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Das Geschenk einer großen Stimme

Der junge polnische Bariton Artur Garbas hat das Zeug für eine Weltkarriere – und bleibt doch auf dem Boden. Das hat auch mit seinem katholischen Glauben zu tun.
Feuilleton
Foto: Deutsche Oper Berlin | „Die Italienerin in Algier“ an der Deutschen Oper Berlin unter der Regie von Rolando Villazón erregte besondere Aufmerksamkeit, da sie die Handlung in eine mexikanische Wrestling-Arena verlegte.

Das ist wirklich Gnade, was ich bekommen habe.“ In „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing singt Artur Garbas den Zaren an der Deutschen Oper Berlin, in der Regie von Martin G. Berger und unter der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda. Der erst 30-jährige Bariton verfügt über eine warme, volltönende Stimme und eine exzellente Artikulation – man versteht tatsächlich jedes Wort. Das gelingt ihm auch als Fra Melitone in der gerade wiederaufgenommenen Verdi-Oper „La forza del destino“, diesmal auf Italienisch. Und er hat das, was für einen kommenden Opernstar unerlässlich ist: Bühnenpräsenz und Ausstrahlung in hohem Maße.

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Wenige Tage nach der Aufführung von „Zar und Zimmermann“ sitzt mir der Sänger gegenüber in einem Probenraum der Deutschen Oper, durchs Fenster klingen entfernte Klaviertöne – der passende Hintergrund für unser Gespräch. Ohne Kostüm und Maske strahlt Artur Garbas gleichzeitig jugendliche Begeisterung und Leidenschaft aus, gepaart mit einer ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit. Er ist ganz da, konzentriert auf Fragen und Antworten, die der in Polen aufgewachsene Sänger in ausgezeichnetem, nahezu akzentfreiem Deutsch formuliert.

Vom Stipendiaten zum Papageno

Sein Weg war nicht vorgezeichnet; das einzige Kind von Bauern stammt aus dem kleinen Ort Kielcza bei Strzelce Opolskie (Groß Strehlitz) in Oberschlesien und hätte vermutlich den Hof übernehmen sollen. Doch das musikalische Talent des Jungen zeichnete sich früh ab und wurde von Eltern und Großeltern von Anfang an gefördert und unterstützt. Das anfängliche Klavier wurde bald durch eine Trompete ersetzt, bis der Lehrer an der Musikschule dem Jungen von einer Laufbahn als Trompeter abriet, weil er da in Polen kaum Arbeit finden würde, und wenn überhaupt, dann nur als Orchestermusiker. Die Eltern hielten ihn vom Aufgeben einer Musikerkarriere ab, und Artur begann mit der Gesangsausbildung, was neben dem Gymnasium eine ziemliche Herausforderung darstellte – eine Zeit lang dauerten die Tage des Fahrschülers von 6 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Der Traum, als Rocksänger zu reüssieren, wurde schnell begraben, auch ein in Erwägung gezogenes Medizinstudium, und der richtige Weg wurde, einmal erkannt, entschlossen und zielstrebig gegangen.

Von 2015 bis 2020 studierte Artur Garbas an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden, dann von 2020 bis 2022 an der August Everding Akademie in München, wo er neben Gesang auch die Fächer Schauspiel und Tanz belegte. Es folgten, unterstützt von Stipendien, erste Bühnenerfahrungen in Leipzig, Prag, München und Krakau, bevor er – zunächst als Walter-Sandvoss-Stipendiat des Förderkreises (2022/23 und 2023/24) – zur Deutschen Oper in Berlin stieß, der er seit 2024/25 als Ensemblemitglied angehört. Das musikalische Spektrum des jungen Baritons ist weit gefächert, so brillierte er als Dancaïro in „Carmen“ und als Figaro in „Le nozze di Figaro“, als Papageno in der „Zauberflöte“ und als Vater in „Hänsel und Gretel“ sowie als Bill in der Brecht/Weill-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. In Planung sind „In 80 Tagen um die Welt“ von Dove/Lund und Rossinis „Barbier“ mit der Rolle des Fiorillo. Sein derzeit noch fernes Ziel ist es, den „Rigoletto“ in der gleichnamigen Verdi-Oper zu gestalten, vorher vielleicht noch den Wolfram von Eschenbach in Wagners „Tannhäuser“.

Semperoper in Dresden
Foto: Brinkermedia | Für viele Sänger in weiter Ferne: Ein Engagement zum Beispiel an der Semperoper in Dresden.

Wie er seine Rollen angeht? Er macht sich die darzustellende Person zu eigen, versucht, sich in sie hineinzuversetzen, bis in die feinsten Verästelungen der Emotionen. Diese Anverwandlung reift während einer Aufführungsserie weiter; die Rolle gewinnt von Vorstellung zu Vorstellung an Tiefe und wird um zusätzliche Facetten erweitert – und jeder Abend ist selbstverständlich anders, für die Darsteller genauso wie für das Publikum. Artur Garbas gibt sich ganz hinein in die Rolle, immer wieder aufs Neue. Seit mehreren Jahren arbeitet er mit Lucja Zarzycka zusammen, seiner Dresdner Mentorin, um sich sowohl stimmlich als auch künstlerisch ganzheitlich weiterzuentwickeln. „Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich meinen eigenen Weg als Künstler entdecke und konsequent verfolge.“ Wesentlich sei ihm, stets vorbereitet zu sein, mutig auf etwas Neues zuzugehen, keine Furcht zu haben, auch wenn das Ziel der Reise ungewiss sein mag.

Gnade und Gewissheit

Dass er dieses strapaziöse Programm bewältigt, liegt nicht nur an seiner Willensstärke. Die Kraft, die ihn durchs Leben trägt, ist die tiefe Gläubigkeit des praktizierenden Katholiken. Wenn er davon spricht, in schlichten, klaren und selbstbewussten Worten, leuchten seine Augen. Durchdrungen von gelebter und zuinnerst empfundener Überzeugung weiß er, dass ihn die Gnade Gottes leitet, ihm die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt schickt und ihn auch in dunklen, schwachen und schwierigen Momenten, bei Selbstzweifeln (die ihm wohl vertraut sind), wieder aufrichtet. Diese Gewissheit hilft nicht nur ihm selber, sie befähigt ihn auch, anderen beizustehen, wenn es notwendig und gewünscht ist. Und ihm ist durchaus bewusst, dass Begabung und Talent Geschenke sind, derer man sich würdig erweisen muss, indem man sie nutzt und an sich arbeitet. Dazu gehört auch, auf Signale des Körpers und des Geistes zu achten, wenn Erschöpfung droht, auch das will gelernt sein.

Musik ist eine immerwährende Herausforderung, aber: „Musik ist ja auch das, was verbindet. Und natürlich, da findet man sich wieder, und das ist auch eine Sprache, die jeder versteht, egal in welcher Sprache gesungen wird. Und es muss zu Herzen gehen.“ Für Artur Garbas ist das eine Essenz seiner Kunst – in jedem gesungenen und gesprochenen Wort.

Die Autorin hat über 30 Jahre bei den Berliner Festspiele gearbeitet. Sie lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.


Gesang als Beruf

Derzeit beschäftigen Deutschlands öffentlich finanzierte Theater etwa 1.200 Solo-Sänger fest. Dazu kommen 2.904 Chormitglieder. Zur Jahrtausendwende waren es noch fast 1.500 Solisten. Hinzu kommen Gäste: Circa 7.500 produktionsbezogene Verträge schließen die Häuser pro Spielzeit für Gesang & Operninszenierungen insgesamt. Der feste Vertrag auf der Opernbühne ist begehrt und oft die Startrampe für eine große Karriere, die enge Beziehung zum festen Ensemble wird häufig lebenslang beibehalten. Die Finanzierungskrise der Opernhäuser schmälert derzeit die Zukunftsaussichten für Sänger wie für Orchestermusiker, in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn steht die Oper mit Chor und Ballettensemble wegen der leeren Stadtkasse auf der Kippe. hcb

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Themen & Autoren
Gerhild Heyder Wolfram von Eschenbach

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