Wenige Sportarten scheiden wohl so stark zwischen begeisterten Anhängern auf der einen und verständnisloser Abneigung auf der anderen Seite wie der American Football. Fast noch mehr mediale und mobilisierende Aufmerksamkeit als der „Super Bowl“ der Football-Liga NFL (dem reichsten Sportunternehmen der Welt) ziehen dabei in den USA die im Januar stattfindenden Endspiele der Hochschulmeisterschaften auf sich. In der Nacht auf Dienstag gelang den „Hoosiers“, dem Team der Indiana University, der Gewinn der „National Championship“ nach einer Saison ohne eine einzige Niederlage. Eine wahre Cinderella-Story nach amerikanischem Geschmack, denn die Footballmannschaft aus dem „Rust Belt“ war zuletzt in der Zuschauergunst ebenso wie in ihrer Attraktivität für junge Talente hoffnungslos hinter Rivalen selbst aus dem eigenen Bundesstaat, etwa den „Notre Dame Fighting Irish“, zurückgefallen.
Bei den „Hoosiers“ dürfte es sich allerdings um die einzige Hochschulmannschaft handeln, die einen Fußabdruck in der deutschen Literatur hinterlassen hat. Denn im Winter 1967/1968, als die Muskelprotze in den roten Trikots zum letzten Mal bis ins Finale vorrücken konnten (und dort krachend gegen den später aus anderen Gründen berühmt gewordenen O. J. Simpson und seine Mannschaft aus Südkalifornien verloren), hielt sich auch der Schriftsteller Hans Egon Holthusen (1913–1998) zufällig als Gastprofessor auf dem Campus in Bloomington auf. In seinem kleinen Reise- und Stimmungsbericht „Indiana Campus“ nehmen nicht nur die ersten Auswüchse der Studentenbewegung, sondern auch die auf den deutschen Besucher besonders kurios wirkende, frenetische Begeisterung der gesamten Universität für ihre „student athletes“ breiten Raum ein. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Ungläubigkeit begleitet Holthusen den Einzug in den „Rosenpokal“ gegen die „Trojaner von der University of Southern California“ – und versucht dabei der deutschen Leserschaft mehr schlecht als recht, die sprachlichen und sportlichen Eigenarten dieses Spiels und seiner Fankultur nahezubringen.
Respektvolle Einfühlsamkeit statt gegenseitiges Unverständnis
Doch dieses Befremden und die mit europäischer Skepsis aufgefasste Football-Begeisterung vom Hausmeister aufwärts bis zum Professor ändern nichts an der Hochschätzung und dem herzlichen Verhältnis zwischen Holthusen und seinen amerikanischen Kollegen. Heute stellt sich dieser Befund – entgegen der Prognose Holthusens – gänzlich anders dar: Während die NFL mittlerweile bereits fünf Spiele auf deutschem Boden ausgetragen hat und eine wachsende Anhängerschaft hierzulande ganz selbstverständlich mit Fachtermini wie „Touchdown“ und Teamnamen wie „49ers“ und „Broncos“ zu hantieren weiß, ist das deutsch-amerikanische Gesamtverhältnis so gespannt und von gegenseitigem Unverständnis geprägt wie lange nicht. Gerade den Deutschen würde es bei allen berechtigten Vorbehalten gut zu Gesicht stehen, wie einst Holthusen dem transatlantischen Partner auf kultureller Ebene nicht nur von hoher Warte aus das Trennende vorzuhalten, sondern seine tieferen Beweggründe und charakterlichen Prägungen einfühlend respektieren zu wollen.
Ob dies in naher Zukunft erneut zu erwarten ist? Das ganz unerwartete Comeback der „Hoosiers“ (übrigens mit „Hinterwäldler“ übersetzbar) mag ein Licht der Hoffnung sein, ein Zeichen von – Sportsgeist.
Der Autor promoviert in Berlin im Fach „Altertumswissenschaften“ und ist bekennender Football-Anhänger.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









