The Revenant“ war grausam und packend – die Moral war klar und die Schauspieler, allen voran Leonardo DiCaprio, glänzend. Nach diesem epochalen Erfolg trug Alejandro G. Iñárritu die Idee zu „Digger“ lange mit sich herum, eine Obsession ohne Drehbuch, wie er sagt. Daraus wurde ein Skript, eines, das ihn selbst verunsicherte.
Seinem auserwählten Star Tom Cruise las er es über mehrere Tage vor – und bekam grünes Licht. Nun ist der Film da, mit allem, was ein Kinoereignis braucht: einem der letzten wirklich großen Leinwandstars, hinter der Kamera Emmanuel Lubezki mit faszinierendem 35-mm-VistaVision-Material und einem Edel-Ensemble. Zweifellos sticht Sandra Hüller wieder einmal hervor, aber anders als sonst. Die unterkühlte Vielseitige aus dem Thüringer Wald liefert dieses Jahr schon ihren vierten Film beim Verleih ab. Diesmal zeigt sie: Ich kann auch komisch. Oder sagen wir: trocken-witzig, ein bisschen wie damals, als sie in „Toni Erdmann“ an der Seite von Peter Simonischek verblüffte und glänzte.
Mut zur Groteske
Cruise spielt Digger Rockwell, einen Ölbaron. Sein Konzern hat eine ökologische Katastrophe ausgelöst, die im schlimmsten Fall einen Atomkrieg entfachen könnte. Nun will der mächtigste Mann der Welt beweisen, dass er der Retter der Menschheit ist, ehe das eigene Unheil alles verschlingt. John Goodman persifliert einen Präsidenten, dessen hervorstechendes Merkmal die Ratlosigkeit ist. Und Riz Ahmed ist der drollige Berater, der Digger zur Seite gestellt wurde und quälend überfordert durch die Einstellungen hetzt.
Genug Stoff also für eine saftige Satire. Iñárritu ruft dabei große Ahnen an: Kubricks „Dr. Strangelove“ steht Pate, wenn der Weltuntergang als Ergebnis von Eitelkeit, Inkompetenz und Selbstgewissheit erscheint. Dass sich ausgerechnet der Regisseur von „21 Gramm“, „Babel“ und „Biutiful“ der Komik zuwendet, ist erstaunlich und mutig. Das scheinbar Leichte, es ist doch das Schwierigste. „Birdman“ hat zwar gezeigt, dass er auch Ironie kann. Doch da ging es um das Spiel mit der Eitelkeit eines konkreten Schauspielers, hier geht es um die eher abstrakte Eitelkeit der Macht. Das verlangt auch in den kleinen Dingen eine informierte Treffsicherheit mit gewissen Brechungen; der bloße Wille zur Groteske bügelt hier zu oft die filmischen Schönheitsfältchen platt.
Beneidenswert juvenil
Cruise, vierundsechzig Jahre alt und dabei beneidenswert juvenil in Präsenz und Beweglichkeit, verschwindet unter dem Kostüm und spricht mit breitem Südstaatenakzent, den man im Deutschen immer nur auf recht tumbe Art imitieren kann. „Top Gun“ und „Mission: Impossible“: Seine Fans kennen ihren Action-Helden kaum wieder. Der eher klein gewachsene Held, der sein Image jahrzehntelang auf Kontrolle, Disziplin und Präzision gegründet hat, spielt einen Narzissten, an dem nichts wirklich echt ist: die große Täuschung. Und er macht es gut: Ist Cruise am Ende auch noch ein wirklich guter Schauspieler? Dieser Film könnte der Beweis sein. Der Hollywood-Star zeigt mimisches Talent und gibt eine Probe seiner wahren Schauspielkunst, sodass man ihn gern auch auf der Theaterbühne sehen würde. „Tod eines Handlungsreisenden“ wäre zu seinem 65. Geburtstag eine schöne Broadway-Herausforderung.
Dass die Nebenfiguren trotz ihrer unbestrittenen Möglichkeiten in der Darstellung eher flau daherkommen, ist dem filmischen Konstrukt geschuldet: Licht aus, Spot an, hier herrscht nur einer – und die eine, Sandra Hüller, die es schafft, ihm trocken das Wasser zu reichen.
Bravourstück oder Durcheinander?
Ist der Film nun ein Bravourstück komödiantisch-schauspielerischer Glanzleistungen oder ein riesiges Durcheinander, bei dem das Drehbuch und der Zuschauer die Kontrolle verlieren? Vielleicht soll es gerade das sein: Drama trifft auf Komödie, die entstehende Fusionsenergie im Labor des Filmstudios ist gesteuerte Konfusion.
Zwischen Slapstick und Apokalypse gibt es hier kein Halten. Keine scharfe Satire, auch keine große Tragödie, aber vielleicht ist das unsere Zeit: eine andauernde Beinahe-Apokalypse mit sich aneinanderreihenden Teilkatastrophen.
Wo das alles in der Wirklichkeit enden soll? Damals, bei „The Revenant“, ging es um den US-amerikanischen Grenzgänger, Trapper und Scout Hugh Glass aus der Zeit des Wilden Westens. Seine extremen Überlebenskampf-Erlebnisse aus dem Jahr 1823 dienten als Vorlage für den berühmten Film. Nun ist Regisseur Alejandro G. Iñárritu in der Fiktion angekommen. Deshalb gilt es, nach den „Diggern“ der Realität zu fahnden – und sie zu befragen. Das wäre wohl zwar wenig problemlösend, ergäbe aber zumindest spannendes Feuilleton.
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