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Transgender-Madonna mit sechs Brüsten

Mehrfach-Reverenz an Freudsche Traumdeutung, pubertäre Selbstfindung und religiös grundierte Irrungen und Wirrungen: In Berlins Deutscher Oper pubertiert ein frühreifes Genie der Moderne.
Erich Wolfgang Korngolds Oper „Violanta“
Foto: Deutsche Oper Berlin | Erich Wolfgang Korngolds Oper „Violanta“ wurde bei der Premiere in der Deutschen Oper Berlin zum gefeierten Bühnenerfolg.

Nicht nur das queere Berliner Internet-Portal „Siegessäule“ hatte in der schwul-lesbischen Community vorher kräftig die Werbetrommel gerührt. Die Resonanz war groß. Zu feiern gab es für das in Teilen glitzerbunt gewandete Publikum der Deutschen Oper an der Bismarckstraße einen echten „Siegessäulen-Heiligen“: Hans Müller-Einigen. Der skandalträchtige Star-Literat des beginnenden 20. Jahrhunderts war damals in Berlin fast so prominent wie in Wien (am Burgtheater) und ging Anfang der Zwanziger mit Drehbüchern nach Hollywood. Sogar Ernst Lubitsch filmte nach seiner Vorlage.

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Müller, zu der Zeit noch ohne den späteren, schweizerischen „Einigen“-Namenszusatz, kam wieder zurück und wurde Chefdramaturg der UFA. Sein Erfolgsfilm „Der Kongress tanzt“ gilt bis heute als die filmische Metapher aus der Glanzzeit des Unternehmens. Auch Benatzkys Operette „Zum Weißen Rössl“ lebt in der Textvorlage von Müllers Einfällen.

Zeitgeistig nachgeschärfte Inszenierung

Bei Korngolds Oper „Violanta“, einem Jugendwerk des Genies, bleibt das Müller-Libretto eher andächtig-vornehm im Hintergrund. Ein einfaches Erzählgerüst bietet die perfekte Folie für Korngolds frühreife Komponierkunst: Violanta, in konventioneller Ehe gefangen, will ihre Schwester rächen, die ob der Schande einer Vergewaltigung den Freitod wählte. Aber Violanta erliegt selbst der Faszination des Verführers – und dem eigenen Verlangen.

In der aktuellen Berliner Inszenierung haben Regie (David Hermann), Bühnenbild (Jo Schramm) und die fantasievoll-schneidernde Kostümbildnerin Sybille Wallum zeitgeistig nachgeschärft. Eine Transgender-Madonna mit Stern im blauen Mariengewand und gleich sechs angeklebten Brüsten darf als Mehrfach-Reverenz an Freudsche Traumdeutung, pubertäre Selbstfindung und religiös grundierte Irrungen und Wirrungen verstanden werden.

Dazu der Karneval in Venedig als dramaturgischer Katalysator: ein alle Konventionen sprengendes Fest der Verführung. In feines Passionsviolett gewandet das soldatisch-exekutive Establishment in „Violanta“: Der liturgische Farbcode verbindet sich mit den streng geschnittenen Uniformen zum „Military Gear“-Look, wie der passende Fachausdruck in der schwulen Szene lautet.

Das Berliner Publikum ist hingerissen

Das Berliner Premieren-Publikum ist – dennoch und deswegen zugleich – hingerissen. Beifallsstürme gelten Sängern (vor allem Ólafur Sigurdarson als Simone) und Sängerinnen (herausragend Laura Wilde als Violanta), Chor, Orchester, dem Dirigenten und dem Regie-Team. Tatsächlich präsentierte sich das Gebotene vor allem musikalisch vom Feinsten. Der scheidende Generalmusikdirektor Donald Runnicles schien sich zum Ziel gesetzt zu haben, dass alle noch einmal lustvoll im finalen Abschiedsschmerz schwelgen dürfen. Schluchzende Streicher und effektvolle Bläser tönen tragisch aus dem Graben. Von der Bühne künden ein archaischer Chor (sorgfältig eingerichtet von Jeremy Bines) und ausdrucksvolle Stimmen von Geheimnis und Gewalt, Bedrohung, Beschwörung und Bestrafung.

Korngold macht es dem großen Dirigenten Runnicles leicht, mit der kompositorischen Steilvorlage zu glänzen. Und das Berliner Publikum wusste an diesem Abend, das Kredenzte zu genießen. Die filmisch-opulente, dabei musikalisch wie inhaltlich hochverdichtete Operndelikatesse ist ein Fest für Klangfetischisten und Gesangsgourmets. Selbst Giacomo Puccini war nach der Münchner Uraufführung 1916 hingerissen vom blutjungen Korngold und seiner Violanta-Opernerfindung: „Er hat so viel Talent, er könnte uns die Hälfte davon abgeben und hätte immer noch genug für sich selbst.“ 

Immer noch genug: Auch bei der Transgender-Bühnen-Madonna hätte ein Drittel der sechs angeklebten Brüste locker genügt, um die Figur in ihrer Mehrdeutigkeit zu verstehen.

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