Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Vierter Teil der „Planet der Affen"-Saga

„Planet der Affen: New Kingdom“: Ein Blockbuster mit biblischer Moral

Der neue Filmhit richtet sich überraschend deutlich gegen Macht- und Religionsmissbrauch.
Neuer Hollywood-Film "Kingdom of the Planet of the Apes "
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Nun läuft seit dem 8. Mai der vierte Teil „Planet der Affen: New Kingdom“ in unseren Kinos und die Erwartungen könnten nicht höher sein.

Die mittlerweile zehn „Planet der Affen“-Filme sind ein US-amerikanisches Science-Fiction-Franchise und gehören zu den ältesten Filmreihen der Kinogeschichte. Die Filme basieren auf dem 1963 erschienen Roman „Der Planet der Affen“ des Franzosen Pierre Boulle, der auch den berühmten Roman „Die Brücke am Kwai“ – kongenial und oscargekrönt von David Lean mit Alec Guinness 1957 verfilmt – geschrieben hat. 

Die erste Verfilmung von 1968 mit Charlton Heston in der Hauptrolle war ein großer kommerzieller Erfolg – denn die bissige Gesellschaftskritik traf den Nerv der damaligen Zeit und hielt den Zuschauern einen Spiegel vor: Auf dem Planeten der Affen leben die Menschen wie wilde Tiere, ohne die Fähigkeit zu sprechen und werden auch als solche gejagt und in Käfigen gehalten. Affen hingegen sind die intelligentere Spezies, können sprechen und beherrschen die Welt.

Lesen Sie auch:

Die dystopische Filmadaption schrieb, vor allem aufgrund ihres schockierenden Finales, Filmgeschichte und zog zahlreiche weitere Filmprojekte nach sich: Die Originalfilmreihe besteht aus fünf Filmen, die alle zwischen 1968 und 1973 entstanden, einer Real-TV-Serie von 1974 und einer Zeichentrickserie von 1975. Danach wurde es still um die sprechenden Affen, bis im Jahr 2001 schließlich ein Remake von Tim Burton kam, welches aber aufgrund finanziellen Misserfolgs nie eine Fortsetzung bekam. 

Spektakel und Anspruch gehen zusammen

Im Jahr 2011 machte Hollywood einen weiteren Anlauf und startete die Filmreihe mit einer Trilogie neu. Während Teil 1 - „Prevolution“ - noch von Regisseur Rupert Wyatt inszeniert wurde, vollendete Regie-Ass Matt Reeves („The Batman“) die dreiteilige Blockbuster-Saga mit den beiden kongenialen Fortsetzungen „Revolution“ (2014) und „Survival“ (2017). Alle drei Filme, die zwar von der Tonalität her ganz unterschiedlich, aber allesamt visuell bahnbrechend waren, wurden sowohl von Kritikern wie auch von Fans hochgelobt und gehören aus Kritikersicht zu den besten Trilogien der Filmgeschichte. 

Nun läuft seit dem 8. Mai der vierte Teil „Planet der Affen: New Kingdom“ in unseren Kinos und die Erwartungen könnten nicht höher sein. Schafft es die neueste Episode der Affen-Saga sowohl künstlerisch wie auch kommerziell an die beliebten Vorgängerfilme anzuknüpfen? Und stellt der Film erneut den Beginn einer Trilogie dar? Mit dem dritten Teil endete 2017 die Reise des rebellischen Primaten-Anführers Cesar (Andy Serkis), nachdem er sein Volk in einer durch Menschenviren verseuchten Welt wie Moses durch die Wüste ins gelobte Land geführt hatte. Mit „New Kingdom“ wird die Reihe nun, trotz des stimmigen Abschlusses doch noch fortgesetzt und beginnt nostalgisch dort, wo „Survival“ endete: mit dem Tod und der Bestattung von Caesar, dem Urvater der intelligenten Affenspezies. Zugleich markiert der vierte Teil einen deutlichen Neuanfang für die Filmreihe. 

Wie Moses und Noah

Nach einem Zeitsprung von mehreren Generationen in die Zukunft, wobei es unklar ist ob es sich dabei um hundert Jahre oder mehrere hundert Jahre handelt, stehen diesmal komplett neue Charaktere im Mittelpunkt, allen voran der junge Schimpanse Noa (Owen Teague), welcher zum Adler-Clan gehört, der sich auf das Züchten von Adlern und die Fischerei spezialisiert hat und friedlich und im Einklang mit der Natur lebt. Ihre Kultur ist eine archaische – sie kennen weder Schrift noch Elektrizität, noch haben sie je etwas von Caesar gehört. Neu im Franchise ist auch der Regisseur – denn Wes Ball, der vor allem für seine „Maze Runner“-Trilogie bekannt ist, hat nun Matt Reeves großes Erbe angetreten. Sein Film markiert den Beginn einer neuen großen Storyline. Ob wir weitere Filme aber je zu Gesicht bekommen werden, hängt vom Erfolg des neuen Films ab. Zu wünschen wäre es, denn „New Kingdom“ endet mit einem überraschenden Cliffhanger, der Lust auf mehr macht. 

Doch zurück zur Handlung: Bei einigen Affen ist Urvater Caesar längst in mythologische Vergessenheit geraten, von anderen wird er kultisch als Heilsbringer und Befreier geradezu mit religiöser Inbrunst verehrt. Jedoch, und hier spart der Film nicht an einer bewussten Religionskritik, wie das bei Religionen oftmals auch passiert, wird die Gründergestalt mitunter auch gern für eigene Machtzwecke missbraucht und instrumentalisiert. Kritische Glaubensbetrachtung und die Radikalisierung von Ideologien sind zentrale Bestandteile des Films. So scheint der neue Bösewicht Proximus Caesar (Kevin Durand) sich als einzig legitimen Nachfolger von Caesar zu sehen und diesen als Galionsfigur zu nutzen, um seine machtsüchtigen Pläne vor anderen Affen zu rechtfertigen und sie mit Berufung auf die Lehren von Caesar zu manipulieren und zu versklaven. 

Biblische Weisheit schützt vor Religionsmissbrauch

Zwei Glaubenssätze hat Caesar seinen Nachfahren aus seinen eigenen schwierigen Erfahrungen mit der Menschenwelt hinterlassen: „Affen gemeinsam stark“ und „Affen töten keine Affen“. Zudem hat Caesar sich immer eine friedliche Co-Existenz zwischen Menschen und Affen gewünscht. Das tut Proximus nicht und legt die Lehren Cesars so aus, wie es zu seiner Machtpolitik passt: Sein Auftreten und seine Rhetorik erinnern dabei stark an einige US-amerikanische TV-Prediger. Diese Vorgehensweise, manipulativ mit dem Erbe und Auftrag von Gründergestalten umzugehen, hält dem Zuschauer und allen voran religiösen Menschen einen starken Spiegel vor. Daneben lernen wir aber auch mit dem Glaubenshüter Raka (Peter Macon) einen Orang-Utan kennen, der aus Überzeugung nach den Lehren und Idealen von Caesar lebt und diese auch als weiser Mentor an andere weitergibt, grade hinsichtlich des Umgangs von Affen mit Menschen. Sowohl Proximus als auch Raka kennen aber nur ein Stück der Wahrheit, von der sie eine vage Ahnung haben – und in ihrer quasireligiösen Verehrung von Caesar kommen sie dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. 

Denn in einer Welt, in der Caesars Lehren nur noch als historische Ideen existieren, können diese leicht von zukünftigen Generationen zum eigenen Vorteil verzerrt werden. Wie wird der einstige Affen-Heiland mit entsprechendem zeitlichem Abstand von seiner Spezies angesehen? Welche Formen haben seine Lehren nach einer langen Zeit angenommen und inwieweit wurden diese vielleicht sogar bewusst pervertiert und missverstanden? Hier entwickelt der Film viel erzählerisches Potential. So bringt Raka auch dem jungen Noa bei, nachdem dieser eines Tages sein Dorf verlassen muss, auf seiner Heldenreise zufällig auf Raka trifft und sie gemeinsam der jungen und mysteriösen Menschenfrau Mae beziehungsweise Nova (Freya Allan)  begegnen, dass es im Sinne Caesars sei, anderen Mitleid und Liebe zu erweisen und einen moralischen Kompass zu haben. Am Ende kommt es zwischen Noa und Proximus zu einem finalen Kampf, der nicht zufällig auf einem Schiffswrack stattfindet und eine sintflutartige Szene beinhaltet: Wie Caesar für sein Volk eine Art neuer Moses war, wird Noa zu einer Art Noah-Figur, der ein neuer Anfang ermöglicht wird. 

Parabel auf die vermeintliche Überlegenheit des Menschen

Der vierte Teil der neuen „Planet der Affen“-Reihe ebnet den Weg für weitere Filme, denn die Geschichte um den „Planet der Affen“ ist noch längst nicht auserzählt. Zudem bietet der Film viele liebevolle Verweise auf seine Vorgänger, ohne sie zu kopieren oder große Vorkenntnisse vorauszusetzen. Diese sind zwar hilfreich, aber der Film funktioniert auch durch seine neuen Charaktere und das neue zeitliche Setting als eigenständiger Beginn einer weiteren Filmreihe. Er füllt die Lücke zwischen dem letzten Film "Survial" und dem Originalfilm von 1968 und ist als Film unterhaltsames und sehr gut gemachtes Popcorn-Kino. Doch wie schon seine Vorgänger bringt er auch gesellschaftskritische Töne ein.

Lesen Sie auch:

Der große Reiz von Filmen wie der „Planet der Affen“-Reihe liegt in der Frage: Was wäre wenn? Ein von Menschen gemachter Virus war einst im 2011er-Film „Prevolution“ der Auslöser für eine evolutionäre Veränderung: Er machte die Affen intelligent und ließ die Menschen zunehmend degenerieren. Was wäre, wenn wir als Menschheit eines Tages nicht mehr an der Spitze der Nahrungskette stehen würden? Was wäre, wenn nicht wir uns die Erde untertan gemacht hätten, sondern eine andere Spezies wäre schneller, stärker, erbarmungsloser gewesen – beispielsweise die Affen oder eine zukünftige Künstliche Intelligenz. 

Mit diesen Fragen sind wir mittendrin im Spiel mit den umgekehrten Vorzeichen: Der Film ist eine Parabel auf die vermeintliche Überlegenheit des Menschen über die Natur oder andere Kulturen und Geschöpfe. Und anscheinend macht sich angesichts globaler Erwärmung, zerstörter Natur und Kriegen auch medial zunehmend ein großes Interesse an der Apokalypse breit: Denn auch zahlreiche andere neuere Spiele, Filme und Serien spielen ebenfalls gerne in einer postapokalyptischen Welt.

Balls Inszenierung hat dabei ein gutes Gespür für Tempo und Timing und zeigt uns in vielen beeindruckenden Bildern wie sich die Natur unsere sogenannte Zivilisation mit der Zeit zurückerobert. Die Spezialeffekte und die Animation der Primaten sind durchweg so beeindruckend und realistisch gezeichnet, dass man als Zuschauer kaum mehr unterscheiden kann, welche Bilder wirklich gedreht wurden und welche erst digital entstanden sind. Im Worldbuilding und im Einsatz von CGI ist dieser zehnte Teil der Filmreihe auf dem höchsten Niveau der heutigen Filmtechnik und übertrifft sogar noch seine ohnehin schon nahezu perfekten Vorgängerfilme. „New Kingdom“ ist somit eine sehr würdige und gute Fortsetzung der Affen-Saga und man kann nur hoffen, dass da noch mehr kommt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Norbert Fink Batman Tim Burton

Weitere Artikel

Kirche

Über Franken und Maulbronn nach Cîteaux: In den jahrhundertealten Fußstapfen der Zisterzienser erschließt der neue paneuropäische Wanderweg Cisterscapes faszinierende Kulturlandschaften .
25.05.2024, 18 Uhr
Wolfgang Hugo
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hofft auf Ständige Vertretung des Papstes in Peking. Franziskus beteuert Staats-Loyalität der chinesischen Katholiken.
25.05.2024, 12 Uhr
Giulio Nova
Ein Bild zeigt mehr als tausend Worte: Dieses Bildnis des großen Kirchenlehrers Thomas weist den Weg zu den zentralen Leitmotiven seines Denkens.
25.05.2024, 19 Uhr
Hanns-Gregor Nissing