Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Geburtstag des Erfolgsautors Bernhard Schlink

Die Tücken der Erinnerung

Sein Roman „Der Vorleser“ war ein internationaler Bestseller und brachte ihm Weltruhm ein. Nun wird der Autor Bernhard Schlink 80 Jahre alt. Zeit für eine Würdigung.
Bernhard Schlink bei der Leipziger Buchmesse 2024
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Mit dem Roman "Der Vorleser" (1995) wurde Bernhard Schlink weltberühmt.

Die Liste der sogenannten „Dichterjuristen“ (gemeint sind literarisch tätige Juristen) ist erstaunlich lang, sie reicht – um nur einige wenige zu nennen – von Marcus Tullius Cicero über Johann Wolfgang von Goethe, E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky und Franz Kafka bis zu Ferdinand von Schirach und Bernhard Schlink.

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Das kurze Leben Franz Kafkas ist anlässlich seines 100. Todesjahres im letzten halben Jahr ausführlich gewürdigt und zerlegt worden; eine der originellsten Annäherungen an den Juristen Kafka verdanken wir seinem dichtend-juristischen Nachfahren Bernhard Schlink in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Februar. Unter dem Titel „Die Freude und das Leiden am Recht“ widerlegt er die vorherrschende Theorie, Kafka habe unter seinem Brotberuf bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt in Prag gelitten. Da schreibt jemand, der weiß, wovon er spricht, auch wenn er erst in späterem Alter mit dem literarischen Schreiben begonnen hatte: Bernhard Schlink war bereits 43, als er 1987 während eines dreimonatigen Frankreichaufenthaltes gemeinsam mit dem Freund Walter Popp den ersten Kriminalroman schrieb: „Selbs Justiz“ um den 68jährigen Privatdetektiv Gerhard Selb, den ein Auftrag zurück in die eigene Vergangenheit als Staatsanwalt während der Zeit des Nationalsozialismus führt. Es folgten, nun im Alleingang, „Der gordische Knoten“ sowie „Selbs Betrug“ und „Selbs Mord“ dann war die Serie der erfolgreichen, mit Preisen ausgezeichneten Kriminalromane abgeschlossen.

Verfassungsrichter in Münster

Zu der Zeit stand Schlink, Professor für Öffentliches Recht, an der Universität Bonn noch voll im Berufsleben, zusätzlich übte er das Amt des Verfassungsrichters für das Land Nordrhein-Westfalen in Münster aus, und dies mit offenbar großer Freude und Engagement: „Man macht nur gut, was man gerne macht; was man nicht gerne macht, macht man nicht gut.“

Der am 6. Juli 1944 in Bielefeld als Sohn eines protestantischen Theologieprofessors und einer Theologin geborene Bernhard Schlink wuchs in Heidelberg auf und studierte Jura ebendort und an der Freien Universität Berlin, promovierte 1975 über Verfassungsrecht in Heidelberg und habilitierte sich 1981 in Freiburg im Breisgau mit einer Arbeit über die Lehre von der Gewaltenteilung in der Verwaltung. Schlink lehrte in New York und war als Verfahrensbevollmächtigter und Gutachter unter anderem vor dem Bundesverfassungsgericht tätig.

Der zum Welterfolg avancierte und ebenso erfolgreich verfilmte erste nicht-kriminalistische Roman „Der Vorleser“ (1995) spielt Ende der 1950er Jahre und beginnt mit der ungleichen erotischen Beziehung des 15-jährigen Schülers Michael Berg mit der 21 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, der er – unter anderem – vorliest. Im Verlauf des Romans geht die Geschichte zurück in die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und somit auch in Hannas nicht unerhebliche schuldhafte Verstrickungen in das System, die in einem Kriegsverbrecherprozess verhandelt werden. Als studentischer Beobachter begreift Michael, dass Hanna weder lesen noch schreiben und daher die ihr vorgeworfenen Taten so nicht begangen haben kann. Die Frage nach Schuld und Sühne erfasst auch den jungen Mann, der einerseits eingreifen möchte, dies aber nicht fertigbringt, weil er dazu mit der ehemaligen Geliebten sprechen müsste, wovor er zurückscheut. Nichtsdestotrotz wird die Begegnung mit Hanna sein weiteres Leben und seine Berufswahl entscheidend prägen; sowohl die Frau als auch die historischen Umstände ihres Lebens werden ihn auch nach ihrem Freitod nie wieder loslassen.

Mehr als nur Nazis

Es ist nicht in jedem Roman der Nationalsozialismus, der seine Wurzeln in die Hauptpersonen geschlagen hat, es ist aber immer die Vergangenheit, die nach oben drängt und ihre moralisch-ethische Aufarbeitung fordert, das ist das Kernanliegen in allen Werken Bernhard Schlinks – da mag die protestantische Erziehung ihren Einfluss geltend machen. In „Das Wochenende“ (2008) ist es die Rote-Armee-Fraktion (RAF), die zum Thema wird, in Gestalt eines begnadigten Ex-Genossen, der nach 20 Jahren Haft in einem brandenburgischen Landhaus mit seiner Schwester und Freunden zusammentrifft. Mit „Olga“ (2018) unternimmt der Autor eine Reise durch das ganze 20. Jahrhundert, vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus und die Studentenbewegung bis zum Schicksal der Vertriebenen in der Bundesrepublik. Es ist die Lebensreise einer ungewöhnlichen Frau, die sich aus widrigen Verhältnissen herauskämpft, um ihren eigenständigen Weg zu verfolgen. Der Erzähler, der Olga als Junge kennenlernte, rekonstruiert nach ihrem Tod ihr Leben aus dem von ihr Erfahrenen und aus entdeckten Briefen, die sie als junge Frau postlagernd an ihre große Liebe (einen in der Arktis verschollenen Abenteurer) geschrieben hat.

„Die Enkelin“ (2021), die der Großvater nach dem Tod seiner Frau aufspüren möchte, findet er in einer rückwärtsgewandten Siedlung auf früherem DDR-Gebiet, und er führt den Leser nach und nach in die Welt des untergegangenen geteilten deutschen Staates und der Wiedervereinigung. Der bisher letzte Roman „Das späte Leben“ (2023) möchte nun nicht mehr die Historie erklären, hier geht es um ausschließlich Persönliches: der 76jährige emeritierte Rechtsprofessor Martin erfährt, dass er unheilbar krank ist, hat aber noch einen kleinen 6-jährigen Sohn, dem er etwas Bleibendes hinterlassen möchte, das ihn an den Vater erinnern wird. Vielleicht einen Brief? Die eigenen Gedanken und die Gespräche und Auseinandersetzungen mit seiner jungen Frau lassen uns teilhaben an seinem Annäherungsprozess an ein schwieriges Sujet, und da Schlink hier wie in all seinen Romanen einen eher nüchternen Stil pflegt, gelingt es dem Autor, uns Lesern gerade durch die zurückhaltende Sprache das nun einmal jeden angehende existenzielle Thema vor Augen zu führen.

So ist es immer auch die klare, präzise und knappe Sprache, die bei Bernhard Schlink fasziniert. Selbst die schwierigsten menschlichen Lebenserfahrungen kann er mit Emotionalität, aber ohne Sentimentalität vermitteln. Wer dem kühl-zurückhaltenden Schriftsteller begegnet und versucht, das umfassende, facettenreiche Wissen hinter der streng beherrschten Miene und der klug gesetzten Wortwahl zu entdecken, wird schnell fündig, auch der feinsinnige Humor schimmert durch seine Worte und das Werk. Die unter der Oberfläche schlummernden Emotionen dagegen weiß er zu verbergen, man ahnt sie bestenfalls. Dass sie zweifellos vorhanden sind, weiß jeder Leser aus seiner Literatur. Möglicherweise braucht der Jurist Schlink wie der Jurist Kafka die Literatur, um sich seinen verborgenen Seiten zu stellen?

Wenn man über die Fähigkeit verfügt, sich literarisch ein zweites Leben zu erschaffen – was gibt es Bereichernderes?

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