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Ein unkender Wetterfrosch

Anthony Maras erzählt in „Pressure“ nicht von den Kämpfen an den Stränden der Normandie, sondern von den 72 Stunden davor. Fast wäre der D-Day ins Wasser gefallen. 
Chefmeteorologe James Stagg (Andrew Scott, links) muss General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) und dessen Assistentin Kay Summersby (Kerry Condon) eine Wettervorhersage mitteilen, die gar nicht willkommen ist.
Foto: Alex Bailey (V3_P_23760.jpg) | Chefmeteorologe James Stagg (Andrew Scott, links) muss General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) und dessen Assistentin Kay Summersby (Kerry Condon) eine Wettervorhersage mitteilen, die gar nicht willkommen ist.

Der 6. Juni 1944: Mit der Landung in der Normandie beginnt eine der größten Militäroperationen der Geschichte. Das Kino hat den „D-Day“ immer wieder in spektakulären Bildern nachgestellt, von Gerd Oswalds und Darryl F. Zanucks „Der längste Tag“ (1962) bis zu Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ (1998). In „Pressure“ geht Anthony Maras einen anderen Weg: Sein Film endet beinahe dort, wo die anderen beginnen. Er erzählt vielmehr von den 72 Stunden vor der Landung aus der Sicht eines schottischen Meteorologen, dessen Wettervorhersage über das Leben Zehntausender Soldaten entscheiden konnte.

Die „Operation Overlord“ sollte eigentlich am 5. Juni 1944 beginnen. Wegen Gezeiten und Mondphase gab es nur wenige geeignete Termine. Nachdem die militärische Planung abgeschlossen war, blieb eine unbekannte Größe: das Wetter. Der US-Meteorologe Irving Krick (Chris Messina), ein Vertrauter Dwight D. Eisenhowers (Brendan Fraser), sagt günstige Bedingungen voraus. Der neu ernannte Chefmeteorologe James Stagg (Andrew Scott) widerspricht ihm. Das Sturmtief, das er vorhersagt, könnte eine Landung am 5. Juni in eine Katastrophe verwandeln.

Der kammerspielartige Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von David Haig (2014). Haig zeichnet zusammen mit dem Regisseur für das Drehbuch verantwortlich. Der größte Teil des Films spielt im Hauptquartier der Alliierten: Männer stehen vor Wetterkarten, diskutieren Luftdruckwerte und warten auf Messdaten. Dennoch inszeniert Maras solche Szenen mit einer Spannung, die Kampfszenen in nichts nachsteht.

Kampf mit dem drohenden Wetter

Bei „Pressure“ geht es nicht um einen persönlichen Kampf zwischen den Meteorologen, sondern um unterschiedliche Vorstellungen davon, wie unter Unsicherheit zu entscheiden ist. Krick vertraut auf historische Wetterläufe. Er liefert die Gewissheit, die die Militärführung von ihm verlangt. Stagg hingegen beharrt darauf, dass seriöse Wissenschaft ihre Grenzen kennen muss. „Besorgt mir die Daten“, verlangt er von seinen Mitarbeitern. Gegenüber Eisenhower sagt er, er erwarte nicht, dass man ihn möge, wohl aber, dass man ihm zuhöre.

Andrew Scotts Stagg ist kein charismatischer Held oder sympathischer Außenseiter. Der Meteorologe wirkt über weite Strecken angespannt. Sein Ziel ist es nicht, anderen zu gefallen. Seine Autorität erwächst aus Kompetenz und Integrität. Brendan Fraser gelingt es, die Last der Entscheidung zu vermitteln, die Eisenhower trägt: Wenn er die Invasion verschiebt, gefährdet er den Überraschungseffekt; befiehlt er sie trotz des drohenden Sturms, riskiert er ein Blutbad. Damian Lewis spielt Montgomery als ungeduldigen Militär, Kerry Condon verleiht Eisenhowers Adjutantin Kay Summersby Ruhe und menschliche Wärme. Dank der Musik von Volker Bertelmann und der Kamera von Jamie Ramsay wirken die geschlossenen Räume nie statisch.

In Gottes Hand Ungewissheit aushalten

Der Filmtitel hat eine doppelte Bedeutung: als Luftdruck, dessen Veränderungen Stagg verfolgt, aber auch als Druck, unter dem die Beteiligten stehen. Maras interessiert sich für eine unspektakuläre Form des Mutes, die darin besteht, Ungewissheit auszuhalten. Denn Stagg kann Eisenhower keine Sicherheit geben. Dieser muss aber auf dieser Grundlage entscheiden und die Verantwortung tragen.

In einer zentralen Szene besuchen Eisenhower und Mitarbeiter am Morgen des 4. Juni einen Gottesdienst, in dem sie „Ihr Geschöpfe unseres Herrn“ singen. Während die Gottesdienstteilnehmer den stürmischen Wind als Geschöpf Gottes preisen, verdunkelt sich der Himmel. Bald beginnt es zu regnen, wie Stagg vorhergesagt hatte. Oberflächlich könnte die Szene als Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft aufgefasst werden. Überzeugender erscheint jedoch die Deutung, dass die bis ins Detail vorbereitete militärische Operation hier an ihre Grenzen stößt: Die Alliierten haben keine Verfügungsgewalt über Wind und Wetter. Eisenhowers Aufforderung „Betet für gutes Wetter“ spricht dafür.

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Maras zeigt schließlich Bilder der Landung. Dennoch liegt die Stärke von „Pressure“ im Kammerspielartigen, in der Zurückhaltung. Klassische Kriegsfilme machen das Opfer des D-Days erfahrbar, Maras konzentriert sich hingegen auf den Augenblick vor der militärischen Operation, in dem folgenschwere Entscheidungen getroffen werden müssen. „Pressure“ handelt nicht nur von einer kaum bekannten Episode des Zweiten Weltkriegs. Maras’ Film erweckt eine Art von Kino wieder zum Leben, die ebenfalls beinahe in Vergessenheit geraten ist: „Pressure“ erinnert an klassische Filme, in denen der Konflikt aus der Auseinandersetzung mit Ideen und nicht aus Action entsteht. Wie etwa in „Die zwölf Geschworenen“ (Sidney Lumet, 1957) hält hier einer an einer Wahrheit fest, die alle anderen nicht hören wollen.

„Pressure“, Regie: Anthony Maras. Großbritannien, Frankreich 2026, 100 Min. Im Kino ab dem 17. September.


Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin über Kultur.

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José García Dwight D. Eisenhower

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