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„Dream Scenario“: Ein unscheinbarer Mensch wird „gecancelt“

Skurrile Einfälle für eine Mischung aus Komödie und Drama über Aufstieg und Fall eines Normalos: der Spielfilm „Dream Scenario“.
Filmszene aus „Dream Scenario“
Foto: DCM | Es fängt halbwegs harmlos an: Paul Matthews (Nicolas Cage) kehrt das Laub, als seine Tochter von einem Luftstrom in den Himmel hochgesogen wird.

Paul Matthews (Nicolas Cage) ist verheiratet und Vater zweier Töchter, ein mittelmäßiger Collegeprofessor und unauffälliger Durchschnittsbürger, so etwas wie Musils „Mann ohne Eigenschaften". Dieser Universitätsdozent mit Halbglatze, Mehrtagebart und unbeholfener Kleiderordnung könnte überall unbemerkt bleiben. Außer seiner Frau Janet (Julianne Nicholson) hat sich für ihn kaum jemand je interessiert.

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Eines Tages taucht er in den Träumen von immer mehr Menschen auf. Wildfremde Leute beginnen, ihn beispielsweise im Restaurant oder einfach auf der Straße wiederzuerkennen. Nach und nach verstehen sie auch, dass sie von demselben Typen geträumt haben. Alle Träume haben eines gemeinsam: Paul Matthews kommt vorbei, steht herum … und tut gar nichts, ganz gleich, ob seine Tochter von einem Luftstrom in den Himmel hochgesogen, während Paul das Laub kehrt, oder aber ein Krokodil eine Studentin im Traum bedroht, und ihr Biologiedozent geht schlicht und einfach vorbei, ohne einzugreifen …

Cooler Vater

Paul Matthews geht bald viral, und wird von einer Talkshow in die nächste herumgereicht. Die Paul-Matthews-Träume verbreiten sich so schnell, dass sogar von einer „Traum-Epidemie“ die Rede ist. Nicht nur seine Töchter finden auf einmal den langweiligen Vater cool. Der hohe Bekanntheitsgrad ruft Marketingfirmen auf den Plan. Ein gewisser Trent (Michael Cera) lädt ihn zu einem Gespräch ein. Doch die Ansichten, was man aus Pauls Berühmtheit machen könnte, gehen weit auseinander: Paul selbst meint, endlich einmal sein Buch über die Schwarmintelligenz von Ameisen schreiben zu können, von dem er seit vielen Jahren träumt. Der Marketingchef schlägt vor, Paul als Werbeträger für ein Getränk einzusetzen. Seine „geniale“ Argumentation: Wenn alle Leute von Paul träumen, würden sie auch von dem Getränk träumen. 

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Allerdings hat der Ruhm auch seinen Preis. Denn plötzlich taucht Paul in den Träumen als Monster auf. Die Menschen beginnen sich vor ihm zu fürchten. Wer gerade noch als Star gefeiert wurde, wird in den Medien als „Paultergeist“ bezeichnet. Seine Studenten ertragen auf einmal seine Anwesenheit nicht mehr. Nachdem er sie im Schlaf drangsaliert hat, ruft sein Anblick am nächsten Tag Traumata hervor. Paul Matthews reagiert gelassen: Heutzutage hätten alle irgendwelche Traumata. Gegen den Mob, der ihn aus der Uni ekeln will, hat er jedoch keine Chance.

„Dream Scenario“ ist ein Film, der sich jedem Versuch entzieht, ihn in ein bestimmtes Genre einzuordnen: Er enthält Zutaten der Komödie, der Tragödie, des Fantasy-Genres ... gewürzt mit ein paar Tropfen Horrorkino. Nicolas Cage erinnert in seiner Darstellung des Paul Matthews an seine Rolle in Spike Jonzes „Adaption“ aus dem Jahre 2002, als Cage den real existierenden Drehbuchautor Charlie Kaufmann verkörperte. Der Film könnte als Parabel über die Höhen und Tiefen des Ruhms und sogar als Kommentar zu den Reaktionen einer zur Hysterie neigenden Gesellschaft interpretiert werden, wobei er ganz nebenbei das Thema der „Cancel Culture“, insbesondere im akademischen Umfeld, anschneidet.

Skurrile Dramödie

In diesem Zusammenhang erzählt die Produktionsfirma, wie der in Norwegen geborene und aufgewachsene Drehbuchautor und Regisseur Kristoffer Borgli im Jahr 2018 von einem Professor las, der seinen Lehrauftrag verlor, vor Gericht eine hohe Abfindung erhielt und zum Sprecher der sogenannten „Cancel Culture“ wurde. 

„Damals gab es noch kein Wort für das, was mit ihm passierte, aber mich interessierte, wie Studenten ihm über den Campus folgten und sein Auto demolierten“, so Borgli. „Es klang wie ein alter Western, in dem jemand aus einer Stadt verbannt oder von Dorfbewohnern mit Heugabeln vertrieben wird wie Frankenstein. Dieses Szenario hatte für mich etwas sehr Filmisches.” Bei einigen Recherchen stellte Borgli fest, dass dies kein Einzelfall war: „Alle waren völlig überrascht von ihrer Entlassung, denn sie waren der Meinung, dass sie nichts Falsches getan hätten und dass alle Vorwürfe nur in den Köpfen ihrer Studenten existierten. Und so nahm eine Idee Gestalt an.”

„Dream Scenario“ ist nicht nur eine skurrile Dramödie über den Preis des Berühmtseins und über eine „Cancel Culture“, die alles zu „löschen“ bereit ist, was sich dem Mainstream widersetzt. Es bleibt aber nicht bei einer Persiflage von Aufstieg und Fall eines Mannes ohne Eigenschaften. Es liefert darüber hinaus eine teilweise bitterböse Gesellschaftskritik

„Dream Scenario“ ist ein Film nicht nur über gescheiterte Träume, sondern auch über die Suche nach Sinn in einer Gesellschaft, der zunehmend der Sinn abhandenkommt. 

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