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Schwarze Seelen in weißen Helden

Er beschrieb ein Amerika, das nicht jeder wahrhaben wollte: Jim Thompson fahndete nach der gesellschaftlichen Wahrheit zwischen Albtraum und moralischer Verzweiflung.
Selena Gomez in „Getaway”
Foto: Imago/Mary Evans | Thompsons Romane sind wie geschaffen für eine filmische Umsetzung: „Getaway“ in der Kinofassung von 2013 mit Selena Gomez in der weiblichen Hauptrolle. Der Schrecken steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Seine Romane wie „Getaway“ und „Der Mörder in mir“ sind berüchtigt, ob ihrer sprachlichen Direktheit und ihrer kompromisslosen Schilderung einer Wirklichkeit hinter dem amerikanischen Traum. 2026 ist ein Jim-Thompson-Jahr: Der Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers jährt sich zum einhundertzwanzigsten Mal. Und sein 50. Todestag im nächsten Jahr steht bevor. Eigentlich höchste Zeit, sein Schaffen auch in deutscher Sprache einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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Schon die Kurzbiografie Thompsons klingt wie die fiktive Biografie des Helden eines Thrillers: 1906 in Anadarko, Oklahoma, auf die Welt gekommen, wuchs er als Sohn eines Sheriffs auf, der die Thompsons allzu bald in eine tiefe Krise stürzte. Er war korrupt und musste Oklahoma Hals über Kopf verlassen. Der Verfall der Familie führte dazu, dass der zukünftige Autor schon bald verschiedene Arbeiten annehmen musste und rasch eine abenteuerliche Erwerbsbiografie vorweisen konnte: Er schuftete auf texanischen Ölfeldern, als Hotelpage, als Alkoholschmuggler (angeblich für Al Capone) und Sprengstoffexperte. Dieses Leben forderte einen hohen Preis: Schon mit neunzehn erlitt er einen Nervenzusammenbruch und entwickelte eine Alkoholsucht. Dennoch besuchte der als belesen und intelligent geltende junge Mann im Rahmen eines Förderprogramms für Studenten mit „ungewöhnlichen Bildungshintergründen“ (die er wohl wahrhaftig hatte!) die Universität.

Schreiben im Rauschzustand

Obwohl er bereits früh in verschiedenen Zeitschriften publizierte und etwa True-Crime-Geschichten veröffentlichte, arbeitete er während des Zweiten Weltkriegs für eine Flugzeugfabrik und verarbeitete die Erfahrungen in einem Roman, der zwar von Kritikern gelobt wurde, aber nur wenig Absatz fand. Erst in den späten vierziger Jahren fand er dann zu jenem Genre, das ihn berühmt machen sollte und dem er sich ganz verschrieb: „Nothing More Than Murder“ (dt. „Es war bloß Mord“) erschien 1949 und vereint viele Aspekte eines typischen Thompson-Romans: Der skrupellose Kinobetreiber Joe Wilmot sucht nach einer Möglichkeit, ein neues Leben mit seiner Geliebten zu beginnen, und schreckt nicht vor einem Mord zurück, um einen Versicherungsbetrug zu begehen.

Die Handlung erinnert selbstredend an James M. Cains „Double Indemnity“ (von Billy Wilder mit Fred MacMurray und Barbara Stanwyck meisterhaft verfilmt), aber schon hier wird ein Motiv offenbar, das in Thompsons Romanen immer wiederkehrt: Was geschieht mit einem Menschen, dessen moralisches Koordinatensystem sich bereits so sehr verschoben hat, dass ihm Mord nur als eine weitere Art der Lösung von Problemen erscheint? Wilmot ist ein gewissenloser Unternehmer, der für seinen eigenen Erfolg zahlreiche Mitmenschen betrogen, ausgenutzt und übervorteilt hat. Bei Thompson steht auch immer wieder die Frage nach der Gesellschaft im Raum, die solches Verhalten zutage fördert.

Mehr produziert als der Verlag veröffentlichen konnte

Dabei ist Wilmot nur ein Vorgeschmack auf jenes Pandämonium von Protagonisten, die Thompson in den folgenden Jahren, zumeist aus der Ich-Perspektive erzählend, auf sein Publikum losließ. Dabei schrieb er nahezu wie im Rausch: Zwischen 1952 und 1954 verfasste er zwölf Romane und produzierte damit mehr, als sein Verlag unmittelbar veröffentlichen konnte. Mit diesen Büchern etablierte er sich als individuelle Stimme unter den vielen Kriminalschriftstellern jener Jahre; denn anders als etwa Raymond Chandler oder Ross Macdonald hat Thompson nie einen Serienhelden geschaffen. Immer wieder erzählt Thompson aus der Perspektive gescheiterter, beschädigter oder krimineller Existenzen und zwingt den Leser damit, die Welt durch deren verzerrten Blick wahrzunehmen.

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Sie sind fast eine Art Inbegriff des unzuverlässigen Erzählers: Bugs McKenna, der Protagonist in „Wild Town“ (dt. „Gefährliche Stadt“), ist ein ehemaliger Sträfling, der in seinem neuen Posten als Hoteldetektiv alles versucht, um bloß nicht wieder in einen Schlamassel zu geraten; Roy Dillon in „The Grifters“ (dt. „Muttersöhnchen“) ist ein Trickbetrüger, der auch die vermeintlich geliebten Menschen in seinem Leben hintergeht, wenn es ihm nötig erscheint. Mit William Collins aus „After Dark, My Sweet“ geht Thompson aber noch einen Schritt weiter: Der Ex-Boxer, der in einen Entführungsplan stolpert, ist aus psychiatrischen Kliniken entflohen und leidet am Korsakow-Syndrom, weshalb er entsprechend mit Gedächtnislücken kämpft. Der Leser ist also nur allzu gut beraten, dem Bericht des „Helden“ zu misstrauen.

Gesetzeshüter werden Mörder

Mit solchen Protagonisten gelangte Thompson zu einer Kompromisslosigkeit, die bis dahin selbst im pessimistischen Film noir bzw. in dessen Buchvorlagen ungekannt war. Thompson erkundete die Nachtseite der amerikanischen Gesellschaft und führte diese in einer Radikalität vor, die bis heute Unbehagen bereiten kann. Die meisten seiner Bücher sind nicht in den großen urbanen Zentren angesiedelt, sondern in den Kleinstädten und abgelegenen Gegenden des amerikanischen Südens und Südwestens, so auch sein wohl berüchtigtster Roman, „The Killer Inside Me“ (dt. „Der Mörder in mir“). Die Geschichte um Lou Ford, der als Deputy seinen Dienst in der Kleinstadt Central City versieht, ist nicht zuletzt deshalb so effektiv, weil sich der oberflächlich so zugewandte wie freundliche Polizist als psychotischer Mörder entpuppt, der den Leser von der Rationalität seines Handelns zu überzeugen versucht. Seine Sprache wird damit zur Waffe über die Fiktion hinaus.

Ford ist kein Außenseiter der Gesellschaft, sondern ein angesehenes Mitglied der Gemeinde. Das Erschreckende an diesem Roman ist nicht nur das Handeln seines Protagonisten, sondern die Blindheit der Gesellschaft: Wenn Thompson auch durch den mordenden Deputy spricht, so blickt er doch auf eine Umwelt, die das Monströse hinter der gewöhnlichen Fassade nicht zu erkennen vermag – oder es schlicht nicht sehen möchte.

Vom Pulp zum Klassiker

Dass Thompson in mehreren Fällen vermeintliche Gesetzeshüter zu den grauenhaften Protagonisten seiner Geschichten macht, ist auch eine Art biografische Note: In seinen autobiografischen Aufzeichnungen schilderte er, wie er während seiner Zeit als Ölarbeiter einmal von einem Polizisten aufgegriffen wurde, dessen Brutalität ihn nachdrücklich beeinflusste. In „Pop. 1280“ (dt. „Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen“) findet diese Begegnung noch einmal in späteren Jahren fiktionalen Widerhall. Nick Corey, der Sheriff des fiktiven Potts County, hat ein System aus Korruption und Mord errichtet und spielt die miteinander verfeindeten Bewohner – die „schwarzen Seelen“ – gegeneinander aus. Corey glaubt, sich alles erlauben zu können, und wer dies infrage stellt, sollte sich vorsehen.

Jim Thompson
Foto: Diogenes Verlag | Der Schriftsteller Jim Thompson (1906–1977) betrat in der literarischen Darstellung von Verzweiflung und Gewalt.

Thompsons Romane erschienen zu seinen Lebzeiten nahezu ausschließlich in Paperbacks für den Massenmarkt, einem schnelllebigen Geschäft. Dennoch wurde seine Qualität von einigen Rezensenten rasch erkannt und gewürdigt, und schließlich entdeckte auch Hollywood den Autor, der gemeinsam mit Stanley Kubrick zwei Filme schrieb, die zu Genreklassikern avancierten: „The Killing“ (dt. „Die Rechnung ging nicht auf“) ist die Geschichte eines Raubüberfalls, der zuletzt spektakulär scheitert. „Paths of Glory“ (dt. „Wege zum Ruhm“) hingegen ist ein bewegendes Plädoyer gegen Soldateska und die Todesstrafe, dessen Intensität dazu führte, dass der Film in einigen Ländern erst Jahre später zur Aufführung gelangte. Auch Thompsons eigene Geschichten wurden oftmals für die Leinwand adaptiert, besonders prominent 1972 von Sam Peckinpah, der mit Steve McQueen als Carter „Doc“ McCoy auf „Getaway“ zurückgriff.

1977 war keiner seiner Romane mehr im Druck

Wie so viele Schriftsteller wurde aber auch Thompson mit dem Filmgeschäft nicht glücklich: Das unbarmherzige Ende seines Romans wollte der Starschauspieler nicht auf die Leinwand bringen; stattdessen gibt es ein Happy End: McQueen und seiner Filmpartnerin Ali MacGraw gelingt die Flucht nach Mexiko. Das Resultat ist ein sehr guter Actionfilm, dem aber die diabolisch-katastrophische Tendenz der Vorlage abgeht (Thompsons Ende möchte ich Ihnen hier nicht vorwegnehmen).

Als er 1977 starb, war keiner der Romane Thompsons mehr im Druck; lediglich in Frankreich erfreute er sich gewisser Beliebtheit, was sich auch in einigen Verfilmungen zeigte. Erst Mitte der achtziger Jahre begann mit der Neuherausgabe einiger Romane durch den Thompson-Verehrer Barry Gifford eine große Renaissance, an die im deutschsprachigen Raum durch den Diogenes-Verlag angeknüpft wurde. Bedauerlicherweise sind nurmehr zwei Werke Thompsons erhältlich; die Herausgabe einiger Romane durch die Hard-Core-Reihe des Heyne-Verlags war hinsichtlich der literarischen Bedeutung seines Schaffens eher von Nachteil. Es wäre sehr erfreulich, würde sich in Zukunft ein Herausgeber finden, der Thompsons Radikalität wieder ernst nimmt. Dann gäbe es auch für die heutige Leserschaft einen Schriftsteller zu entdecken, der weit mehr ist als ein Autor harter Kriminalromane: einen unerbittlichen Beobachter menschlicher Abgründe.


Der Autor ist promovierter Musikwissenschaftler und arbeitet als freier Dramaturg.

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