In Minor Keys: Unter diesem Motto lief in diesem Jahr die 61. Kunstausstellung der Biennale von Venedig. „In Moll-Tonarten“ verhieß eher nicht das gewohnte „vivace e presto“ in Dur wie sonst im Kunstbetrieb. Doch für eine vorläufige Bilanz kann man vorwegnehmen, dass die Ausführung der Projekte, der Installationen, Performances und Bilder in ihren aufmerksamkeitsheischenden Effekten kaum zu übertreffen war. Die Lautstärke der Debatten unterstreicht diesen Eindruck – wie als Bekräftigung des Anliegens medialer Durchschlagskraft.
Das „Minor Keys“-Motto stammte von der Kuratorin Koyo Kouoh. Die Schweizerin mit kamerunischen Wurzeln starb im Mai 2025, ein Jahr vor der Eröffnung. Wollte sie wirklich Kunst laut bis zum Anschlag einschließlich politischer Paukenschläge wie der Rückkehr Russlands und dem geschlossenen Israel-Pavillon?

Von Beginn an links
Rückblende: Als die Biennale Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal stattfand, wollte Venedig dem Königspaar Umberto und Margherita zur Silberhochzeit ein Geschenk bereiten. Über 200.000 Besucher kamen zur Ausstellung zunächst italienischer Kunst in die „Giardini“, eine malerischen Parkanlage am Ufer der Lagune. Zwei Jahre später waren es fast doppelt so viele. Die treibende Kraft, Bürgermeister Riccardo Selvatico, verfolgte noch weitere Ziele. Die sich stürmisch entwickelnde Industrialisierung benötigte dringend einen kulturellen Überbau mit Breitenwirkung, damit das Volk sich nicht im materiellen Zukunftsversprechen von Fortschritt und Wohlstand verliert. Die wirtschaftliche Zeitenwende erschien bedrohlich, ja man konnte sie sogar riechen. Die ersten qualmenden Kohle-„Vaporetti“ legten am Canale Grande an, und auf dem Festland entstand mit dem Stadtteil Mestre ein industrieller Venedig-Ableger. Markusplatz und Rialto-Brücke wollte man als touristisches Kleinod bewahren. Das Anlegeverbot für Kreuzfahrtschiffe hat also eine lange Geschichte. Neben den Giardini gibt es heute weitere Ausstellungsflächen wie die „Arsenale“, Venedigs historische Schiffbauhallen.
Die politische Ausrichtung des Kunstschau-Gedankens war von Beginn an eher links, Monarchen-Geschenk hin oder her. Sozialistische Kräfte gewannen mit der Industrialisierung im Veneto an Boden, kirchenfeindliche Kreise profitierten vom Streit um das Verhältnis von Politik zu Religion. Der Papst hatte im Kampf um den Kirchenstaat die Gläubigen sogar aufgerufen, sich von politischer Betätigung im rein weltlichen Staatsgebilde fernzuhalten. Ihre frühe Renitenz behielt die Kunstschau bis heute bei. Die Silberbraut Königin Margherita geriet als quasi Biennale-Patin in Vergessenheit; als Namensgeberin für die klassische Pizza mit Tomate, Mozzarella und Basilikum ist ihr Andenken gesichert.

Spektakel mit Hintersinn
Er kam „aus der Tiefe des Raumes“, wie Karl-Heinz Bohrer ihn einst in der FAZ für alle Fußballzeiten gültig beschrieb: Günter Netzer. Auch die Mittelfeldregie-Legende von Mönchengladbach und Real Madrid dribbelte sich gerade zwischen den Länderpavillons durch. Andere Glamour-Stars tummelten sich auf den abgeschirmten Side-Events an der Peripherie. Hollywood-Star Salma Hayek mit ihrem Ehemann François-Henri Pinault wurde bei einem Event auf der Insel San Giorgio Maggiore gesehen, wo auch der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy Gesichtspflege betrieb.
Die Sängerin Björk ließ sich zu einem improvisierten Auftritt am Pavillon ihrer isländischen Heimat hinreißen, und US-Sängerin Jewel stellte ganz bescheiden eigene Werke in Venedig aus. Rocksängerin Patti Smith, die Pop-Legende Brian Eno und Kult-Regisseur Jim Jarmusch waren künstlerisch an einem Projekt beteiligt, das in seiner kontemplativen Ruhe den aufgeregten Ausstellungsbetrieb faszinierend konterkarierte: der Hildegard von Bingen gewidmete Klanggarten des Heiligen Stuhls (wir berichteten ausführlich).
Meistens laut und selten leise
Die Pavillons der Länder, die seit 1907 nach und nach die Biennale geografisch und künstlerisch öffneten, sind durch die italienische Beschriftung leicht zuzuordnen. Nicht so der deutsche Pavillon: Hier entfernte man am Gebäude den „GERMANIA“-Schriftzug und überzog den neoklassizistischen Bau und seine Portikus-Fassade von 1937 mit dem nachgebildeten Mosaik eines DDR-Plattenbaus – einschließlich der Graffitis. Der Titel „Ruin“ stammt aus einem Graffito, das schon den letzten DDR-Pavillon auf der Biennale kennzeichnete. Henrike Naumann, die, 1984 in Zwickau geboren, kurz vor der Eröffnung starb, zeigt im Hauptraum einen Fries halbierter Stühle, der die deutsche Designgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts nacherzählt. Neben der Bearbeitung eines sozialistisch-realistischen Wandbilds nach Motiven ihres Großvaters Karl Heinz Jakob ist eine „Wunderkammer“ aus ostdeutschem Alltag mit Gasmasken, Erinnerungsstücken an KPD-Führer und Schnitzarbeiten der Heimatkunst zu sehen: eine, frei nach Hannah Arendt, böse Banalitätensammlung der deutschen Diktatur. Die in Vietnam geborene Berlinerin Sung Tieu zeigt Aluminium-Güsse nach Körpermaßen ihrer Mutter: menschlich skaliertes Leichtmetall.
Nach dem Motto „Hauptsache nackt“ präsentiert sich Österreich mit einem gefluteten Ausstellungsraum, wo buntes Freikörperkulturtreiben herrscht. Das Wasser stammt aus der Kläranlage eines Dixi-Klos. Außerdem erklingt eine Glocke mit einem weiblichen Körper als Klöppel. Malerei gibt es bei der Biennale nur ganz vereinzelt zu sehen, beispielsweise von der englisch-sansibarischen Künstlerin Lubaina Himid. Sie thematisiert Migration und Heimat in farbenprächtigen Bildern und fantasievoller Installation. Leider wird die Offenheit der Werke durch anleitende Fragestellungen beeinträchtigt.

Der mit einem amerikanischen Mann verheiratete Ei Arakawa-Nash hat seine japanische Staatsangehörigkeit aufgegeben. Aber er darf für das Land der aufgehenden Sonne „Grass Babies, Moon Babies“ zeigen. 208 Babypuppen können von den Besuchern in den Arm genommen und spazieren gefahren werden. Babys für alle, man muss nur wollen, lautet die provokante Devise.
Die Biennale von Venedig 2026 endet am 22. November.
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