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Wie wollen Wiener wirklich wohnen? 

Die österreichische Hauptstadt hat Siedlungsgeschichte geschrieben, ihr sozialer Wohnungsbau mit den legendären Gemeindebauten galt früh als wegweisend. 
In der bis 1938 eigenständigen Gemeinde Roth Neusiedl im Süden Wiens soll auf 124 Hektar ein neuer Stadtteil mit vielen Grün- und Freiräumen sowie leistbarem Wohnraum entstehen. Im neuen Stadtteil Roth Neusiedl sind 9.000 Wohnungen für rund 21.000 Menschen sowie 8.000 Arbeitsplätze geplant.
Foto: Rendering: O&O Baukunst | In der bis 1938 eigenständigen Gemeinde Roth Neusiedl im Süden Wiens soll auf 124 Hektar ein neuer Stadtteil mit vielen Grün- und Freiräumen sowie leistbarem Wohnraum entstehen.

Wie wollen wir leben? Diese Frage besitzt nicht nur eine philosophische Dimension – Was ist ein gutes Leben? Wie kann menschliches Leben gelingen? –, sondern auch eine sehr konkrete: Wie wollen wir wohnen? Wie sollen Städte und Wohnviertel gestaltet sein, damit menschliches Leben im Miteinander gelingt? Christen beispielsweise wissen, dass ihre endgültige Heimat nicht auf Erden liegt. „Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige.“ Und die Bibel bietet keine Bauanleitung für moderne Städte. Ihre Gestaltung gehört aber zu jener „rechten Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“, von der das Zweite Vatikanische Konzil spricht. 

Der Städtebau folgt demnach menschlicher Eigengesetzlichkeit und verdeutlicht, wie sich das „Wie wir leben wollen“ im Laufe der Zeit gewandelt hat. Als abschreckendes Beispiel werden heute etwa die in den 1950er- und 1960er-Jahren entstandenen Pariser Banlieues genannt. Sie wurden als reine Schlafstädte konzipiert und begünstigten soziale Isolation, teilweise Gewalt und Kriminalität. 

Wien ist im Plan 

Demgegenüber bevorzugt Wien statt riesiger Wohnanlagen „Stadtentwicklungsareale“, die eher an Dörfer oder Kleinstädte erinnern. Als Leitbild gilt seit dem 2025 beschlossenen „Wien-Plan“ eine „kompakte, durchmischte und klimafreundliche Stadt“ nach dem Konzept der „15-Minuten-Stadt“. Wohnen, Einkaufen, Arbeit, Bildung, Freizeit und Kultur einschließlich Kirchen (etwa St. Edith-Stein in Aspern, demnächst auch ein „Campus der Religionen“ als Ort für interreligiöse Begegnungen) sollen möglichst innerhalb kurzer Wege erreichbar sein. In der Seestadt Aspern wurde deshalb bewusst auf ein klassisches Einkaufszentrum verzichtet und auf „Erdgeschoßzonen“ mit Geschäften, Gastronomie und kulturellen Einrichtungen gesetzt. Auch bislang wenig genutzte Flächen, etwa unter U-Bahn-Hochtrassen, werden zu öffentlichen Aufenthalts- und Freizeitbereichen umgestaltet. Der promovierte Architekt Bernhard Steger ist seit Dezember 2018 Leiter der Abteilung Stadtteilplanung und Flächenwidmung Innen-Südwest bei der Stadt Wien. Bei der Entwicklung neuer Stadtteile wie der Seestadt Aspern oder dem Sonnwendviertel sollen Wohnen, Arbeiten, Nahversorgung und Freizeit von Anfang an miteinander verbunden werden. „Lebensqualität, Ressourcenschonung und Innovation“ seien die Leitbegriffe der Wiener „Smart-City-Strategie“, so Steger. 

Anfang der 1990er-Jahre zählte Wien 1,5 Millionen Einwohner, heute sind es rund 2 Millionen. Dieses Wachstum hänge eng mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammen. Die Stadt sei „auf einmal wieder in die Mitte Europas gerutscht“ und habe sich zum „wirtschaftlichen Drehkreuz zwischen West-, Ost- und Südosteuropa“ entwickelt. Das starke Bevölkerungswachstum habe große Stadtentwicklungsareale erforderlich gemacht. Hinzu sei die Neuordnung des Bahnverkehrs gekommen. Mit der Eröffnung des Wiener Hauptbahnhofs 2014/15 seien die früheren Kopfbahnhöfe zu einem europäischen Verkehrsknoten zusammengeführt worden. Gleichzeitig seien auf dem Gelände des ehemaligen Süd- und Ostbahnhofs rund 109 Hektar frei geworden, auf denen mit dem Quartier Belvedere und dem Sonnwendviertel Tausende Wohnungen und Arbeitsplätze, aber auch Schulen und Parks entstanden seien. 

„Grätzl“: Stadtviertel bilden „selbstständige“ Einheiten 

Die Stadt Wien folge dem Prinzip, überschaubare Quartiere zu schaffen. „Wir haben eine Art ‚Grätzlmentalität‘“, so Steger – wobei „Grätzl“ die traditionelle, wienerische Bezeichnung für ein kleines, eng zusammengehörendes Stadtviertel ist –, orientiert am Gedanken der „15-Minuten-Stadt“: Wohnen, Einkaufen, Bildung und Erholung sollen ohne lange Wege erreichbar sein. „Wenn ich einen schönen Tag verbringen möchte, muss ich nicht unbedingt sehr weit fahren“, so Steger. Geschäfte und gastronomische Angebote gehörten ebenfalls in das unmittelbare Wohnumfeld, genauso wie Spielplätze und Sportanlagen: „Schulsportplätze werden außerhalb der Unterrichtszeiten auch für die Bevölkerung geöffnet.“ 

Eine wesentliche Voraussetzung dafür sei ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr. „Heute werden rund 40 Prozent aller Wege in Wien mit Bus, Straßenbahn oder U-Bahn zurückgelegt, während der Autoverkehr etwa 23 Prozent ausmacht.“ Mitte der 1990er-Jahre sei das Verhältnis nahezu umgekehrt gewesen. Der „Öffi-Ausbau“ werde konsequent fortgesetzt. Aus dem Fenster des Besprechungsraums zeigt Steger auf die Baustelle der Kreuzung „U2xU5“ unmittelbar neben dem historischen Rathaus. Die Verlängerung der U-Bahn-Linie 2 und die neue U5 sollen künftig Platz für weitere 300 Millionen Fahrgäste pro Jahr schaffen. Darüber hinaus investiere die Stadt Wien massiv in den Ausbau sicherer Radwege. Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sei, begegne zwangsläufig anderen Menschen. Das sei nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern leiste auch einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität und zum nachbarschaftlichen Miteinander. 

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  Die vielfältige soziale Struktur spiele eine ebenso wichtige Rolle, wobei die Stadt auf Durchmischung setze. Denn „geförderter Wohnbau“ bedeute in Wien nicht ausschließlich Sozialwohnungen, sondern richte sich bewusst auch an den Mittelstand. Eine Schlüsselrolle spiele der 1984 gegründete „Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds“, der heute wohnfonds_wien heißt. Die gemeinnützige Organisation unterstütze einerseits die Althaussanierung, stelle andererseits Grundstücke für den leistbaren Wohnbau bereit und führe Bauträgerwettbewerbe durch. 

Neubaugebiete würden bewusst nicht von einem einzigen Bauträger entwickelt: „Wenn Sie nicht einen Bauträger 1.000 Wohnungen bauen lassen, sondern fünf Bauträger je 200 Wohnungen, dann haben Sie fünf Architekturen, fünf unterschiedliche Vertriebswege und fünf unterschiedliche Mindsets.“ Vielfalt entstehe deshalb nicht erst durch die Bewohner, sondern bereits bei der Planungsphase. Auch der öffentliche Raum werde heute anders gedacht als früher. Autos sollen nicht mehr das Straßenbild dominieren: „Durch Sammelgaragen am Rand neuer Quartiere entstehen im Inneren weitgehend autofreie Bereiche.“ Im Sonnwendviertel sei dieses Konzept „auf die Spitze getrieben“ worden. Zwei Hochgaragen dienten zugleich „als Lärmschutz zur Bahn hin.“ Dies führe dazu, dass in der Mitte eine Fußgängerzone entlang der Häuser bestehe, auf der Kinder Fahrrad fahren lernen und Nachbarn Straßenfeste veranstalten könnten. 

Zum Wandel im städtebaulichen Konzept führt Bernhard Steger aus: Nach dem Ersten Weltkrieg habe Wien infolge der enormen Wohnungsnot nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie in kurzer Zeit Zehntausende Wohnungen errichten müssen – in elf Jahren etwa 60.000 Wohnungen. Damals seien Wohnanlagen wie der Karl-Marx-Hof entstanden mit mehr als 1.000 Wohnungen. 

Wohnraum allein reicht nicht 

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Wohnungsdruck geringer gewesen. Damals habe es „ein paar Satellitenviertel, Scheibenbauten, Plattenbauten, wie sie auch immer genannt werden“, gegeben. Später habe sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass lebendige Stadtteile mehr benötigen als Wohnraum allein. Gute Stadtplanung müsse langfristig angelegt sein: „Viele der heutigen Entwicklungsgebiete sind bereits in den 1990er-Jahren konzipiert worden.“ Entscheidend sei, dass die Bürger früh erkennen könnten, „wo was passiert“. Stadtentwicklung dürfe nicht von kurzfristigen politischen Erwägungen abhängen. Für Bernhard Steger bedeutet „Smart City“ deshalb weit mehr als technische Innovation. Leistbares Wohnen, ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr, Grünräume, Schulen – allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten seien in Wien zahlreiche neue Schulen gebaut worden –, Gesundheitsversorgung und Orte der Begegnung gehörten ebenfalls dazu. Ein „gutes Leben“ im Miteinander entstehe durch die Verknüpfung von sozialer Vielfalt, verschiedenen Nutzungen sowie langfristiger Planung. 

Ob das Modell der „Smart City“ tatsächlich langfristig gelingt, kann nur „das Leben“ selbst beantworten. Die Entwicklung der Seestadt Aspern, der Bahnhof City, des Nordbahnhofs und weiterer neuer Stadtquartiere spricht allerdings schon dafür. Auch wenn diesen Stadtteilen die Edel-Patina des alten Wiens abgeht. BU: In der bis 1938 eigenständigen Gemeinde Roth Neusiedl im Süden Wiens soll auf 124 Hektar ein neuer Stadtteil mit vielen Grün- und Freiräumen sowie leistbarem Wohnraum entstehen. Im neuen Stadtteil Roth Neusiedl sind 9.000 Wohnungen für rund 21.000 Menschen sowie 8.000 Arbeitsplätze geplant.


 Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Kultur.

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José García Synoden

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