Zwar hat sich inzwischen der Jubel um den fulminanten Börsenstart von Space X abgekühlt. Dennoch bleiben die Perspektiven des einzigartigen Weltraum- und Kommunikationsprojekts berauschend. Der Himmel über uns – er könnte bald ein anderer sein. So oder so, mit oder gegen die vielen Wettbewerber des amerikanischen Börsenstars im Kampf um die Vorherrschaft im Weltraum. Eine Million Kommunikationssatelliten will Elon Musk mit Space X ins All schicken, und dies würde den Anblick des e nächtlichen Firmaments völlig verändern. Für dieses Szenario jedenfalls laufen Anmeldeverfahren bei der US- amerikanischen FCC, der Federal Communications Commission. Sie koordiniert im Orbit die Stellplätze für die Satelliten. Wie auf einem Jedermann- Flohmarkt morgens um vier hat sich Musk schon jetzt einen entscheidenden Vorteil bei der Standplatzvergabe verschafft. Das Ziel: ein integriertes System aus Raumfahrt, globaler Kommunikation und künstlicher Intelligenz. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Mutter Erde, am orbitalen Horizont hat der visionäre Elon Musk eine bildhafte Vorstellung von der Besiedlung des Mondes und der Planeten unseres Sonnensystems aufscheinen lassen. Er selbst wird sein Werk, so es Erfolg hat, wohl kaum in Vollendung erleben. Selbst Optimisten rechnen mit einer Zeitspanne von mindestens einem halben Jahrhundert, bis sich Erdmänner, Erdfrauen und womöglich Kinder auf dem Mars auch nur ansatzweise wohl fühlen könnten. Elon Musks Asche dürfte dann längst in einer Titan-Urne Richtung anderer Galaxien unterwegs sein. Oder es dämmert eingefroren in Flüssigstickstoff bei 196 Grad Celsius in einem Kryonik-Zentrum von Tomorrow.bio der leiblichen Wiederauferstehung entgegen.
Es ging auch damals ums Geld
Treffpunkt Mönckebergbrunnen in Hamburg: Die alte, neoklassizistische Stadtbibliothek des genialen Architekten Fritz Schumacher ist heute zweckentfremdet Café und Ticketing-Außenstelle der Elbphilharmonie. Mieter davor war Burger King. Schumacher ist auch einer der Architekten des Hamburger Planetariums. Zweckentfremdung hier wie da: vorher war die schicke Anlage ein Wasserturm. Am Planetarium wirkte bis vor kurzem der Astrophysiker Thomas Kraupe. Er verfolgte die Space X – Mission von Beginn an mit professionellem Interesse. Der Hamburger Wissenschaftler gilt international als Kapazität seines Fachs.

Vor einer kanellierten Säule blinzelt der in München aufgewachsene Astronom in die Sonne. Bedauert er eigentlich, dass der Blick und die Reise ins All inzwischen so stark ökonomischen Maßgaben folgt? Kraupes Antwort fällt überraschend aus: „Eigentlich war das immer so. Die Astronomie und damit auch die Orts- und Zeitbestimmung war von Beginn an durch den Nutzwert getrieben. Und dass historische Sternwarten vor allem in Hafenstädten zu finden sind, hat Gründe.“ Kraupe weiß, dass die Entwicklung der Seefahrt ohne den Blick in die Sterne mit allen messtechnischen Ableitungen nicht möglich gewesen wäre. Und er führt das Beispiel Greenwich an. Die Königliche Sternwarte, das Royal Observatory, wurde vor 350 Jahren gegründet, man wollte das Längengradproblem der Seefahrt lösen. Hohe Verluste kostbarer Schiffe und ihrer Fracht erforderten Seekarten, die zum Beispiel präzise die gefährlichen Riffs auf den Weltmeeren erfassten. Im Longitude Act von 1714 hatte das britische Parlament die sozusagen astronomische Summe von 20.000 Pfund ausgesetzt für die Entdeckung einer Methode, um den Längengrad auf See zu bestimmen. Ausgerechnet der Tischler John Harrison fand mit seinem präzisen Chronometer aus Holz die Lösung - und beschämte die Sterngucker mit ihren Fernrohren. „Solche Persönlichkeiten bringen bis heute die Wissenschaft voran. Auch Musk ist ein Visionär, der weit hinweg über unsere Probleme auf der Erde hinausblickt in andere Zeiten und Welten“, gibt sich Thomas Kraupe fasziniert vom Pionier der Elektromobilität – und der wiederverwendbaren Rakete: „Damit habe ich so schnell nicht gerechnet!“ Kein Wunder, dass die Mächtigen dieser Welt ähnlich beeindruckt auf solch grundstürzende Kreativität und ungebändigten Unternehmergeist blicken. Allen voran Donald Trump, der sich trotz Differenzen gern im Glanze des reichsten Manns der Welt und seiner Leistungen sonnt.
Die Sonne als Herrschaftssymbol
Sich zu sonnen im Glanz der Gestirne hat eine lange Tradition bei den Herrschenden. Auch bei der Geburt Christi beglaubigten ein „Stern“ und drei Gelehrte aus dem Morgenland ein Ereignis, das die Welt verändern sollte. Auf das armselige Geschehen im Stall von Bethlehem fiel nach der Erzählung des Neuen Testaments das Licht des Himmels und wurde zum Licht der Welt. Vorher und nachher waren es immer wieder Bezüge zu den Gestirnen, die Mensch und Gott verbinden sollten: aus Sonnengott wurde Sonnenkönig.
Ludwig XIV. kleidete sein absolutistisches Herrschaftsverständnis in die Vorstellung vom leuchtenden Zentralgestirn. Als Helios, der den Sonnenwagen lenkt, wurde er in jungen Jahren vom Kupferstecher Claude Mellan allegorisch gefeiert. Übrigens war Mellan den Wissenschaften über große Persönlichkeiten der Zeit eng verbunden, Peiresc und Gassendi sind die zentralen Figuren. So schuf er damals mit Hilfe des neuen Fernrohrs einzigartige Ansichten des Mondes, kühl gestochene Abbildungen, die verblüffend bis verstörend auf die Menschen dieser Zeit gewirkt haben müssen.
Auf Mellans Bild vom jungen Ludwig im Sonnenwagen erscheint der Herrscher wie Phaeton, der als Sohn des antiken Sonnengotts Helios den Zodiac durchmisst, das Sternenrund mit den 12 Tierkreiszeichen. Das lateinische Schriftband lautet frei übersetzt "Selbst Monster halten den Vorausstürmenden nicht auf". Die "Monstra" dürften bildlich für die Aufstände der Fronde um die 1650er Jahre stehen während der Minderjährigkeit Ludwigs XIV. Viele Bildprogramme und Architekturkonzepte, Gartenanlagen und die Musik griffen die Sonnensymbolik auf – von Frankreich ausgehend in ganz Europa. Der Wittelsbacher Fürstbischof Clemens - August ließ ein Schloss in der bewaldeten Einsamkeit des Emslandes errichten – als „Jagdstern“. Um einen Zentralbau ordnen sich acht kleinere Pavillons, Planeten um ein Zentralgestirn. Die Grundidee ist vom Radialsystem von Versailles abgeleitet, wo alle Gartenachsen strahlenförmig auf das sonnenkönigliche Schlafgemach zulaufen. Der Entwurf des Architekten Schlaun für Clemens - August ist weicher und und weniger gerrschaftsbezogen. Er kopierte nur die formalen Insignien absolutistischer Herrschaft als ästhetisches Konzept. Die westfälischen Landstände und die ständische Verfassung des Hochstifts Münster prägten die politische Realität.
Herrschaft über die Zeit
Zurück nach Frankreich, wo auf den Sonnenkönig der aufgeklärte Ludwig XV. folgte. Vor dreieinhalb Jahren fand in Versailles die große Ausstellung mit einer Neubewertung des Monarchen statt – inklusive aller unauflöslichen Widersprüche. Tiefe Religiosität bei gleichzeitiger, moralischer Verwerflichkeit, traditionsgebundene Hofhaltung bei gleichzeitiger Offenheit gegenüber moderner Forschung und Technik. Ludwig XV. trieb neben anderen Wissenschaften auch die Sternenkunde voran – und gab das größte astronomisch-messtechnische Projekt dieser Zeit in Auftrag. Der Instrumentenbauer Claude-Siméon Passemant fertigte den Entwurf für eine astronomische Uhr und benötigte zwanzig Jahre für deren Entwicklung. Im Ergebnis gab es zum ersten Mal eine verbindliche Referenzzeit der Weltmacht Frankreich – die technisch-normierende Übersetzung von Herrschaft. Die von der Edelmarke Rolex frisch restaurierte Uhr gehört zu den Schätzen von Versailles.
Keine letzte Wahrheit
Trotz allen Fortschritts zeichnet die Astronomie, die seit Fraunhofer im 19. Jahrhundert die Himmelsbeobachtung zunehmend durch das Laborexperiment ergänzt, bis heute kein vollständiges Bild des Kosmos. Jedenfalls, wenn es um letzte Wahrheiten zum Ursprung des Universums geht. „Wir denken als Wissenschaftler in Modellen, solange sie zutreffende Vorhersagen machen. Die Urknall-Theorie ist heute zumindest unvollständig“, sagt der Astrophysiker Thomas Kraupe. Derzeit fehle noch die grundlegende Verbindung zwischen Gravitations- und Quantentheorie, die zum Verständnis des Anfangszustandes des Universums unerlässlich ist - außerdem erschüttern die dunkle Materie und die sogenannte „dunkle Energie“ das Fundament der Physik. Um zu einem stimmigeren Gesamtbild zu kommen mit größerer Annäherung an den „wahren Kosmos“, braucht es laut Kraupe wohl ganz neue Ideen und Konzepte. Mit letzten Wahrheiten hat es der Bayer in Hamburg nicht: „Auch Galilei hat sich in vielem nachweislich geirrt. Manchmal hätte er besser daran getan, demütiger auf sich und seinen Wissenstand zu blicken.“
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









