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Schicken die Spanier die Legende Kroos heute in Rente?

Warum der Sieger des heutigen Viertelfinales bereits feststeht und was Tier-Orakel und Künstliche Intelligenz darüber alles wissen.
Ein übergrosser Fußball
Foto: IMAGO/Horst Galuschka (www.imago-images.de)

„Prognosen“, das wusste schon Karl Valentin, „sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“. Doch selten einmal ist das derart relevant gewesen, wie an diesem Nachmittag vor eben jenem Fußball-EM-Viertelfinale, in dem „La Furia Roja“, wie die „Selección de fútbol de España“, von den spanischen Fans auch genannt wird, in Stuttgart gegen Gastgeber Deutschland um den Einzug ins Halbfinale spielt.

Künstliche Intelligenz sagt einen Sieg der Spanier voraus

Hatten sich einfache Gemüter in der Vergangenheit bei ähnlichen Anlässen auf die angeblich hellseherischen Fähigkeiten von Tier-Orakeln wie der „Krake Paul“, der Kuh „Yvonne“ oder auch der Elefantendame „Yashoda“ verlassen, so bekommt das aktuelle Delphi-Double, der Bobtail „Oscar“, heute Konkurrenz durch „Künstliche Intelligenz“ (KI). Und die sagt einen Sieg der Spanier voraus.

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Nur wie, so lautet die spannende Frage, errechnen Open AI & Co eigentlich die Zukunft? Und erstreckt sich diese heute über 90, 120 oder dank Elfmeterschießen noch mehr Minuten? Welche Variablen müssen einbezogen werden? Reicht es dafür, statistische Werte wie Ballbesitz, Chancenverwertung, Passgenauigkeit und Zweikampfstärke aus vorangegangenen Begegnungen in Prozent zu erfassen? Muss die Laufbereitschaft der Spieler, gemessen in Kilometern, hinzugenommen werden? Oder spielen nicht auch die Farbe der Trikots, die Schuhwahl der Spieler oder die Wahl des Hotels durch den Verband, die Zusammenstellung des Frühstücks, der Playlists der Spieler im Mannschaftsbus und die Lautstärke der Kabinenansprachen der Trainer eine Rolle?

Wie bildet der Algorithmus die Angst der Tormänner vor dem Elfmeter ab?

Woher weiß die KI, für welche taktischen Formationen sich Luis de la Fuente und Julian Nagelsmann zum Auftakt entschieden haben? Woher, ob und wann sie diese im weiteren Verlauf des Spiels umstellen werden? Wie bewertet die KI, dass alle Spanier die Legende Toni Kroos heute „in Rente schicken“ wollen? Und wie, dass die „Legende“, die angekündigt hat, die Fußballschuhe nach der EM an den Nagel hängen zu wollen, genau dies heute zu verhindern suchen wird? Oder hebt sich das in einer mathematischen Gleichung der Form 11 = 1 auf?

Wäre es belanglos, falls in Minute 25 ein Spieler vom Platz gestellt wird? Oder kann die KI das auch vorausberechnen? Wie bildet der Algorithmus die Angst der Tormänner vor dem Elfmeter ab? Welchen Einfluss hat der zwölfte Mann und inwieweit hängt dieser von dessen Bierkonsum während der Partie ab? Bis zu welchem Pegel kann er als proportional betrachtet werden? Und ab wann beginnt er, sich umgekehrt proportional auszuwirken? Und vor allem: Wissen das auch die Getränke-Fachverkäufer im Stadion?

Fragen über Fragen, die die korrekte Vorhersage des Ausgangs der Begegnung, in der viele Experten das „vorgezogene EM-Finale“ erblicken, erheblich erschweren dürfte. In Wahrheit steht der Ausgang des Viertelfinals natürlich längst fest. Als Sieger vom Platz geht heute die Mannschaft, die weniger Fehler macht.

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Stefan Rehder Karl Valentin Künstliche Intelligenz

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