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Geht der Streit um „Amoris laetitia“ in die nächste Runde?

Wohl kaum. Wenn Papst Leo ab heute mit den Vorsitzenden der Ortskirchen über die christliche Familie spricht, geht es nicht um Fußnoten, sondern um ein Ideal.
Leo XIV. vor begeisterten Gläubigen im Vatikan
Foto: IMAGO / Catholicpressphoto | Leo XIV. will die grundsätzlichen Fragen des sakramentalen Ehe- und Familienlebens einem Realitätscheck unterziehen.

Großer Bahnhof im Vatikan. 115 Vorsitzende nationaler Bischofskonferenzen, 15 Oberhäupter der katholischen Ostkirchen und 26 Experten aus allen fünf Kontinenten kommen ab heute für eine ganze Woche mit dem Papst zusammen, um über ein Thema zu beraten, das in allen Ortskirchen der Welt auf je unterschiedliche, aber immer in entscheidender Weise zu den Prioritäten der kirchlichen Seelsorge gehört. Es geht um das Sakrament der Ehe, um die christliche Familie als Grundbaustein der Kirche – und es geht um das postsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ von 2016, das die Ergebnisse der nicht gerade harmonisch verlaufenen Doppelsynode der Jahre 2014 und 2015 zu Ehe und Familie zusammenfasste. 

Der Streitfall Sakramentenpastoral

Damals wurde heiß gestritten: Ab dem Schlüsselreferat von Kardinal Walter Kasper beim außerordentlichen Konsistorium im Februar 2014 stand der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, genauer ihre Zulassung zu den Sakramenten, im Vordergrund der Debatte. Auch dann noch, als „Amoris laetitia“ schließlich erschien und eine Fußnote in der Frage der Sakramentenpastoral eine Abkehr von der traditionellen Lehre der Kirche und insbesondere der Moralenzyklika „Veritatis Splendor“ von Johannes Paul II. vermuten ließ. Die von vier Kardinälen bei Papst Franziskus eingereichten und dann auch noch veröffentlichten „dubia“ (Zweifel) an den entsprechenden Aussagen des päpstlichen Textes erhöhten nur noch die Konzentration auf die Frage der zivil Wiederverheirateten und drängten das Kernthema, die theologische Betrachtung der Sakramentalität der Ehe, ihres im Wesentlichen unauflösbaren Charakters und der Berufung der christlichen Familie, völlig an die Seite.

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Nun sind außergewöhnliche Tagungen im Vatikan wie das jetzt startende Bischofstreffen kein Reparaturbetrieb. Schon gar nicht, wenn es um eine Fußnote in einem nachsynodalen Schreiben geht. Gemeint ist die Fußnote 351, die zur pastoralen Begleitung von Wiederverheirateten erklärt, „in gewissen Fällen“ könnte das auch „die Hilfe der Sakramente sein“. Man könnte noch Fußnote 336 hinzunehmen, die die Feststellung einer „schweren Schuld“ von den jeweiligen Umständen abhängig machte. Wie dem auch sei: Papst Leo hat die Chefs der Bischofskonferenzen und katholischen Ostkirchen sicher nicht zusammengerufen, um eine Einzelentscheidung seines Vorgängers zu korrigieren.

Keine Theologen, sondern Hirten

Das zeigt schon die Formulierung des Themas des Treffens, das Papst Leo heute mit einer einführenden Ansprache eröffnen wird. Man will nicht eine Woche lang über „Amoris laetitia“ sprechen, sondern es geht um „die Verkündigung des Evangeliums mit der Familie von heute – zehn Jahre nach Amoris laetitia“. Das heißt, man will wissen, was in den Ortskirchen in den zehn Jahren nach der Doppelsynode und dem abschließenden Schreiben geschehen ist. Wie ist die Lage der Hauskirchen in den unterschiedlichsten Regionen der Welt, wie bindet man die christlichen Familien in das Apostolat der Kirche ein, welche Unterstützung brauchen christliche Eheleute in ihrem jeweiligen Umfeld, das nicht immer hilfreich ist, um Ehe und Familie als christliche Berufung zu leben.

Leo XIV. will die grundsätzlichen Fragen des sakramentalen Ehe- und Familienlebens einem Realitätscheck unterziehen. Er hat nicht Theologen und Kirchenrechtler zusammengerufen, die einen weiteren lehramtlichen Text erarbeiten sollen, sondern die Hirten der Ortskirchen, die (hoffentlich) wissen, wie es ihren Familien geht, vor allem da, wo eine Gesellschaft einem christlichen Eheverständnis nicht viel Verständnis entgegenbringt.

Die Einzelthemen, mit denen man sich ab morgen an den fünf kommenden Arbeitstagen befassen wird, deuten das schon an. Morgen geht es um die Realität, die Schönheit und Herausforderungen der Familien von heute, am Freitag um die Jugendlichen und die Entdeckung der Berufung zur Ehe, am Samstag um die ersten Ehejahre als entscheidende Zeit. Am Montag dann spricht man über die Begleitung und Unterstützung in schwierigen Lebenslagen und am Dienstag über die christliche Familie als Träger der Mission der Kirche. Das alles sind grundsätzliche Fragen, bei denen sich dann zeigen wird, welche Früchte die Doppelsynode zu Ehe und Familie und „Amoris laetitia“ getragen haben.

Es geht nicht um Fußnoten

Es kann durchaus sein, dass auch die kontroversen Passagen des nachsynodalen Schreibens von damals zur Sprache kommen. Zerbrochene Ehen und hohe Scheidungsraten gehören heute zu den Realitäten, denen sich die Kirche in vielen Gesellschaften und Kulturen stellen muss. Es kann also sein, dass ein Vorsitzender der nationalen Bischofskonferenzen oder einer Ostkirche das Thema der Sakramentenpastoral bei Paaren in irregulären Beziehungen zur Sprache bringt. Aber der Vatikan hat das nicht vorgeschrieben. Bei seinen ersten großen Auslandsreisen durch Afrika sowie nach Spanien und Frankreich hat Papst Leo mit eigenen Augen gesehen, wie sehr die Familien das Fundament der Gemeinden und Ortskirchen sind, als natürliche Umgebung, in der der Glaube bei den Nachwachsenden aufzublühen beginnt.

Von den Familien hängt es ab, wie lebendig eine Pfarrei ist, ob es katholische Schulen gibt und ob die Jugendlichen Orte finden, in denen sie ihren Glauben leben und festigen können. Es wäre falsch, das nun startende Bischofstreffen durch die Brille zweier Fußnoten zu sehen. Papst Leo will nicht Symptome kurieren, die sich – wie Scheidungen und zerbrochene Ehen – einstellen, wenn in einer Gesellschaft der christliche Grundwasserspiegel abgesunken ist. Er will wissen, was die Kirche in den vergangenen Jahren getan hat, um das Ideal der christlichen Ehe und Familie wieder zum Leuchten zu bringen.

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Guido Horst Evangelium Johannes Paul II. Kardinäle Katholische Schulen Leo XIV. Papst Franziskus

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