Barry Koskys Lear-Jet ist gelandet. Hellwach, angestrengt, fasziniert, abgestoßen von menschlicher Bösartigkeit und hingerissen von deren Darstellungsmöglichkeiten auf einer Opernbühne: Nach zweieinhalb pausenlosen Stunden verlässt man den Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof, erfüllt von widerstreitenden Gefühlen.
Aribert Reimanns „Lear“ in der Inszenierung von Barrie Kosky, früher Intendant und jetzt Hausregisseur der Komischen Oper. Die Komische Oper Berlin startet die neue Saison zum vierten Mal im Ausweichquartier in Tempelhof, nach „Das Floß der Medusa“ (Henze), „Messias“ (Händel) und „Jesus Christ Superstar“ (Rice/Lloyd Webber). Die 1978 im Rahmen der Münchner Opernfestspiele uraufgeführte Erzähloper des Komponisten Aribert Reimann (1936–2024) und seines Librettisten Claus H. Henneberg (1936–1998) beruht auf William Shakespeares Tragödie „König Lear“, der Geschichte vom greisen König, der sein Reich unter den drei Töchtern aufteilen will; den größten Anteil soll die Tochter erhalten, die am glaubwürdigsten ihre Liebe zum Vater bekundet. Die Verweigerung der jüngsten und eigentlichen Lieblingstochter Cordelia, die ihn als einzige wirklich liebt, erzürnt den Vater über die Maßen, und das furchtbare Schicksal nimmt seinen Lauf.
Ausgangspunkt Familientragödie
Bereits 1968 kam die Anregung zu einer Vertonung des Stoffs vom Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Korrepetitor und Liedbegleiter Reimann damals war. Der Komponist tat sich schwer mit der Realisierung, bis er schließlich 1975 den Auftrag des Theater- und Opernintendanten August Everding annahm. Die Titelpartie schrieb er für Dietrich Fischer-Dieskau. Das Werk zählt heute zu den meistgespielten Opern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Es ist bereits die dritte Inszenierung des Stücks in der Komischen Oper; nach Harry Kupfer (1983 als DDR-Erstaufführung) und Hans Neuenfels (2009) hat sich nun Barrie Kosky des Werks angenommen, und der überschäumende Premierenbeifall bezeugte die kongeniale Umsetzung auf der eigens dafür eingerichteten Bühne im Hangar.
Die beiden einander gegenüberliegenden Zuschauertribünen bieten 1 500 Zuschauern Platz, die beiden anderen Seiten des Quadrats beherbergen die Musiker: das Orchester mit dem Dirigenten Nicholas Carter auf der einen, die Schlagwerker in Stahlgerüsten auf der anderen Seite, was einen grandiosen Stereo-Effekt ergibt. In der Mitte die karge beckettsche Bühne (Bühnenbild Rebecca Ringst), mit weißen Quadraten ausgelegt und variablen schwarzen Stegen verstärkt, auf denen sich das hochdramatische Geschehen ohne ablenkendes Schmuckwerk entfalten kann.
Der Narr ist nicht komisch
Barrie Kosky geht von der Familientragödie aus – zwei Väter, der eine mit drei Kindern (König Lear mit Goneril, Regan und Cordelia), der andere mit zwei Kindern (Graf von Gloster mit Edgar und Edmund), die sich spiegelbildlich gegenüberstehen und sich in ihrer Verblendung fälschlicherweise von einem Kind verraten glauben, als es um das Erbe geht. Mütter kommen nicht vor bei diesem Shakespeare, es ist ein Vater-Kind-Drama, das das ganze Spektrum des menschlichen Daseins ausleuchtet: Sehnsucht, die in Hass und Niedertracht umschlägt, Gier und Habsucht, unerfüllte Liebe und fürchterliche Rache, Missverständnisse, die unumkehrbare Katastrophen zur Folge haben. „Die Familie ist der Mikrokosmos der Gesellschaft, das wusste schon die griechische Tragödie. Das Stück beginnt mit dem Kampf zwischen drei Töchtern und zwei Söhnen und dehnt sich zum Kampf im ganzen Reich aus.“ (Barrie Kosky)
Zu der Tragödie, die Lear in den Wahnsinn führen wird, gehören auch die wohlmeinenden Warnungen, vor allem vom Narren – einer Sprechrolle, hier großartig verkörpert von Dagmar Manzel –, die allesamt vom König ignoriert werden. Der Narr im „Lear“ ist nicht komisch, es gibt hier nichts zu lachen. Aber er ist weise und philosophisch und erweist sich als Prophet, dem niemand glauben will, so wollte es schon William Shakespeare.
Sänger akustisch verstärkt
Dem Narren gehören in dieser Inszenierung die stillen, berührenden Momente, begleitet nur von wenigen Streichern. Wenn Dagmar Manzel zwischen den beiden Akten Shakespeares Sonett 66 rezitiert: „Tired with all these, for restful death I cry“ („Dies alles müd, ruf ich nach Todes Rast“), steht die Welt inmitten aller Dissonanzen für einen Augenblick still.
„Lauter! Viel, viel lauter!“ verlangte hingegen Aribert Reimann in der Hamburger Inszenierung seines „Lear“. Und laut ist es wahrhaftig, es ist ein Jammer, dass der vor zwei Jahren verstorbene Komponist diese Aufführung nicht mehr erleben kann. Das ganz große Schlagwerk lässt sich so nur an einem Ort wie dem Hangar aufbieten, es würde in keinen Orchestergraben passen. Erstaunlicherweise kommen sowohl das Orchester als auch die Sänger (in diesem Fall mit akustischer Verstärkung) dagegen an, die Lautstärke ist gewaltig, gibt sie doch den inneren Sturm der Protagonisten wieder. Und so ist sie in sich stimmig, auch dank der mit Hilfe von Dämmelementen geschaffenen Akustik. Handlung und Musik greifen hier ineinander, und das muss man direkt und physisch erfahren:
Sturmszene auf der Heide
„Wie alle guten Opern ist ‚Lear‘ wirklich als Theatermusik geschrieben und lebt eigentlich nur im darstellerischen Moment. Man kann dieses Werk nicht zuhause hören. Denn erst auf der Bühne und live gespielt ist dieses Meisterstück des Musiktheaters echt und als Gesamtkunstwerk zu erleben.“ (Barrie Kosky) Das Sängerensemble ist herausragend: Scott Hendricks als Lear, Günter Papendell als Gloster, Rosie Aldridge als Goneril, Nicole Chevalier als Regan, Penny Sofroniadou als Cordelia, und ganz besonders hervorzuheben Aryeh Nussbaum Cohen als Edgar und Brenton Ryan als Edmund.
Unvergesslich die berühmte Sturmszene auf der Heide, wohin sich Lear in fortschreitendem Wahnsinn mit seinen beiden Getreuen, dem Narren und dem als Diener verkleideten Grafen von Kent vor seinen Töchtern geflüchtet hat, und wo sie dem „armen Tom“ (mit Glitzerhäubchen und kurzem Rock, Kostüme: Klaus Bruns) alias Edgar begegnen: Im dichten Nebel erscheinen die Geister, vergangene und vorausgesehene, eine kleine Schar greiser Kinder oder kindlicher Erwachsener in Spielkleidchen tappt Hand in Hand in Zweierreihen über die Bühne und verschwindet in den wabernden, an Rauch gemahnenden Nebelschwaden, traurig und stumm. Man assoziiert unwillkürlich den Marsch „unwerten Lebens“ in die Gaskammern des „Dritten Reiches“.
Sechs Tote auf dem Schlachtfeld
Graf Gloster, der Lear gefolgt ist, will den König und seine Getreuen in Sicherheit bringen, was zunächst auch gelingt, bis durch die sich überschlagenden Kriegsereignisse niemand mehr sicher ist. Gloster wird als vermeintlicher französischer Spion von Regan und ihrem Mann geblendet und macht sich, geleitet von „Tom“, der sich als sein Sohn Edgar zu erkennen gibt, auf den Weg nach Dover, um sich von den Klippen zu stürzen. Am Ende liegen auf dem Schlachtfeld sechs Tote: drei Töchter, ein Sohn, zwei Väter. Dass sich Lear noch mit Cordelia aussöhnen konnte, ist das einzig Gute in diesem grauenvollen Verlauf der Geschichte.
Barrie Kosky ist ein zutiefst menschlicher Regisseur, das spürt man in jeder seiner Inszenierungen. Dass er sich nun dieser erschütternden Tragödie und ihren Figuren mit subtilem Fein- und Mitgefühl widmet, ist nur folgerichtig – treibt sie doch alles nach oben, was im Untergrund und Unterbewusstsein schläft und gärt, bis es aufbricht. Bei allem Monströsen, das sich in den Personen verbirgt und dann explodiert, zeichnet er sie doch als Menschen, die im besten Fall auch zur Umkehr fähig sind, zur Erkenntnis des eigenen Versagens und zur Vergebung. Ergreifend sind die Momente zwischen dem „armen Tom“ und dem wahnsinnigen Lear im Moor, und das Schlussbild: die Trauer Lears um seine ermordete Tochter Cordelia, die ihm letztendlich das Herz bricht. Gleichzeitig begreift der Zuschauer, wie hauchdünn die Decke der Zivilisation ist, unter der wir uns sicher fühlen. Wir sind es nicht.
Dass der ehemalige Flughafen Tempelhof als Spielort für gerade diese Oper hervorragend geeignet ist, liegt auf der Hand: „Der Hangar ist so grandios, um Musiktheater zu machen, weil er von Geschichte nur so trieft. Tempelhof war ein Nazi-Flughafen, trägt so viel Berliner Geschichte und den Geist der Wende in sich, war ein Ort des Entkommens oder Gefangenseins. Der Nachhall der Vergangenheit ist unglaublich stark. Das muss man nicht herbeidenken, das steckt alles im Gemäuer.“ (Barrie Kosky)
Weitere Vorstellungen am 24., 26., 29. September, 1. und 3. Oktober. Die Autorin schreibt als freie Publizistin aus Berlin über Kultur.
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