Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Objekte auf Beinen“

Fromme Standfestigkeit

„Zu Fuß“: Das Hildesheimer Dommuseum zeigt mittelalterliche Kirchenkunst auf Füßen, mit Tatzen und Krallen. 
Hochmittelalterliches Leuchterpaar
Foto: Dommuseum Hildesheim; Goddmann/bph | Hochmittelalterliches Leuchterpaar, (12./13. Jahrhundert) Dommuseum Hildesheim, Leihgabe St. Magdalenen.

Erstmals steht die Standfestigkeit kirchlicher Objekte im Blickpunkt einer Ausstellung. Sie ist im Dommuseum von Hildesheim eingerichtet und umfasst 36 erlesene Stücke des Mittelalters, die auf Tatzen, Klauen oder Füßen stehen. Andere werden von Drachen oder allegorischen Figuren gestützt. Das Phänomen ist bislang kaum erforscht, und in theologischen Schriften findet man kein Wort darüber, warum die Objekte auf Füßen stehen. Andere Hilfsmittel zur Präsentation bildnerischer Darstellungen sind dagegen gut erforscht: das Thema „Rahmen“ etwa oder die Plinthen, Postamente und Podeste von Skulpturen.

Die Schau beginnt mit einem funkelnden Leuchterpaar aus Silber, das teilweise vergoldet ist. Auftraggeber war der heilige Bischof Bernward von Hildesheim, der von 993 bis 1022 amtierte. Diese ältesten vollständig erhaltenen mitteleuropäischen Leuchter stehen auf drei Füßen mit vier Zehen, die jeweils eine goldene Halbkugel umkrallen. Sie werden als Löwentatzen beurteilt. Löwen repräsentieren Macht und Stärke. Sie wehren das Böse ab. Über den Tatzen wimmeln zahlreiche Wesen. Drei Menschen reiten auf geflügelten Drachen, die sich in den Fuß beißen. Löwen heben eine Tatze an. Vögel krallen sich im Geäst fest, das die beiden Leuchterschäfte umrankt und an dem zahlreiche Menschen nach oben klettern. Also zum (Kerzen-) Licht. Aus theologischer Perspektive streben sie zu Jesus, dem Licht der Welt. Die Leuchter – sie haben Füße. Aber sind sie nicht als Ganzes auch Füße des Lichts?

Die zweite wiederholt auftretende Stütze sind Klauen. Auf denen steht zum Beispiel der im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in Hildesheim angefertigte Tragaltar, den die aus Walrosszahn geschnitzten Büsten von Maria, Jesus und 14 Heiligen umziehen. Drei Klauen aus vergoldeter Bronze umfassen jeweils eine Halbkugel, die kurze vierte stützt nach hinten ab. Museumsdirektor Prinz urteilt: Sie „scheinen nach unten hin apotropäisch das Böse abzuwehren und sind als Klauen eines Greifs die Füße eines mächtigen Tierwesens“. Der Greif ist Sinnbild des über Himmel und Erde herrschenden Christus sowie seiner Doppelnatur als Gott und Mensch.

Geflügelte Drachen sind die dritte Stützform, der wir auf dem Rundgang mehrfach begegnen. Sie können nur durch göttliche oder heilige Personen besiegt werden, wie Co-Kuratorin Nadja Kehe erklärt. Die Objekte stützenden Drachen verkörpern das überwundene, zum Dienen gezwungene Böse. Attraktives Beispiel ist das im Maasgebiet aus Bronze gegossene Leuchterpaar. Die im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts geschaffenen Leuchter ruhen auf den geöffneten Flügeln und den hochgereckten Hinterteilen jeweils dreier sich krümmender Drachen, die sich mit den Tatzen und den gebogenen langen Hälsen am Boden abstützen. Zwischen ihren Flügeln schieben sich halbfigurig dargestellte Löwen mit dem Rücken zur Standfläche hervor und recken die Köpfe gen Leuchterspitze, also zum Licht. Jeder Drache dient einer sitzenden Frauenfigur als Fußstütze, Allegorien von Kontinenten und Wissenschaften.

Leihgaben aus ganz Deutschland

Aus dem Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum stammt das „Furniertes Kästchen mit Emailplatte“. Sein Korpus wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Sizilien oder Unteritalien angefertigt. Die Emailplatte mit der Halbfigur des Evangelisten Matthäus entstand um 1170/80 im Rheinland. Eine spätere Ergänzung aus vergoldetem Kupfer sind die zwei linken und zwei rechten Menschenfüße, auf denen das Kästchen steht. Das sei einzigartig, heißt es im Begleittext. Aus dem Paderborner Diözesanmuseum ist eines der Hauptwerke der Goldschmiedekunst der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts angereist: der im Kloster Helmarshausen angefertigte „Tragaltar aus dem Paderborner Dom“. Auf der Oberseite sind der Stifter Heinrich II. von Werl und sein Paderborner Amtsvorgänger Bischof Meinwerk beim Gottesdienst dargestellt. Der Tragaltar steht auf detailliert ausgeführten Greifenklauen. Leihgabe des Limburger Domschatzes ist das Mitte des 11. Jahrhunderts aus Blei und Kupferblech angefertigte „Weihereliquiar“ in Form einer Kirche mit Apsis und Dachreiter. Es steht auf Tatzen, über deren Beinen Löwenköpfe das Maul aufreißen.

Ein doppeltes Tragemotiv weist der im dritten Viertel des 11. Jahrhunderts im Nordwesten Deutschlands geschaffene Kreuzfuß aus Bronze auf. Die Leihgabe aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum hat vier Klauen und kurze Beine, über denen an den Ecken des als Pyramidenstumpf gestalteten Unterbaus Löwenköpfe in Erscheinung treten. Aus ihnen wachsen Ranken hervor, die als die vier Paradiesflüsse gedeutet werden. Auf dem Pyramidenstumpf stehen zwei Engel. Sie tragen die runde Halterung für das nicht mehr vorhandene Kreuz, unter der der auferstehende Adam dargestellt ist. In Leichentücher gehüllt, richtet er sich aus dem Sarg auf, erhebt die Arme und blickt nach oben. Der Legende nach wurde Adam auf Golgatha bestattet, dort mit dem von Christus am Kreuz vergossenen Blut „getauft“ und somit erlöst.

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Direktor Prinz betont, dass eine Ausstellung des Phänomens der mittelalterlichen Objekte auf Füßen in dieser erlesenen Qualität der Exponate nur in Hildesheim verwirklicht werden konnte. Neben den beiden Bernwardsleuchtern führt er das um 1220 geschaffene Adlerpult aus dem Hildesheimer Dom an. Der lebensnah dargestellte Messingadler hat die Flügel ausgebreitet und den Schnabel stolz erhoben, während sich unter seinen Klauen ein kleiner Drache windet und zu fauchen scheint. Auch hier wird ähnlich den Leuchtern der Adler mit seinen Klauen selbst als Ganzes zur Stütze, etwa eines Evangeliars.

Die beiden anderen Hildesheimer Meisterwerke befinden sich im neben dem Museum aufragenden Dom. Die Reliefs der beiden zur Amtszeit Bischof Bernwards gegossenen Bronzetüren weisen acht Szenen aus dem Alten Testament und acht aus dem Neuen Testament auf. Unten ist auf dem rechten Türflügel die Verkündigung zu sehen. Erzengel Gabriel zeigt auf Maria. Neben ihr steht ein Faltstuhl, dessen Beine in Krallen enden. Ihn kann man als noch leeren Thron deuten, den Christus einnehmen wird. Der Thron hat Fußkrallen, ist aber auch von seiner etymologischen Herkunft her als Ganzes Halt, Sitz und Stütze. Ein weiteres Prachtstück ist das um 1226 geschaffene Taufbecken aus Bronze, dessen Kessel und Deckel mit der Taufe Christi im Jordan und weiteren frommen Reliefdarstellungen geschmückt sind.

Bis 14.3.2027 im Dommuseum Hildesheim. Di.–So., feiertags 11–17 Uhr. Am letzten Do. im Monat 11–18 Uhr.


Der Autor schreibt als freier Journalist zu Kunst und Kultur.

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