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Ein „Ferrari“ mit angezogener Handbremse

Ein Film, der sich im Kreis dreht: Dem Biopic „Ferrari“ von US-Regielegende Michael Mann fehlt die inszenatorische Balance.
80. Internationale Filmfestspiele in Venedig - "Ferrari"
Foto: Eros Hoagland (Filmfest Venedig) / dpa | Kaum wiederzuerkennen: Adam Driver als Automobil-Legende Enzo Ferrari (1898-1988).

„Ferrari“ ist der erste Spielfilm des 81-jährigen Regie-Altmeisters Michael Mann seit 2015. Und der Filmemacher, der Kinogängern cineastische Meisterwerke wie „Der letzte Mohikaner“, „Heat“ und „Collateral“ beschert hat sowie für die TV-Kult-Serie „Miami Vice“ verantwortlich war, ist plötzlich erneut auf der filmischen Überholspur unterwegs: Mit der kürzlich in der ARD gelaufenen Serie „Tokyo Vice“ und dem angekündigten zweiten Teil von „Heat“ sowie seinem aktuellen Biopic über die Automobillegende Enzo Ferrari ist der für seine stilprägende Kühle bekannte Mann gut beschäftigt. Dabei arbeitete er an seinem Ferrari-Projekt, das im Herbst 2023 bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt wurde, in Deutschland leider keine Kinoauswertung erhielt und nunmehr seit dem 1. März bei Amazon Prime Video verfügbar ist, mehr als 30 Jahre.

Ursprünglich sollte die 1991 erschienene Biografie „Enzo Ferrari“ von Brock Yates durch den 2008 verstorbenen Regisseur Sydney Pollack („Jenseits von Afrika“, „Tootsie“) verfilmt werden. Dann  übernahm Michael Mann das Steuer. Doch nach dem Ausstieg des vorgesehenen Ferrari-Darstellers Christian Bale 2015, als die Vorproduktion für den Film schon angelaufen war und nachdem 2017 auch noch Hugh Jackman als Hauptdarsteller das Projekt verließ, stagnierte das ambitionierte 90-Millionen-US-Dollar-Projekt wegen fehlender Finanzierung. Es hat schließlich dann noch bis 2022 gedauert, bis die Rolle von Enzo Ferrari mit „Star Wars“-Star und Charakter-Mime Adam Driver endlich final besetzt werden konnte. Dieser hatte kurz zuvor als Maurizio Gucci bereits eine andere italienische Ikone in dem von Regielegende Ridley Scott inszenierten Film „House of Gucci“ gespielt.

Adam Driver geht in seiner Rolle als Enzo Ferrari auf

Vielleicht hat ihn diese Rolle für das neue Projekt prädestiniert – denn Adam Driver versteht es immer wieder, ganz in seinen Rollen aufzugehen und sich selbst zugunsten seiner Figuren zurückzunehmen. Sowohl bei seinem Makeup als auch bei seinem Schauspiel in „Ferrari“, muss man schon sehr genau hinschauen, um Adam Driver in Enzo Ferrari zu erkennen – so gut ist sein Schauspiel und seine unglaublich starke, egomanische und manipulierende Präsenz in diesem Film.

In „Ferrari“ geht es um sportliche Siege, aber auch um den hohen menschlichen Preis, den man für sie mitunter bezahlen muss. Dabei zeichnet der Film nicht die ganze Lebens- und Erfolgsgeschichte von Enzo Ferrari und seinem Auto-Imperium nach, sondern konzentriert sich nach einer kurzen Schwarz-Weiß-Rückblende zu Beginn lediglich auf ein Jahr im Leben des Auto-Moguls und einem wichtigen Ereignis, das den Rennsport und Ferrari in diesem entscheidenden Jahr nachträglich geprägt hat: Denn 1957 stand der berühmte italienische Rennwagenbauer Ferrari kurz vor dem finanziellen Ruin – kaum jemand wollte mehr seine teuren Luxusautos kaufen und auch im Rennsport hatte sich zu der Zeit die Konkurrenz von Maserati durch Erfolge an die Spitze gesetzt und den Streckenrekord Ferraris im Autodromo di Modena gebrochen.

Im Privaten sah es für Enzo Ferrari zudem nicht besser aus: Er und seine Frau Laura (Penélope Cruz), die ihm bei der Leitung seines Unternehmens unterstützt hat, haben sich über den tragischen Krebstod ihres gemeinsamen Sohnes ein Jahr zuvor völlig auseinandergelebt. Als sie dann auch noch zufällig von der zwölf Jahre andauernden Liebschaft ihres Mannes mit Lina Lardi (Shailene Woodley) erfährt, mit der er ein zehnjähriges gemeinsames Kind namens Piero hatte und damit einen neuen Hoffnungsträger auf familiäre Kontinuität, geriet Enzos Leben endgültig aus der Bahn, und ein Krieg um die gemeinsame Ehe, um die Zukunft der Firma und des Ferrari-Namens entbrannte.

Daraufhin entschied sich Enzo Ferrari unter all dem auf ihm lastenden Druck, sein Rennteam am berüchtigten „Mille Miglia“-Langstrecken-Straßenrennen teilnehmen zu lassen: Bei diesem monumentalen Ereignis fuhr man mehr als 1000 Meilen quer durch Italien, oft auch auf öffentlichen Straßen. Wie der Film zeigt, diente Enzos Entscheidung im Nachhinein nicht der Rettung seiner Firma, sondern hatte für viele Beteiligte katastrophale Auswirkungen zur Folge: Beim 24. „Mille Miglia“-Rennen kam es 1957 zu einem folgenschweren Unfall mit neun toten Zuschauern, darunter fünf Kindern – danach wurden alle Autorennen auf italienischen Straßen verboten, was schließlich nach 30 Jahren das Ende von „Mille Miglia“ bedeutete.

Ein paar inszenatorische Umdrehungen zuviel

Der visuelle Stil der Rennszenen im Film unterscheidet sich in der Bildgestaltung und im Erzähltempo deutlich von dem Stil, in welchem Szenen mit Enzo, dessen Frau und seine Geliebten gefilmt sind. Das führt dazu, dass dem Film mitunter die richtige Balance fehlt und es dem Zuschauer vorkommt, als würde man sich zwei verschiedene Filme anschauen: Ein oft schleppend und langsam erzähltes überlanges 131-Minuten-Melodrama um Ehebruch, Trauer und Verlust und einen rasanten Rennsportfilm mit atemberaubenden Szenen, die unter die Haut gehen.

Es dauert ganze sieben Minuten bis ein erstes Wort in dem Film fällt. Immer wieder prallen inszenatorisch intime und ruhige Szenen auf gewaltige Actionmomente rund um die Faszination für Motoren und Geschwindigkeit, die in ihrer Dynamik und physischen Wucht durchaus zu beeindrucken wissen, wenn auch leider mit stellenweise deutlich sichtbarer CGI-Unterstützung.

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Michael Mann macht aus dem „Mille-Miglia“-Rennen eine mitreißende, audiovisuelle Querfeldein-Odyssee des Schicksals, die sich dem Zuschauer ins Gedächtnis einbrennt und die man nicht so schnell vergisst –  insbesondere wegen einer bestimmten Szene, die dem Film schließlich eine FSK-16-Freigabe eingebracht hat. Von solchen Szenen, die beeindruckend aufzeigen, welche Kräfte beim Rennsport am Werk sind, würde man gerne mehr sehen: Denn der Rennsport bleibt, ähnlich wie die Musik von Leonard Bernstein in dem kürzlich über ihn erschienenen Netflix-Biopic „Maestro“, am Ende nur eine Nebenhandlung in einem Film, der stattdessen vielmehr das Psychogramm eines Mannes zeichnet, der Schutzmauern um sich gebaut hat und in dessen Leben und Familie der Tod seit jeher ein ständiger Begleiter war.

Zwar schafft Regie-Legende Michael Mann mit „Ferrari“ im hohen Alter noch ein durchaus ansehnliches Alterswerk, bei dem vor allem Adam Driver sowie alle Rennszenen in der Tat begeistern können – alles andere jedoch bleibt inszenatorisch leider auf halber Strecke liegen oder wird mit angezogener Handbremse präsentiert. „Ferrari“ kommt zwar einigermaßen unbeschadet ins Ziel – aber ein paar Gänge mehr wären durchaus drin gewesen.

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