Eine ältere Frau sitzt in einem Sessel. Die Kamera nähert sich ihr, fährt um sie herum, betrachtet sie von allen Seiten. Ihr Blick ist durchdringend und abweisend. Die Schriftstellerin Patricia Highsmith (Helen Mirren) hat sich in ein abgelegenes Haus in Tegna, in der Schweiz, zurückgezogen. Es ist 1995, ihr Todesjahr. Unheilvolle Musik untermalt die Szene.
Am Zürcher Hauptbahnhof steigt ein junger Mann in den Zug. Er liest Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley“. Der Literaturagent Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) wird vom Verlag geschickt, um Highsmith in ihrem bunkerartigen, von ihr selbst entworfenen Haus zu besuchen. Er soll die Krimiautorin davon überzeugen, noch einen sechsten Ripley-Roman zu schreiben. Auf der Fahrt lernt er die junge Clementine (Olivia Cooke) kennen, die ihre wohlhabende Tante besuchen will.
Wenn es Edward gelingt, die mürrische Autorin dazu zu bewegen, wäre es ein Riesenschritt in seiner Karriere. Doch Highsmith weist ihn zunächst als Eindringling ab. Erst allmählich, indem er seine Fachkenntnisse unter Beweis stellt, schafft es Edward, das Vertrauen der Autorin zu gewinnen.
Verwischte Zeitebenen
Inspiriert von seiner Bekanntschaft im Zug, beginnen die Autorin und der Literaturagent, eine neue Ripley-Geschichte zu entwickeln, in der Clementine und ihre Tante Peggy (Juliet Stevenson) die zentrale Rolle spielen. Es geht natürlich um den „perfekten Mord“ mit Ridgeway in der Rolle des Ripley. Edward Ridgeway dringt in Clementines Leben ein und entwirft ein Netz aus Charme und Manipulation.
Bald verwischen sich die Grenzen zwischen der Welt, die Autorin und Agent gemeinsam spinnen, und ihrer Wirklichkeit. Wobei immer deutlicher die Frage in den Mittelpunkt rückt: Wer von den beiden hat die Kontrolle über die Geschichte?
Helen Mirren verkörpert die brillante, menschenscheue Autorin mit sichtlichem Vergnügen. Alden Ehrenreichs Edward wirkt aber lediglich auf den ersten Blick harmlos. Er bleibt hartnäckig, lässt sich nicht abschütteln.
Der zunächst unbeholfene Lektor widerspricht Highsmith und scheint ihr schließlich ebenbürtig. Hinter dem gewinnenden Lächeln lässt Alden Ehrenreich eine Kälte aufscheinen, die diese Verwandlung glaubwürdig erscheinen lässt. Aus dem Zusammentreffen der beiden lässt Anton Corbijn ein bedrohliches Duell entstehen.
Wechsel zwischen Ebenen
Dem Regisseur gelingt es, zwischen den zwei Ebenen hin- und herzuwechseln: Die von Highsmith und Ridgeway entwickelte Handlung wird zum Film im Film, in dem Ehrenreich den Lektor und gleichzeitig den skrupellosen Verführer mit den Zügen Tom Ripleys spielt. Olivia Cooke übernimmt ebenfalls eine Doppelrolle: Sie spielt sowohl die „reale“ Clementine als auch ihr Gegenstück im Roman. Aus der Tante wird in der „Fiktion“ eine Großtante.
Die zwei Handlungsebenen spielen an unterschiedlichen Orten: Corbijn wechselt zwischen der Schweiz und einem Rom – wo der entstehende Roman angesiedelt ist – voller prächtiger Villen und geheimnisvoller Schatten. Kameramann Robbie Ryan taucht die italienischen Szenen in das Ambiente eines Film noir ein. Aber auch Highsmiths Haus spielt visuell eine wichtige Rolle: Dunkle Holzvertäfelungen, vergilbte Papiere, Giftflaschen, Messer … schaffen die perfekte Kulisse für ein Verbrechen – oder die Kulisse für ein perfektes Verbrechen.
Dort entstehen auch die interessantesten Augenblicke, wenn sich der Zuschauer fragt, wer wen manipuliert: Will die alte Dame den jungen Mann nur auf die Probe stellen? Verfolgt Edward andere Ziele als der Verlag? Oder handelt es sich lediglich um einen makabren Scherz?
Fiktiver Exkurs als Spannungskiller
Das Drehbuch von Joanna Murray-Smith, die ihr eigenes Theaterstück „Switzerland“ adaptiert, spielt mit dieser Ungewissheit. Darin liegt allerdings auch eine Schwäche von „Ein Talent fürs Morden“, denn je länger sich der Film in der fiktiven, von Schriftstellerin und Lektor erfundenen Geschichte aufhält, desto mehr verliert das Duell zwischen Highsmith und Edward an Spannung.
„Ein Talent fürs Morden“ ist kein klassischer Kriminalfilm, sondern eher ein literarisches Verwirrspiel, das aus dem Hin und Her der zwei Handlungsebenen seinen Reiz bezieht. Helen Mirren und Alden Ehrenreich liefern sich ebenfalls ein schauspielerisches Duell, das allerdings mit der Zeit nachlässt.
„Ein Talent fürs Morden“, Großbritannien/Italien 2026, 106 Minuten, Regie: Anton Corbijn. Seit dem 5. November im Kino.
Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Kultur.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.











