Neben Beethovens Neunter Sinfonie, Goethes Nachlass und der Gutenberg-Bibel gehört auch ein Science-Fiction-Film zum UNESCO-Verzeichnis „Memory of the World“ und damit auch zum besonders schutzwürdigen geistesgeschichtlichen Erbe Deutschlands: Fritz Langs „Metropolis“ wurde 2001 als erster Spielfilm überhaupt in das Verzeichnis aufgenommen. Langs Weltruf beruhte vor allem auf diesem Monumentalfilm. „Metropolis“ erfand die Architektur des Science-Fiction-Kinos. Und er prägte die Filmgeschichte wie kaum ein anderes Werk dieses Genres.
Friedrich Christian Anton Lang wurde am 5. Dezember 1890 in Wien geboren. Seine Eltern, seit 1883 standesamtlich verheiratet, ließen sich 1900 römisch-katholisch taufen und trauen. Die Mutter legte Wert auf die katholische Taufe und Erziehung. Lang selbst war nicht religiös, griff in seinen Filmen jedoch wiederholt katholisch geprägte Motive auf. Im September 1918 zog Lang nach Berlin. Nach der Ausrufung der Weimarer Republik fiel die Zensur, der Film war damit weitgehend von äußeren Zwängen befreit. Für kurze Zeit war das deutsche Kino das wichtigste der Welt: Während Hollywood noch am Anfang stand, hatte Berlin bereits eine hochentwickelte Filmindustrie. 1920 entstanden in Babelsberg mehr als 300 Spielfilme.
Expressionistische Bildsprache
Neben Lang fanden in Berlin Ernst Lubitsch, Friedrich Wilhelm Murnau, Georg Wilhelm Pabst und Billy Wilder zum Film. Die Weimarer Filmkultur suchte nach einer eigenen Sprache, die sie besonders im Expressionismus fand. Davon zeugen harte Kontraste, große Schatten und verzerrte Räume. Lang arbeitete zwar noch bis in die 1960er-Jahre weiter, doch seine bekanntesten Werke entstanden in den 1920er-Jahren: „Der müde Tod“ (1921), „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922), „Die Nibelungen“ (1924) und „Metropolis“ (1927). Die Drehbücher schrieb er häufig gemeinsam mit Thea von Harbou. „Der müde Tod“ wurde als „Volkslied in sechs Versen“ zu seinem ersten großen Werk. Im Zentrum steht das alte Motiv von Tod und Mädchen; der Satz „Stark wie der Tod ist die Liebe“ aus dem Hohen Lied zieht sich durch den Film. Schon hier zeigt sich Lang als innovativer Regisseur, beispielsweise durch Überbelichtungen und Überblendungen.
Drei Jahre später folgte „Die Nibelungen“, ein wirklicher Monumentalfilm, mit den beiden Teilen „Siegfried“ und strengen, fast archaischen Bildern. Die riesigen Bauten von Otto Hunte, Erich Kettelhut und Karl Vollbrecht beeindrucken noch heute. Sie scheinen dem Mythos entnommen zu sein. Noch berühmter wurde „Metropolis“, 1926 gedreht und am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt. Der Film handelt von Industrialisierung, Revolution und der Gefahr der Masse. Im Zeitalter von Trans- und Posthumanismus sowie künstlicher Intelligenz gewinnt er neue Aktualität. Zugleich bedient er sich christlicher Symbolik. Der Körper der Hauptfigur Freder krümmt sich über den Zeigern einer gigantischen Uhrmaschine wie ein Gekreuzigter; die falsche Maria trägt Züge der Hure Babylon. Das nachfolgende Projekt, der Science-Fiction-Film „Frau im Mond“ – einer der letzten deutschen Stummfilme – war 1929 ein kommerzieller Erfolg, auch wenn seine Bedeutung bereits von der Einführung des Tonfilms überschattet wurde.
Späte Erfolge mit „Atze“ Brauner
In seinem ersten Tonfilm „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) verknüpfte Lang sozialrealistisches Proletarierdrama, Krimi, Satire und absurdes Gerichtsdrama. Gegen einen naturalistischen Einsatz des Tons setzte er auf eine akustische Dramaturgie: Das leitmotivische Pfeifen aus Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ kündigt jeweils eine neue Bedrohung an. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme pendelte Lang einige Monate zwischen Berlin, London und Paris. Dort traf er auf Erich Pommer und realisierte 1934 „Liliom“. Noch im selben Jahr übersiedelte er in die Vereinigten Staaten. Seine Ehe mit Thea von Harbou war bereits im April 1933 geschieden worden.
In Hollywood setzte Lang seine Karriere fort, aber er konnte an die großen Erfolge des deutschen Kinos nicht anknüpfen. In „Blinde Wut“ („Fury“) mit Spencer Tracy zeigt Lang, ähnlich wie in „M“, die innere Lage eines vom Mob Gejagten. In den 1940er-Jahren drehte er außerdem mehrere Anti-Nazi-Filme. 1956 kehrte Fritz Lang nach Europa zurück und inszenierte für Artur „Atze“ Brauner seine letzten Werke. Auf den Zweiteiler „Der Tiger von Eschnapur“ / „Das indische Grabmal“ (1959) folgte „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960), ein Sittenbild der frühen Bundesrepublik. Die drei Brauner-Filme waren vor allem kommerziell erfolgreich. Lang ging aber erneut in die USA. Am 2. August 1976 starb er in Beverly Hills und wurde im Forest Lawn Memorial Park in Hollywood beigesetzt.
Der Autor schreibt aus Berlin zu Filmkultur.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









