Das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre ruft dazu auf, die Evangelisierung neu zu beleben. In einem am Donnerstag veröffentlichten Dokument mit dem Titel „Venite ad me – Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit“ fordert der Vatikan dazu auf, neue Wege der Glaubensvermittlung zu finden. Im Zentrum müsse die persönliche Begegnung mit Jesus Christus stehen. Hintergrund ist der „Epochenwandel“, der von Säkularisierung, Individualismus und Enttäuschungen ebenso geprägt sei wie von veränderten Beziehungen und einer zunehmend digitalisierten Welt. Dieser Epochenwandel habe zu einer Abnahme der Glaubensverkündigung geführt.
Der Glaube dürfe nicht bloß als selbstverständliches kulturelles Erbe weitergegeben, sondern müsse verständlich verkündet, vorgelebt und von jeder Generation neu angenommen werden. „In einer Zeit tiefer Zerrissenheit ist es notwendig, zu den Grundlagen unseres Glaubens, zum Kerygma zurückzukehren. Das ist die erste große Verpflichtung, die alle anderen begründet“, heißt es in dem 88-seitigen Dokument.
Die grundlegende Verkündigung
Das Kerygma sei die grundlegende Verkündigung des christlichen Glaubens: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.“ Dies müsse „die Mitte der Evangelisierungstätigkeit und jedes Bemühens um kirchliche Erneuerung bilden“. Diese Verkündigung müsse immer wieder erfolgen, dürfe aber nie aufgezwungen werden.
Damit sie gelingen kann, sei Kreativität gefragt. Man solle „vielfältigen Ausdrucksformen menschlicher Kreativität" Raum geben, „durch die versucht wurde, jenem Streben nach Schönheit, Liebe und Transzendenz Gestalt zu verleihen, das das menschliche Herz oft in plagender Weise erfüllt“. Besonders erwähnt wird die Musik als „missionarisches Instrument“. Sie stelle „als bevorzugter Ausdruck der via pulchritudinis eine wesentliche Sprache für die Weitergabe des Glaubens“ dar und könne die „tiefsten Saiten des menschlichen Herzens“ berühren sowie „die Wahrheit des Evangeliums durch die Schönheit vermitteln“.
Christusbegegnung konkret im Alltag
Die einzelnen kirchlichen Gemeinschaften seien nachdrücklich aufgerufen, diesen Auftrag voranzutreiben. Denn viele Getaufte kämen nur noch zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Beerdigungen in die Kirche. Zudem falle es vielen schwer, „die Sprache der Kirche zu verstehen“. Weitere Herausforderungen ergäben sich aus existenzieller Armut, sozialer Fragmentierung in Städten und den besonderen Bedingungen des ländlichen Raums.
Doch Jesus begegne den Menschen konkret im Alltag, heißt es in dem Dokument. Deshalb müsse das Evangelium in den unterschiedlichen Lebenswelten Gestalt annehmen. Nicht der Kultur anpassen solle sich der Mensch, sondern er müsse die Kultur vom Evangelium her durchdringen.
Neben der ausdrücklichen Verkündigung brauche es auch das Zeugnis gelebter Nächstenliebe. Eine besondere Rolle spielten dabei die Familie, die kirchliche Gemeinschaft, das Gebet und persönliche Glaubenszeugnisse. Das Dokument erinnert in diesem Zusammenhang an eine Formulierung von Papst Franziskus: „Es geht darum, das Evangelium den Menschen näherzubringen, mit denen jeder zu tun hat, sowohl den Nächsten als auch den Unbekannten.“
Synodalität fördern
Auch das Thema Synodalität wird aufgegriffen. Es gelte, die unterschiedlichen Begabungen unter den Gläubigen zu fördern. Das Dokument spricht dabei ausdrücklich auch die Rolle von Frauen an. So müsse der „Raum für die Mitwirkung von Frauen in der Leitung kirchlicher Prozesse“ erweitert werden.
Wie die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) berichtet, hatte der Vatikan im Vorfeld die mehr als 110 Bischofskonferenzen weltweit um Stellungnahmen gebeten. Nach dem Willen des Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Víctor Manuel Fernández, soll das Dokument in den einzelnen Bistümern erörtert werden.
Mit der weiteren inhaltlichen Vertiefung soll sich zudem das Dikasterium für die Evangelisierung unter Erzbischof Rino Fisichella befassen. Auch die neu besetzte Internationale Theologische Kommission soll sich in den kommenden Jahren mit kulturellen Formen der Glaubensvermittlung beschäftigen. DT/dsc
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