Mittags um zwölf pflegte Mrs Hawkins ein stilles Angelus zu beten, auch mitten in einem anstrengenden Telefonat. Die junge Kriegswitwe, Ich-Erzählerin in Muriel Sparks (1918–2006) wieder aufgelegtem Roman von 1988, arbeitet in den frühen 1950er Jahren in einem dem Untergang geweihten Verlagshaus und verkörpert in der von Rationierung und Unannehmlichkeiten geprägten Nachkriegszeit schon mit ihrer äußeren, füllig ausladenden Erscheinung Ruhe, Verlässlichkeit, Überfluss und Kompetenz. Sie ist aber auch von einer gnadenlosen Ehrlichkeit, deren erwartbare Probleme sie mit Nonchalance meistert.
Wohnraum ist knapp, Mrs Hawkins lebt möbliert in einem schlichten, aber anständigen Wohnheim im heruntergekommenen Kensington, das von Milly, der großherzigen irischen Dame des Hauses, geführt wird, umgeben von ebenso liebenswerten wie skurrilen Mitbewohnern, deren Vertrauen Mrs Hawkins genießt.
Dreißig Jahre später versetzt sie sich zurück in jene Zeit, in einer der schlaflosen Nächte, die ihr immer willkommen waren, weil man in der Stille der Nacht denken kann. „Kann man Denken beschließen? Ja, man kann. (…) Bei Nacht lag ich wach und betrachtete die Dunkelheit, lauschte der Stille, malte mir die Zukunft aus, pflückte mir aus der Vergangenheit die Stückchen heraus, die ich übersehen hatte, jene verschmähten Ereignisse, die jetzt in den Vordergrund traten, groß und wichtig, sodass die Schwere des Schicksals nicht mehr auf den derzeitigen Problemen meines Lebens lastete (…).“ Aus der üppigen Mrs Hawkins ist die schlanke Nancy geworden, die sich nun einem bedeutenden „Stückchen“ ihrer bewegten Vergangenheit stellt.
Diese auf leichten Füßen daherkommende Geschichte birgt Abgründiges in sich. Oszillierend zwischen Detektivroman, sarkastischer Zeitgeschichte und philosophischer Lebensweisheit lässt uns Muriel Spark, die 1954 zum katholischen Glauben konvertierte (in diesem Jahr spielt auch ihre Geschichte), mitten im Lesefluss immer wieder über ihre Sätze stolpern. Es ist ein moralischer Roman, der sich mit Gut und Böse auseinandersetzt; ganz im Sinne des berühmten britischen Konvertiten John Henry Kardinal Newman, der die Autorin stark beeinflusst hat, glaubt sie, dass eine Vision des Bösen genauso zur Konversion führen kann wie eine Vision des Guten – und dass das Gewissen die Instanz ist, beides voneinander zu unterscheiden. In einem Essay über ihre Bekehrung schrieb Muriel Spark: „Ich glaube fest an die Vorsehung. Es handelt sich nicht wirklich um Fatalismus, sondern ich sehe zu, bis sich das Gesamtbild zusammenfügt.“
Dass sie weiß, worüber sie schreibt, belegt ihr Leben. Die frühe Ehe mit dem dreizehn Jahre älteren Mathematiklehrer Sydney Oswald Spark, dem sie nach Rhodesien folgt, scheitert – er hatte sie im Unklaren über seine psychische Krankheit gelassen, die sich in Gewalttätigkeiten ausdrückte. Sie verlässt ihn mit dem gemeinsamen Sohn und schlägt sich als Sekretärin durch, bis sie 1944 alleine (den Sohn muss sie bei einer Pflegefamilie zurücklassen) nach England zurückkehren kann und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs für den britischen Geheimdienst arbeitet. 1947 wird sie Herausgeberin der renommierten Literaturzeitschrift „Poetry Review“; die Verlagswelt war ihr daher wohlvertraut. Die Konversion gab Muriel Spark zeitlebens Halt und Glauben, für ihr privates Leben genauso wie für ihre komplexe schriftstellerische Arbeit, für die sie 1993 von der Queen geadelt wurde.
Muriel Spark: Weit weg von Kensington, übersetzt von Otto Bayer, Zürich: Diogenes Verlag 2026, 240 Seiten, Hardcover, EUR 19,–
Die Rezensentin hat über 30 Jahre bei den Berliner Festspielen im Pressebüro und als Protokollchefin gearbeitet. Sie lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.
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