Wer die großen Dinge verstehen will, ist gut damit beraten, sich die Worte anzuschauen, welche sie bezeichnen. Auch ist dies ein guter Anfangspunkt für die Frage danach, was der Mensch sei. Das deutsche Wort „Mensch“ ist Nachfahre eines althochdeutschen Wortes für Mann, welches wiederum aus einer indogermanischen Wurzel herrührt und also ein schlichter Eigenname ist – zugegeben, nicht besonders ertragreich. Gehaltvoller waren immerhin die Römer: Der lateinische „homo“ teilt sich dieselbe Wurzel mit „Humus“: Der lateinische Mensch sei also dadurch gekennzeichnet, dass er auf der Erde lebe – im Gegensatz zu den Göttern, die im Himmel leben.
Aber am geistreichsten waren wieder einmal die Griechen. Der „Anthropos“, so erklärt uns Plato im „Kratylos“, setze sich zusammen aus „anathron“ und „opopen“, aus „aufblicken“ und „geschaut haben“. Dies fügten die Griechen sinnstiftenderweise zusammen, weil sie das Unterscheidende des Menschen darin sahen, dass er aufrecht gehe und den Blick gen Himmel richte. Anders als bei den Römern ist er dem Göttlichen nicht entgegengesetzt, sondern auf es ausgerichtet: auf ein Ziel so unfassbar wie der Himmel und so unerreichbar wie die Sterne. „Es irrt der Mensch, solang er strebt“, um mit Goethe doch noch den deutschen Bezug zum Gedanken zu retten. Bloß will der Mensch nicht irren, sondern alle Dinge mit Bestimmtheit wissen. Doch kann er dann noch streben? Kann er noch Mensch sein im Sinne Platos und Goethes?
Seeschlachten im Bachlauf
Wenn der Mensch sich zum Riesen macht, erscheint ihm alles klein und langweilig. Dem Däumling allein ist es ja vergönnt, in den winzigen Dingen verborgene Größe zu bestaunen. Und als wir klein waren, kam uns der Wald, in dem wir spielten, nicht wie ein riesenhafter Dschungel vor? Und haben wir in ein paar kaputten Mauern nicht eine gewaltige Ritterburg gesehen? Haben wir nicht Seeschlachten in einem kleinen Bachlauf bezeugt? Als wir Kinder waren, haben wir in allen Dingen nach oben geschaut. Doch irgendwann im Kindermärchen kam ein böser Zauberer und fing die Welt im Simulacrum ein, und wir hatten den Himmel nicht mehr über uns, sondern die Cloud in der Hosentasche. Es liegt nichts Großes darin, auf die kleinen Dinge hinabzuschauen. Darum warf Gott den Satan aus dem Himmel in den Schlund, zwang die Schlange zum unaufrechten Herumkriechen auf dem Boden.
Stolz ist ja, mit Chesterton gesprochen, nichts anderes als das falsche Größenverhältnis zur Welt – eine Schrumpfung des Wunders zum Überschaubaren und Bestimmbaren, als wäre es zu heiß gewaschen worden. Ob einst wohl einmal mehr Menschlichkeit am leuchtenden Höhlenfeuer war? Beim staunenden Blick in die funkelnden, Lichtjahre entfernten Sterne am unendlichen Firmament? Heute haben wir die Welt klein gemacht; wir schauen nach unten und sie leuchtet uns aus dem Smartphone entgegen – doch spiegelt sich in unseren Augen noch ein Zauberfunke?
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