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Raketen im Bauch des Holzpferdes

Nach einem Jahrzehnt, in dem sich alles um Gender und Hautfarbe drehte, wechselt die Woke-Ideologie ihre Gestalt. Die Kirche droht in eine Sprengfalle zu tappen.
Don Quijote, Sancho Panza und das Holzpferd Clavileño. Die Illustration stammt von Paul Gustave Doré (1832–1883), der auch als Bibelillustrator berühmt wurde.
Foto: Projekt Gutenberg | Don Quijote, Sancho Panza und das Holzpferd Clavileño. Die Illustration stammt von Paul Gustave Doré (1832–1883), der auch als Bibelillustrator berühmt wurde.

Cervantes legte einer seiner Figuren eine kategorische Behauptung in den Mund: Niemals taugen die zweiten Teile etwas. Die Pointe: Der Satz steht ausgerechnet im zweiten Teil des „Don Quijote“, der ihn sogleich widerlegt, denn er ist ebenso meisterhaft geschrieben wie der erste. Ich fürchte, dass auch wir, die wir seit Jahren den Wokismus kritisieren, nun einen zweiten Teil erleben. Nur dürfte Cervantes diesmal recht behalten: Alles deutet darauf hin, dass er noch schlimmer wird als der erste Teil. Den Begriff brachte kürzlich Alexandria Ocasio-Cortez, ein Star der Demokraten in den USA, ins Gespräch, als sie sich im Fernsehen darüber lustig machte, dass „Woke 1 völlig verrückt war“. Wenn es einen Woke 1 gab, dann steht offenbar Woke 2 vor der Tür.

An Woke 1 erinnern wir uns alle: Pronomen in der E-Mail-Signatur, obligatorische Diversity-Seminare in Unternehmen, Karrieren, die durch einen alten Beitrag im Internet ruiniert wurden, gestürzte Denkmäler. Angesichts dieser Exzesse versprechen die Anhänger des Wokismus 2, sich weniger mit Symbolen oder Sprache und mehr mit Mieten, Löhnen oder dem Gesundheitswesen zu beschäftigen. Damit kehrt das alte Versprechen der Linken zurück, den Lebensstandard aller zu verbessern – besonders attraktiv, da die westliche Mittelschicht – auch die deutsche – seit fast zwei Jahrzehnten immer ärmer wird.

Opferkult und Götzendienst

Das Evangelium fordert uns jedoch auf (Mt 10,16), uns nicht mit dem äußeren Schein der Dinge zufriedenzugeben, sondern zu ergründen, was sich dahinter verbirgt. Und das Aufschlussreiche an „Woke 2“ liegt weniger in seinem Wirtschaftsprogramm als vielmehr in der Rollenverteilung. Woke 1 erwählte seine Helden aus jenen Gruppen, die es aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit oder sexuellen Identität als historisch benachteiligt betrachtete: Frauen, Homosexuelle, Transsexuelle. Niemand durfte den Forderungen eines ihrer Angehörigen widersprechen, ohne Gefahr zu laufen, beschuldigt zu werden, dem Unrecht der Vergangenheit neue Unterdrückung hinzuzufügen. Woke 2 hingegen erhebt ein anderes „Opfer“ zum Gegenstand höchster, beinahe heiliger Verehrung: den Einwanderer. Und da die problematischste Einwanderung im Westen die muslimische ist, landet, wer heute „Einwanderer“ sagt, schließlich beim „Islam“.

So greift dieser zweite Wokismus den Antikolonialismus der Linken aus den 1960er-Jahren wieder auf. Sein moralisches Aushängeschild? Palästina. Sein Sinnbild? Zohran Mamdani, der bei seiner Vereidigung als Bürgermeister von New York auf den Koran schwört. Die Juden hingegen, die unter Woke 1 noch als eine weitere schutzbedürftige Minderheit galten, werden nun zum genauen Gegenteil: zu den Unterdrückern schlechthin, den jüngsten und grausamsten Kolonialherren (in Israel), zur bevorzugten Zielscheibe der neuen Woke-Angriffe. Dass die antisemitische Gewalt von links sprunghaft zugenommen hat, ist kein Zufall. Die Grundstruktur des Wokismus bleibt indessen unverändert. Nach wie vor wird eine Hierarchie der Opfer errichtet, die wie Götzen behandelt werden, denen niemand widersprechen darf. Nach wie vor gibt es einen bis ins Einzelne ausgearbeiteten Katalog von Dogmen und Sünden. Und nach wie vor werden die neuen Sünder mit Sanktionen und „Cancel“-Kampagnen bestraft. Wobei diese Sünder – und darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum Christentum – nicht einmal auf Vergebung hoffen dürfen.

Verführerische Versuchungen

Wie wird die Kirche auf diesen neuen Wokismus reagieren? Auf Woke 1 reagierte Rom erst mit Verzögerung, doch schließlich tat es das: 2022 kritisierte Papst Franziskus die Cancel Culture mit unmissverständlichen Worten. Bei Woke 2 hingegen fürchte ich, dass die Dinge nicht so eindeutig liegen werden. Aus drei Gründen. Erstens: Der Wokismus gibt sich als christliche Idee aus – den Opfern und Unterdrückten zu helfen. Tatsächlich aber handelt es sich eher um eine christliche Häresie, die die Opfer vergöttert und den Hass auf die vermeintlich Privilegierten schürt. Schon Irenäus warnte davor, dass sich der Irrtum stets verkleidet, um wahrer zu erscheinen als die Wahrheit selbst. Viele Katholiken haben das bis heute nicht begriffen und glauben – schon seit dem Aufkommen von Woke 1 –, dass Wokismus und Christentum letztlich dasselbe verteidigen.

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Zweitens: Es ist offenkundig, dass weite Teile der Kirche noch immer nicht vollständig von der Befreiungstheologie und ihrer „Marxistisierung“ des Glaubens genesen sind – trotz der Verheerungen, die sie in Iberoamerika angerichtet hat, und der Abwanderung von Gläubigen, die sie dort auslöste. Diese Theologie teilt mit Woke 2 ihre antiwestliche Haltung und ihre Neigung, Religion und Politik miteinander zu vermengen. Deshalb werden die letzten Verfechter jener Befreiungstheologie zugleich die ersten Vorkämpfer des Wokismus 2 sein.

Entschärfung tickender Zeitbomben

Drittens, und wesentlich prosaischer: Zahlreiche Diözesen, Ordensgemeinschaften und katholische Nichtregierungsorganisationen erhalten dank der Einwanderung viel, sehr viel Geld. So stammten in den USA im Jahr 2024 etwa 65 Prozent der Mittel der Bischofskonferenz aus staatlichen Programmen für Einwanderer; im Jahr 2025 lag dieser Anteil zwar deutlich niedriger, betrug aber immer noch 38 Prozent. Um es mit Upton Sinclair zu sagen: Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.

Kurzum: Woke 2 kommt mit reichen Geschenken zur Kirche: mit Geld, Arbeitsplätzen, dem Anschein christlicher Nächstenliebe und einer Nähe zu neuzeitlichen, theologischen Strömungen. Das erinnert an eine weitere Episode aus dem „Don Quijote“. Darin schenken zwei spottlustige Herzöge dem fahrenden Ritter ein Holzpferd namens Clavileño, das – so versichern sie ihm – fliegen kann. Bevor er aufsteigt, denkt Don Quijote an das Trojanische Pferd, „das voller bewaffneter Ritter war, die später seinen [Trojas] völligen Untergang bedeuteten“, und schlägt vor, zuerst Clavileños Bauch zu untersuchen. Doch man überzeugt ihn, nicht so skrupulös zu sein. Und so steigt er auf das Ross, ohne es vorher zu prüfen. Ein schwerer Fehler: Das Pferd ist voller Raketen, die explodieren und Don Quijote und Sancho halb versengt zu Boden schleudern.

Hoffentlich verzichtet die Kirche heute nicht aus Angst, allzu gewissenhaft zu erscheinen, darauf, ins Innere des hölzernen Woke-Pferdes zu schauen. Hoffentlich ist sie – um noch einmal auf Matthäus 10,16 zurückzukommen – klüger als Don Quijote. Hoffentlich liegt nicht auch sie am Ende am Boden, angesengt von einer Explosion von Zeitbomben des Wokismus 2, die bereits ticken.


Der Autor ist wissenschaftlicher Direktor des ISSEP („Institut für Soziologie, Wirtschaft und Politik“) Madrid. Aus dem Spanischen von José García.

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