Der wirtschaftliche Erfolg ist ein Hauptziel und eine zentrale Verantwortung des Unternehmers. Aber es geht immer auch um die Frage: Wie wird dieser Erfolg erreicht, durch Gier, Skrupellosigkeit, Ausbeutung, vielleicht gar Betrug? Oder durch Qualität, Service, Integrität, Verantwortungsbewusstsein, Fairness und Ehrlichkeit? Wir alle konnten in den vergangenen Jahrzehnten beobachten, wohin ideologische Extreme führen: Der Kommunismus brachte den Zusammenbruch von Wirtschaft, Wohlstand und Freiheit. Doch unterschiedliche Formen der „GIER-archie“, die ausschließlich Gewinnmaximierung zum Ziel haben, bringen Gesellschaften und unseren Planeten an ihre Grenzen, sei es durch Finanzkrisen, soziale Spannungen oder Umweltzerstörung.
Ein Blick über den großen Teich lässt uns staunen, wie sich das politische und wirtschaftliche System der USA verändert. Die Gegensätze in der Gesellschaft werden größer, Polarisierung und Radikalisierung verschärfen sich, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Der US-Staatsschuldenberg ist auf 40 Billionen Dollar gestiegen. So überrascht es nicht, dass immer mehr Experten immer lauter vor einer gefährlichen Finanzkrise mit globaler Dimension warnen.
Nur Materielles zählt noch
Wie lässt sich das „System Trump“ wirtschaftspolitisch einordnen: als Oligarchie, Plutokratie oder Kleptokratie? Es zeigt Elemente von alledem, doch am besten beschreibt es wohl der Begriff „CRONY CAPITALISM“, nicht nur Vetternwirtschaft, sondern Vetternkapitalismus. Ein System, in dem nur Beziehungen und materielle Werte zählen. Auch in Europa etabliert sich ein Wirtschaftsklima, das Anlass zur Sorge gibt: Das Virus der Work-Life-Balance – als ob Arbeit und Leben Gegensätze wären – wird medial und politisch verbreitet und verbindet sich mit immer umfassenderen Umverteilungsfantasien. Das Verweigern von Verantwortung scheint gesellschaftlich en vogue zu sein. So erleben wir gerade die Entwicklung zu einer Wirtschaft, die immer weniger von kleinen und mittelständischen Firmen geprägt wird, an deren Spitze echte Unternehmer stehen, die von Unternehmergeist und Verantwortung für ihren Betrieb beseelt sind.
Kein Wunder, dass sich viele Unternehmer fragen, wozu sie sich das antun, wenn ausufernde Bürokratie und politische Regulierungswut sie hemmen und fesseln, wenn es sich die Großen, die „Big Player“, richten können. All diese Entwicklungen sollten anspornen, die Frage der Werte in Wirtschaft und Finanzwirtschaft neu zu bewerten. Warum ist es woke, gefordert und gefördert, als Unternehmen „divers“ und „inklusiv“ zu sein? Warum sind Green Marketing, Green Branding und leider auch Greenwashing selbstverständlich? Warum sind Compliance und Corporate Social Responsibility unglaublich angesagt? Warum aber ist ein wirklich auf eigene Werte abgestellter, ein weiter und tiefer gehender individueller unternehmerischer Werte- und Ethikkodex nur recht selten zu finden? Weil sich das nicht mit symbolischen Handlungen und auch nicht mit Investitionen erledigen lässt. „Corporate Identity“ muss zur „Corporate Soul“ werden, zur Seele des Unternehmens.
Die Seele der Wirtschaft
Damit würde sich viel verändern. Denn es geht dann zwar auch um Nachhaltigkeit, aber nicht mehr nur in Fragen, wie eine Firma systematisch Müll vermeidet, auf erneuerbare Energien umsteigt oder ihre Lieferketten verantwortungsbewusst wählt. Dann geht es auch darum, mit welcher Haltung man Kunden und Geschäftspartnern begegnet, Mitarbeiter behandelt und Tugenden lehrt. Wie kann man als tougher Businessman trotzdem ein guter Mensch und Christ sein? Diese „Corporate Soul“ brauchen unsere Unternehmen und unsere Wirtschaft gerade in krisenhaften Zeiten. Denn Krisen sind immer Initialzündungen für Veränderung – und damit Chancen für die Zukunft. Es darf nicht auf ein „Survival of the Richest“ hinauslaufen.
Ein neuer Klassenkampf bringt jedoch gar nichts, und das ach so moderne Kapitalismus-Bashing ist ebenso falsch wie gefährlich. Was die freie Marktwirtschaft betrifft, gilt Margaret Thatchers TINA-Grundsatz: „There is no alternative.“ Selbst der heilige Papst Johannes Paul II. fand dazu in seiner Enzyklika „Centesimus annus“ klare Worte: Er bejaht darin die freie Marktwirtschaft, wenn sie Unternehmen, Markt, Privateigentum und wirtschaftliche Kreativität der Menschen anerkennt. Zugleich betont er, dass wirtschaftliche Freiheit in eine verlässliche Rechtsordnung eingebunden sein muss.
Wir müssen den Kapitalismus rekalibrieren, weiterentwickeln und verbessern. Jan Peter Balkenende, ehemaliger Ministerpräsident der Niederlande und nun königlicher Staatsminister, hat dazu ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel „CAPITALISM RECONNECTED“ (frei übersetzt: Kapitalismus neu gedacht) veröffentlicht. Darin fordert er einen Kapitalismus, der nicht den kurzfristigen Gewinn, sondern das Gemeinwohl, ökonomische und ökologische Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Das verbindet er mit einer Renaissance der klassischen Tugenden wie Vertrauen, Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein. So würde der Kapitalismus moralisch und sozial geerdet.
Der Autor ist Prokurator des „St. Georgs-Ordens. Ein europäischer Orden des Hauses Habsburg-Lothringen“.
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