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Kathedralen und Raketen

In Paris fand jetzt der europäische Verteidigungs- und Sicherheitsgipfel statt. Die Perspektiven für ein gemeinschaftlich abgestimmtes Weltraumkonzept des Westens sind vielversprechend.
Spectrum-Rakete startet vom Andøya Spaceport in Norwegen
Foto: IMAGO / Bestimage | Im September startete mit der 28 Meter langen Spectrum die erste rein deutsche Rakete von europäischem Boden. Die Rakete startete vom Andøya Spaceport in Norwegen.

„Der Weltraum ist ein Kriegsschauplatz!“ So martialisch formulierte es Eva Portier von der französischen Rüstungsbehörde DGA gestern in Paris. Dort ging soeben der zweitägige Space Defense & Security Summit (SDSS) zu Ende. Der Gipfel, angelegt als hochrangiges Strategie- und Industrieforum, erlaubte auch Außenstehenden einen Einblick in den Stand der militärischen Raumfahrt.

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Erst zehn Tage zuvor hatte die deutsche Forschungsministerin Dorothee Bär, vor einiger Zeit noch als leidenschaftliche Lufttaxi-Verfechterin unterwegs, den erfolgreichen Start der ersten deutschen Rakete von europäischem Boden gefeiert. Die 28 Meter lange Spectrum von Isar Aerospace war die erste deutsche Trägerrakete, die den Erdorbit erreichte. Die privat entwickelte Rakete setzte bei dem Flug auch Nutzlasten aus.

Die nah beieinanderliegenden Ereignisse, der Weltraum-Verteidigungsgipfel und der deutsche Raketenstart, sie zeigen die enge Verknüpfung von Forschung und Hochtechnologie, Wirtschaft und Verteidigung zu einer ganzheitlichen Raumfahrt-Agenda in der deutschen Politik. Dabei wird immer klarer: Die EU und ihre Mitgliedstaaten, die NATO und die Privatwirtschaft können nur im Verbund agieren. Isolierte, nationale Alleingänge sind weder sinnvoll noch finanzierbar. 

Das Raumfahrt-Paradox

„Souveränität“ bei den drei Raumfahrt-Herausforderungen Aufklärung, Überwachung und Erforschung wurde in Paris abermals bekräftigt, allerdings mit einer wichtigen Akzentverschiebung. Betonte die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche beim diesjährigen Super-Return-Kongress in Berlin vor Investoren aus aller Welt noch die Notwendigkeit deutscher technologischer Selbstständigkeit, so geht es neuerdings eher um Fähigkeiten. Nicht die Abschussrampe im nationalen Vorgarten, sondern Kontrolle und Verfügbarkeit stehen im Vordergrund.

Die fast paradoxe Formel könnte also lauten: Für eine auf Souveränität zielende, nationale Raumfahrtstrategie mit wirtschaftlich-militärischer Ausrichtung braucht es unverzichtbar den europäischen Verbund. Nicht Kooperation – sondern einen wichtigen Schritt weiter – Interoperabilität heißt das neue Zauberwort. Damit die Systeme ineinandergreifen, müssen im Weltraum alle Akteure die gleiche Sprache sprechen. Die Interoperabilität wird als technische lingua franca zwangsläufig zum Industriestandard der europäischen Weltraumzukunft. 

Ein gemeinschaftsstiftendes Großprojekt?

18.000 aktive Satelliten bevölkern den Himmel über uns, Mitte der 2030er Jahre werden es zwischen 50.000 und 100.000 sein. Allein dieser Hochbetrieb im Orbit zwingt zur Abstimmung, ganz unabhängig vom politischen Willen der Akteure, die über EU, NATO oder andere Zusammenschlüsse verbunden oder verbündet sein mögen.

Damit zeichnet sich am Weltraumhorizont eine so vage wie faszinierende Hoffnung ab. Wird das vielstimmige Europa, ja vielleicht der gesamte westliche Raumfahrtverbund mit den führenden USA, endlich in das lang ersehnte, gemeinschaftsstiftende Großprojekt gezwungen? China, Indien, Pakistan und andere Länder mit Ambitionen im All werden nicht anders können, als in den weltweiten Abstimmungsprozess einzusteigen. Noch fehlen Russland derzeit aus bekannten Gründen die Kapazitäten, doch die untergegangene Sowjetunion hat bereits vor Jahrzehnten mit den USA erfolgreich die kosmische Allianz geprobt.

Frei nach dem Titel des berühmten Buches von David Macauley möchte man formulieren: Früher bauten sie eine Kathedrale, heute ist es die Rakete, hinter der sich Völker hoffnungsvoll versammeln. Ob die jedoch am Ende wirklich friedensstiftend oder doch kriegstreibend wirkt, das weiß der Himmel.

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Themen & Autoren
Henry C. Brinker

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