daher Zuflucht bei ihrer einstigen Freundin und Weggefährtin Sam Anselm (Michaela Coel), einer Modedesignerin, die ihren religiös-ikonischen Stil zu Beginn ihrer Karriere geprägt hat und sich dann auf ihr Anwesen in London zurückzog, von wo aus sie ihr Modeimperium kontrolliert und ihre extravaganten Kostüme anfertigt. Die beiden Frauen haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, und obwohl der Bruch ihrer Freundschaft sehr tief sitzt, bittet Mary dennoch Sam in ihrer persönlichen Krise um Hilfe. Sam soll für sie über Nacht ein visionäres und einzigartiges Kleid für ihr bevorstehendes großes Comeback entwerfen. Ein ikonisches Kleid, das Mother Marys Persönlichkeit unterstreicht und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Nach anfänglichem Zögern lassen beide Frauen das neue Kostüm gemeinsam entstehen und sprechen dafür über ihre gemeinsame Vergangenheit und die Wunden, die sie sich in ihrer Freundschaft zugefügt haben. Schließlich kulminiert die toxische Dynamik zwischen der sich aufopfernden Sam und der manipulativen Mother Mary in einem metaphorischen Bilderrausch und einem audiovisuellen Exzess.

Betörend schön, schaurig und hypnotisch

Der emotionale Gothic-Horror, mit seinen betörend schönen und gleichzeitig schaurigen Bildern und hypnotischen Sounds aus der Feder der britischen Singer-Songwriterin Charli XCX, wirkt dabei noch lange nach dem Abspann nach und lässt den Zuschauer mit der Frage zurück, was man da gerade eigentlich gesehen hat. Denn die Gruselfabel zum Thema „Kleider machen Leute“ offenbart uns mit fortschreitender Handlung das düstere Innenleben von Mother Mary, und dieses ist eine echte Herausforderung und Überforderung. Ein Großteil der Geschichte entspinnt sich über einen dreißigminütigen, ausufernden Dialog, der die Freundschaft zwischen Mother Mary und Sam seziert. Dazwischen setzt der Film auf lange Einstellungen, grelle Farben, eingängige Popsongs und viel religiöse Symbolik, indem er uns Anne Hathaways Figur in ikonischen Marienposen zeigt, von Salbung, Pfingsten und dem „Magnificat“ Mariens spricht, vom Blut als Sitz des Lebens und dem Heiligenschein als ikonischem Merkmal. „Mother Mary“ ist nicht nur einfach ein Film, sondern ein Leinwanderlebnis. Aber eben eines, das enorm vor den Kopf stößt und mitunter verstört.

Eine Tatsache ist jedoch über jeden Zweifel erhaben, und das ist die großartige Anne Hathaway, die gerade tatsächlich auf der Kinoleinwand ihr großes Comeback feiert. Die oscarprämierte Schauspielerin geht in dem Film sowohl an ihre physischen als auch an ihre psychischen Grenzen. Eine mehrminütige Tanzdarbietung von ihr, die vollständig ohne Musik auskommt, bereitet schon beim bloßen Hinsehen körperliche Schmerzen. Ihre Showeinlagen auf der Bühne überzeugen hingegen nicht nur gesanglich, sondern werden vor allem durch eine ausgeklügelte Choreografie, fantastische Kostüme und eine enorme körperliche Präsenz zu einem Ereignis. Dabei spielt, ähnlich wie schon in „Der Teufel trägt Prada 2“, auch in „Mother Mary“ nicht nur die Mode, sondern auch ein blutrotes Seidentuch eine große Rolle. Ob der Film als Ganzes aber ein rotes Tuch für die Zuschauer sein wird, muss sich noch an den Kinokassen zeigen. 

„Mother Mary“, USA, Großbritannien 2026, 112 Minuten, Regie: David Lowery, seit dem 21. Mai im Kino. 


  Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln.

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