Noch bis zum 3. Februar dauert die Kairoer Buchmesse, die größte ihrer Art im arabischen Raum. Zwei Bücher sind allerdings kurzfristig aus dem Ausstellungsregal genommen worden, Bücher deutscher Autoren: der Roman „Die Wolkenfabrik“ von Hamed Abdel-Samad und „Dialog mit meinem jüdischen Freund“, vom gleichen Autor zusammen mit Philipp Peyman Engel geschrieben, dem Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“. Die Tagespost stellte das Werk ausführlich in einem Doppelinterview vor, als es in Deutschland zuerst unter dem Titel „Was darf Israel?“ erschien.
Ägypten ist ein altes Literaturland, ein Land der großen Erzähler, und das seit über 2000 Jahren, etwa mit der Weisheitslehre des Ptahotep. Die islamische al-Azhar-Tradition verbindet viel später Text, Auslegung und Öffentlichkeit. Literatur war am Nil nie nur ästhetisch, sondern immer auch sozial und religiös wirksam. Und das gilt bis heute, wo das Land mit Naguib Mahfouz seit 1988 sogar einen Nobelpreisträger vorweisen kann:
Mahfouz‘ berühmte Kairo-Trilogie ist ein Gesellschaftspanorama von Rang in bester französischer Tradition, es geht um Familie, Glaube, Macht, Moderne.
Erschütterung bei Philipp Peyman Engel
Beim jetzt verbotenen Dialog-Buch „Was darf Israel?“ ist besonders bedauerlich, dass hier sozusagen eine ausgestreckte Hand abgeschlagen wurde. Engel und Abdel-Samad unternehmen mit ihrem mehrfach übersetzten Buch den viel beachteten Versuch zur Verständigung über etwas, worüber man sich wohl keinesfalls einigen kann: den Nahost-Konflikt und das Gaza-Drama. Aber man kann sich als Gesprächs-Gegenüber annehmen, indem jeder seine Position erklärt. So sehen erste Schritte aus.
Im Gespräch mit der „Tagespost“ am Telefon wirkt Philipp Peyman Engel immer noch erschüttert: „Ich glaube, dass unser Buch einzigartig ist. In Deutschland, aber erst recht auch in der arabischen Welt. Es gibt fast kein Thema, das so polarisiert und kontrovers diskutiert wird, wie der Nahostkonflikt und Israels Reaktion auf den blutigen Terror der Hamas. Allzu oft wird diese Diskussion jedoch ungemein feindselig geführt, polemisch, oft auch verletzend und unsachlich. Wir haben versucht, es besser zu machen.“
Ist die Entwicklung hin zu einer gemeinsamen Reflexion im arabischen Raum vielleicht noch nicht weit genug gediehen? Engel sieht mögliche Hindernisse in der klaren Sprache, die im Buch geführt wird: „Das Buch ist hart, Hamed und ich sind seit Jahren Freunde, doch wir schonen einander nicht. Uns trennen Welten. Beim Schreiben des Buches hatten wir beide immer wieder den Eindruck, dass der jeweils andere den Dialog abbrechen wird. Hamed, als es um meine jüdische Sozialisation und angeblich blind zionistische Position geht. Ich, als ich ihm vorwarf, ungewollt antisemitisch zu argumentieren, wenn er Israel kontrafaktisch einen Genozid unterstellt, was für mich die Neuauflage der alten antisemitischen Ritualmordlegende ist.“
Verbote auf dem kurzen Dienstweg
Der Anspruch der beiden, immer zivilisiert miteinander zu diskutieren und zu streiten, hat das Erscheinen des Buchs letztlich gerettet. Fehlt am Ende in den Gesellschaften des Nahen Ostens vor allem die offene Debatte und eine bessere Diskussionskultur als ein erster Schritt zu wirklichem Frieden?
Philipp Peyman Engel sieht eher das Auftreten eines autoritären Staatsapparats am Werk als die Bereitschaft der Menschen zu einem neuen Miteinander: „Bis zuletzt hat nichts darauf hingedeutet, dass das Buch nicht erscheint. Eine offizielle Begründung gibt es bis jetzt nicht. Das regeln Diktaturen sozusagen auf dem kurzen Dienstweg. Was wir mitbekommen haben, ist: Der Verlag wurde massiv unter Druck gesetzt. Hamed und ich hatten uns seit Monaten auf die Veröffentlichung gefreut, weil in Ägypten ein solch offenes und streitlustiges Buch noch nicht verlegt wurde. Dabei soll es nun leider bleiben.“
Ein Trost für die beiden befreundeten Autoren, die sich als Hamed und Philipp duzen, bleibt: Ständig trudeln über E-Mail und soziale Medien Anfragen nach Buch und Inhalt ein. Die Ägypter, sie sind wohl nicht nur hungrig nach dem Buch selbst, sondern auch nach einem friedlichen Umgang mit zwei subjektiven Wahrheiten – und einer sich fortpflanzenden Verständigung über diese beiden Wahrheiten.
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