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Golden Globes: „Oppenheimer“ schlägt „Barbie“

Warum mit Christopher Nolans Filmbiografie der bessere Film gewonnen hat. Ein Kommentar.
Christopher Nolans Film "Oppenheimer"
Foto: IMAGO/Universal Pictures (www.imago-images.de) | Mit seinem Film über J. Robert Oppenheimer (Cilian Murphy), dessen Bürde es Zeit seines Lebens gewesen ist, ein Genie zu sein, dessen Genialität sowohl er als auch andere ertragen mussten, nimmt Regisseur Christopher ...

Beste Regie, bester Hauptdarsteller, bester Nebendarsteller, beste Musik – und nicht zuletzt bester Film (Drama): Christopher Nolans Filmbiografie „Oppenheimer“ konnte bei den diesjährigen Golden Globes am Sonntagabend in Los Angeles abräumen. Der in acht Kategorien nominierte Film ergatterte fünf Trophäen des wichtigen Oscar-Indikators  – während der für insgesamt sogar neun Preise nominierte Film „Barbie“, immerhin mit 1,442 Milliarden US-Dollar der erfolgreichste Film des Jahres, lediglich zwei Preise mit nach Hause nehmen durfte. 

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Und das in eher nebensächlichen (bester Song) oder gar obskuren (bester Film, der sich an den Kinokassen durchsetzen konnte) Kategorien: Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass letztere, erstmals in diesem Jahr vergebene Kategorie eigens dafür erschaffen wurde, um „Barbies“ sich anbahnende Preisenttäuschung bereits vorab ein wenig abzumildern.

Substanz schlägt Zeitgeist

Gewiss: Jeder dieser beiden Filme hat seine Erfolge und auch seine Verdienste vorzuweisen. Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Inception“) gelang es beispielsweise, mit „Oppenheimer“ und dessen Einspielergebnis von 954 Millionen US-Dollar nicht nur die erfolgreichste Filmbiografie sowie den erfolgreichsten im Zweiten Weltkrieg spielenden Film überhaupt zu realisieren - sondern schaffte es zudem, zahlreiche Kinobesucher für das Leben eines Mannes zu interessieren, dem möglicherweise ansonsten nur Minderheitensender wie der History Channel lediglich ein kleines Dokudrama für ein ebenso kleines Nischenpublikum gewidmet hätte. Der Ausspruch unter Kinofreunden „In Nolan we trust“ galt also auch für die Verfilmung des Lebens des theoretischen Physikers J. Robert Oppenheimer, des „Vaters der Atombombe“.

Ebenso „Barbie“: Grell, bunt und zugegebenermaßen auch ziemlich woke erzielte Regisseurin Greta Gerwig („Lady Bird“, „Little Women“) mit ihrer Spielzeugverfilmung nicht nur das höchste Einspielergebnis des vergangenen Jahres, sondern auch das höchste, welches jemals eine Filmregisseurin verbuchen konnte. Zusätzlich gelang Gerwig mit „Barbie“ die erfolgreichste Komödie aller Zeiten – und nicht wenige Menschen werden angesichts der im Film gestellten Fragen zu den Themenfeldern Feminität, Maskulinität sowie derjenigen nach der eigenen Existenz mit überraschend vollem Kopf aus den Lichtspielhäusern hinausgekommen sein. Doch da „Barbie“ all diese Fragen auch mitunter schroff mit dem Holzhammer beantwortet und vieles (zu) Anspruchsvolle und Differenzierte hinter der knallbonbonbunten Filmfassade zurückbleiben musste, um ein Massenpublikum zu erreichen, bleibt „Barbie“ am Ende nur der Preis zahlreicher Herzen anstatt derjenige des goldenen Globus. 

„Oppenheimer“: Wenn Genialität schuldig macht

In puncto filmischem und intellektuellem Anspruch gewährte das Filmstudio Universal Regisseur Christopher Nolan mit Blick auf „Oppenheimer“ erstaunliche Beinfreiheit – und der nun erstmals mit dem Golden Globe prämierte Brite dankte es seinem Arbeitgeber mit einem Film, der nicht nur zu den komplexesten Filmbiografien, die jemals auf Zelluloid gebannt worden sind, gehört, sondern es klugerweise vermeidet, krampfhaft eine vermeintlich zeit(geist)gemäße Botschaft vermitteln zu müssen. 

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Hinzu kommt, dass Nolan mit J. Robert Oppenheimer, dessen Bürde es Zeit seines Lebens gewesen ist, ein Genie zu sein, dessen Genialität sowohl er als auch andere ertragen mussten, als Vorlage für den Menschen als solchen mit dessen ewigem Ringen und Streben in den Blick nimmt – und das dieser, vor allem, wenn es sich um ein vermeintlich oder tatsächlich geniales Exemplar der menschlichen Spezies handelt, immer wieder schuldig wird: an sich selbst, an seinen Mitmenschen, möglicherweise an der ganzen Welt.

Sehenswerte Kino-Blockbuster - "Oppenheimer" mit mehr Tiefgang

Ja, Robert Oppenheimer gehört wohl zweifelsohne mit der Entwicklung der Atombombe zu jenen „Männern, die Geschichte machen“ (Heinrich von Treitschke) – denn es gibt eine Welt „vor“ und eine Welt „nach Oppenheimer“. Und gerade an Oppenheimers notgedrungener, im kriegerischen Wettlauf mit den Nazis erzwungener Erfindung, lässt sich das Dilemma, welches jeglichem wissenschaftlichen Fortschritt innewohnt, ermessen – der Titel der Oppenheimer-Biografie, welche Nolan als Vorlage für sein Drehbuch diente, trägt den zutreffenden Originaltitel „American Prometheus“.

Klar ist: Sowohl „Oppenheimer“ als auch „Barbie“ gehören zu der seltenen Art von sehenswerten Kino-Blockbustern, die nicht nur zum Nachdenken, sondern zur Hinterfragung zahlreicher vermeintlicher Gewissheiten einladen. Letztendlich setzt „Oppenheimer“ jedoch tiefer an als letztgenannter Film – der nun sicherlich einerseits der prägende Film des Jahres 2023 ist und sich im Laufe der Zeit als Kultfilm und Zeitkapsel für den Zeitgeist der 2020er-Jahre entpuppen wird, jedoch zurecht an der Filmpreisfront den Kürzeren zieht.

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Stefan Ahrens Greta Gerwig J. Robert Oppenheimer

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