Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Ich bin nirgends am Platze, ich bin überall fremd.“

Ein Heimathaus für einen Heimatlosen

Margot Prust gründete und betreibt zusammen mit einem Verein das Chamisso-Museum in Kunersdorf als privates Kulturprojekt. 
Das Haus des Chamisso-Museums befindet sich in Privatbesitz, das Museum selbst wird von einem Verein betrieben.
Foto: Imago | Das Haus des Chamisso-Museums befindet sich in Privatbesitz, das Museum selbst wird von einem Verein betrieben.

Adelbert von Chamisso ist in Deutschland kein Unbekannter. Straßen, Plätze und Schulen tragen seinen Namen. Ein Literaturpreis erinnerte lange an ihn. Dichter war er, Weltreisender, Botaniker und Naturforscher. Ein Mann mit vielen Begabungen und ohne eindeutige Heimat. Wer ihm heute näherkommen will, muss Berlin verlassen und ins Oderbruch fahren, nach Kunersdorf, etwa 50 bis 60 Kilometer vom Berliner Stadtrand entfernt. Dort steht ein Museum, das es ohne die Hartnäckigkeit einer Frau nicht gäbe.

Margot Prust hat aus einer heruntergekommenen Villa einen Ort der Erinnerung gemacht. Das Chamisso-Museum ist kein staatliches Haus, keine Filiale einer großen Kulturinstitution. Das Gebäude gehört ihr bis heute. Ein Verein, der die Ausstellung trägt, lebt von Mitgliedern, Spenden, Einnahmen und dem Engagement weniger Menschen. Vier Jahre dauerte allein die Vorbereitung des Museums. Mehr als 230.000 Euro mussten gesammelt werden.

Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken

Die Geschichte dieses Hauses beginnt jedoch lange vor seiner Eröffnung 2019. Und sie führt zu einem Mann, der sich selbst einmal so beschrieb: „Ich bin ein Franzose in Deutschland und ein Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Weltmann unter den Gelehrten und Pedant unter den Leuten von Welt, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger … Ich bin nirgends am Platze, ich bin überall fremd.“ Dieser Satz hat Margot Prust nicht mehr losgelassen.

Vor 265 Jahren, am 30. Januar 1781, wurde Chamisso als Louis Charles Adélaïde de Chamissot auf Schloss Boncourt in der Champagne geboren. Seine Familie gehörte zum französischen Adel. Sie war katholisch. Infolge der Französischen Revolution musste sie Frankreich verlassen, der Familiensitz wurde zerstört. Nach Jahren der Flucht gelangten die Chamissos 1796 nach Berlin. Einer seiner Brüder wurde Priester. Adelbert selbst blieb religiös schwer einzuordnen. Der katholisch Getaufte näherte sich später einem liberalen Protestantismus an. Sein Satz vom Katholiken unter Protestanten und Protestanten unter Katholiken klingt deshalb nicht wie eine beiläufige Pointe. Er erzählt von einem Menschen, der zwischen Konfessionen, Nationen und gesellschaftlichen Rollen lebte.

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Vielleicht liegt darin eine erstaunliche Aktualität. Chamisso kannte die Erfahrung, die Heimat zu verlieren und anderswo neu anfangen zu müssen. Sprache, Herkunft und Zugehörigkeit waren für ihn keine Selbstverständlichkeiten. Aus dem französischen Adligen wurde ein deutscher Dichter, aus dem preußischen Offizier ein Naturforscher, aus dem Heimatlosen ein Weltreisender.

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Mit 17 Jahren trat Chamisso in die preußische Armee ein und blieb dort zehn Jahre. Glücklich machte ihn das Soldatenleben offenbar nicht. „Dieser Beruf verdorrt den Geist und tötet das Herz“, lautet eines seiner überlieferten Urteile. Am Genfersee entdeckte er schließlich das Botanisieren für sich. An der jungen Berliner Universität studierte er Botanik, Zoologie und Anatomie. 1815 brach er als Naturforscher zu einer dreijährigen Weltumsegelung auf. Seine Beobachtungen von Pflanzen und Meerestieren brachten ihm wissenschaftliche Anerkennung. Später erhielt er eine Stelle am Berliner Botanischen Garten. Doch zwischen Frankreich, Berlin und der Welt liegt Kunersdorf.

1813 hielt sich Chamisso im Oderbruch auf, und im Schloss entstand jene Geschichte, die seinen Namen bis heute trägt: „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Ein Mann verkauft dem Teufel seinen Schatten und erhält dafür einen Geldbeutel, der niemals leer wird. Doch der vermeintliche Gewinn macht ihn zum Ausgestoßenen. Ohne Schatten kann Schlemihl nicht mehr selbstverständlich unter Menschen leben. Er besitzt Geld, verliert aber gesellschaftliche Zugehörigkeit.

Wer Chamissos eigene Lebensgeschichte kennt, liest diese Erzählung anders. Der verlorene Schatten lässt sich als Geschichte über Fremdheit und Identität lesen, ohne ihn auf eine einzige Bedeutung festlegen zu müssen. Auch die religiöse Bildwelt ist unübersehbar: Versuchung, Teufelspakt, Verführung durch Reichtum, Schuld und die Frage, was ein Mensch preisgeben darf.

Museum für Chamisso

Dass ausgerechnet in Kunersdorf einmal ein Museum für Chamisso entstehen würde, war lange keineswegs abzusehen. Als Margot Prust das Haus im Dezember 2005 kaufte, suchte sie zunächst Platz für ihren kleinen Findling Verlag. Den hatte sie nach der Wende mit einer Kollegin gegründet. Prust kannte Chamisso bereits aus der klassischen Gesamtausgabe des Aufbau-Verlages. Der Verlag und die Wochenzeitung „Der Sonntag“ waren ihre letzten Arbeitgeber vor der deutschen Einheit gewesen. „Die Idee zur Gründung einer Chamisso-Gesellschaft entstand in einem Gespräch mit Regina Scheer“, erinnert sich Prust. Die Schriftstellerin und Journalistin hatte als Stipendiatin in Kunersdorf gelebt und dort an ihrem Roman „Machandel“ gearbeitet. Hinzu kam der Besuch in der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek. Prust begann zu recherchieren. „Besonders regte mich dieses Zitat ‚Ich bin Franzose …‘ an“, sagt sie rückblickend. In der Staatsbibliothek begegnete ihr Chamisso auf Papier: Briefe, Notizen, Dokumente und Manuskripte seines Nachlasses. Mehr als zehn Jahre lang sammelte Prust Material, las und recherchierte. Allmählich verband sich die Geschichte des Dichters mit der Geschichte von Kunersdorf.

„Unser Dorf war ein besonders interessanter Ort während der ‚Preußischen Geschichte‘“, stellt sie klar. „Alles war natürlich ein längerer Prozess, aber der Wille, gepaart mit einem starken Enthusiasmus, gab mir die Kraft und die Überzeugung, etwas von dem kulturhistorischen Erbe wieder in die Öffentlichkeit zu transportieren.“ 2010 wurde in Kunersdorf die Internationale Chamisso-Gesellschaft gegründet. Dort kamen Wissenschaftler aus Literatur-, Natur-, Sprach- und Musikwissenschaft zusammen. Ihr Interesse galt vor allem der Erforschung des Nachlasses in Berlin. Eine Erinnerungsstätte in Kunersdorf gehörte jedoch nicht zu ihren Aufgaben.

Fragen nach nach Identität und Bildung

Margot Prust wollte mehr. Sie wollte Chamisso dort sichtbar machen, wo er 1813 gearbeitet hatte. Deshalb entstand 2015 der „Förderverein Kunersdorfer Musenhof“. Nun begann der mühsame Teil. Bauamt, Genehmigungen, Architekt, Brandschutz, Behindertentoilette und Lift mussten bewältigt und bezahlt werden. Vor allem fehlte Geld. Mehr als 230.000 Euro kamen schließlich zusammen, nach Angaben Prusts ohne öffentliche Förderung für den eigentlichen Museumsaufbau. Benefizkonzerte wurden veranstaltet, Feste organisiert, Mitglieder spendeten, eine Crowdfunding-Kampagne warb um Unterstützung. „Aus heutiger Sicht und mit allen Erfahrungen war ich etwas naiv und blauäugig“, seufzt Margot Prust.

Im Frühjahr 2019 öffnete das Chamisso-Museum. Vier Ausstellungsräume erzählen seitdem von einem Leben, das sich kaum in eine Berufsbezeichnung zwängen lässt. Chamisso schrieb Gedichte und Prosa, beschäftigte sich wissenschaftlich mit Pflanzen und Tieren und umrundete als Teilnehmer einer russischen Expedition die Erde. Robert Schumann vertonte seine Gedichte. Der „Peter Schlemihl“ wurde Weltliteratur und in viele Sprachen übersetzt.

Auch Chamissos Verse über Herkunft und gesellschaftlichen Rang passen zu einem Museum, das sich mit den Fragen nach Identität und Bildung beschäftigt: „Willst deines Hauses Glanz du aufrecht halten –? Lass rosten deiner Väter Schild und Schwert; Die tun es nicht, die geben nicht den Wert, Die Zeit ist abgelaufen, wo sie galten.“ Es sind Verse eines geborenen Adligen, der erlebt hatte, wie wenig ein Name, ein Schloss oder ein ererbter gesellschaftlicher Rang schützen können. Sein eigenes Elternhaus war verloren. Er musste sich eine neue Existenz schaffen.

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Hier berühren sich, bei allen historischen Unterschieden, die Lebenswege Chamissos und Margot Prusts. Frau Prust wurde 1946 im Riesengebirge im damaligen Schlesien geboren. Noch als Säugling erlebte sie mit ihrer Familie den Verlust der Heimat, weil ihre Eltern und Großeltern diese verlassen mussten. Nach einer langen Flucht kam die Familie zunächst in ein Lager in Salzgitter und später nach Berlin. Prust wuchs in Neuenhagen auf, arbeitete unter anderem bei der „Berliner Zeitung“, später im Verlag, studierte und wurde Grafikerin. Die Erfahrung des Heimatverlustes ist deshalb für sie keine historische Abstraktion. Gerade Chamissos berühmtes Bekenntnis des Fremdseins berührte sie.

Der französische Emigrant, der in Preußen eine neue Sprache und ein neues Leben fand, wurde für Margot Prust zu einer Figur, an der sich Fragen stellen lassen, die über das 19. Jahrhundert hinausreichen: Wo gehört ein Mensch hin? Ist Heimat ein Land, eine Sprache, eine Religion, eine Erinnerung? Und kann man mehr als einer Welt angehören? Das Museumshaus befindet sich weiterhin in Prusts Privatbesitz. Der Förderverein hat die Ausstellungsräume im Erdgeschoss gemietet. Ein Café und eine kleine Wohnung tragen mit ihren Mieteinnahmen zu den laufenden Kosten bei. Der Förderverein zählt nach Prusts Angaben rund 90 Mitglieder. Staatliche Dauerfinanzierung gibt es nicht. Das macht die Zukunft unsicher. Denn ein Museum braucht mehr als eine gute Idee. Es braucht Menschen, die öffnen, führen, organisieren, Rechnungen bezahlen und Verantwortung übernehmen. Margot Prusts Wunsch ist, Haus und Museum langfristig zu sichern. Dafür denkt sie über eine Stiftungslösung nach.


Der Autor ist Historiker und schreibt über Kultur in Ostdeutschland.

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