Herr Professor Gruhn, Sie sind CEO und Eigentümer des katholischen Fernsehsenders K-TV. Mitte Dezember haben Sie und K-TV ein weiteres Angebot gestartet. Eine Such- und Antwortmaschine, die auf den Namen Katholisch.ai hört. Was hat Sie bewogen, eine Künstliche Intelligenz zu erschaffen?
Erschaffen haben wir sie nicht. Wir haben bestehende Technologien genutzt und für das deutsche Publikum angepasst. KI oder Künstliche Intelligenz ist, wie das Fernsehen oder das Internet vor ihr, eine Basistechnologie. Eine, die das Potenzial hat, unsere Arbeitswelt massiv zu verändern. Das sieht auch Papst Leo XIV. so. Aus meiner Sicht wäre es daher ein Fehler, wenn die katholische Kirche eine solche Basistechnologie wieder nur den weltlichen und wenig christlichen Kräften überlässt, wie man sie etwa hier im Silicon Valley antreffen kann. Außerdem kann die Technologie, richtig genutzt, der Kirche viel Nutzen bringen.
Welchen?
Ich nenne nur zwei Beispiele, mit denen wir uns derzeit befassen. Wir digitalisieren zum Beispiel antike Dokumente der Päpstlichen Universität Gregoriana, von denen bisher niemand weiß, was da wirklich drinsteht. Diese Dokumente werden anschließend per KI analysiert. Dadurch können wir noch unbekannte Dokumente der Forschung zugänglich machen. In ihnen könnten sich Traktate von Kirchenvätern verstecken oder andere wichtige Dokumente, die wir bisher einfach nicht kennen.
Und das Zweite?
„Wir wollen die Seelsorger nicht ersetzen,
sondern lediglich den Menschen die Scheu davor nehmen,
sich mit dem Glauben zu befassen und ein erstes Verstehen ermöglichen"
Zum anderen lassen sich mit KI lehramtliche Dokumente, die wir bereits kennen, viel schneller und zielsicherer durchforsten als auf jede andere Weise. Auch von ganz normalen Gläubigen, die Anfragen an den Glauben haben. Die Menschen heute suchen mehr denn je nach Antworten. Viele Priester haben heute wenig Zeit. Und manche Menschen sind auch so weit vom Glauben weg, dass sie sich ohnehin nicht zunächst an einen Priester wenden würden. Wir wollen die Seelsorger natürlich nicht ersetzen, sondern lediglich den Menschen die Scheu davor nehmen, sich mit dem Glauben zu befassen und ein erstes Verstehen ermöglichen. Denn ich bin überzeugt: Der größte Feind des Glaubens ist die Unwissenheit.
Welche Zielgruppen wollen Sie mit Katholisch.ai noch erreichen?
Da gibt es verschiedene. Das eine sind Theologen, Religionslehrer und Seelsorger, die einfach ein Tool suchen, mit dem sie sich auf den Unterricht oder auf Katechesen vorbereiten können. Auch an Priester, die Zitate für ihre Homilie suchen, denken wir. Also die Menschen, die klassisch im Verkündigungsdienst der Kirche stehen. Für die ist Katholisch.ai meines Erachtens sehr attraktiv. Nicht nur, weil wir die exakten Quellenangaben mitliefern, sondern auch, weil unsere KI zusätzlich die im jeweiligen Kontext relevanten K-TV-Sendungen auflistet, die sich dann zum Beispiel als Video einer Pfarrgemeinde zeigen lassen; eine Diskussion mit einem Kardinal zum Beispiel.
Ich finde also genau die passende Sendung zum jeweiligen Thema. Ich bekomme auch meine Quellenangaben: Wo steht das im Katechismus? Wo hat der Papst das gesagt? Und dann, wir haben schon drüber gesprochen, Menschen, die Glaubensfragen haben. Deshalb werden wir Katholisch.ai in Kürze auch auf Arabisch zur Verfügung stellen, also etwa für Einwanderer, die wissen wollen, was der katholische Glaube eigentlich ist.
Nun konnten sich Interessierte bisher mit ihren Fragen an KI-Programme wie ChatGPT, Perplexity oder Grok wenden. Was kann Katholisch.ai, was diese nicht können?
Statt mit „was wir können“, fange ich mal mit dem an, „was wir nicht tun“. Alle Sprachmodelle, die Sie gerade erwähnt haben, wollen ihre Nutzer abhängig machen, genau wie Social Media. Deswegen gibt es diese positive Verstärkung: „Oh, tolle Frage.“ Katholisch.ai hingegen ist sehr nüchtern. Uns geht es um Informationsbeschaffung, und die Leute sollen merken, sie kommunizieren nicht mit einem Menschen, einer Person, sondern mit einem Computer, einer Maschine. Das ist schon mal ein qualitativer Unterschied. Und einer, der wichtig ist. Gerade auch für junge Leute, die leicht dazu neigen, ChatGPT als Freund zu betrachten, was fatale Folgen haben kann. Ein anderes Risiko betrifft Halluzinationen.
Als Halluzination wird ein systemimmanentes Problem von KI bezeichnet, bei dem Programme aus unterschiedlichen Gründen falsche oder irreführende Informationen ausspucken, richtig?
„Bei Katholisch.ai hingegen können die Nutzer sicher sein,
dass sämtliche Inhalte „römisch-katholisch“ sind"
Korrekt. Aber wir können es vermeiden. KI-Programme halluzinieren vor allem dann, wenn sie eine sehr große Datenbasis nutzen. Da diese Sprachmodelle keine Möglichkeiten besitzen, richtig von falsch zu unterscheiden, führen Inhalte, wie etwa die von Reddit, die stark durch Sarkasmus geprägt sind, regelmäßig zu falschen Antworten. Weil die KI Sarkasmus oder einen bloßen Witz gar nicht verstehen und daher auch nicht als solche erkennen kann. Bei Katholisch.ai können die Nutzer wählen, welche Wissensbasis sie verwenden wollen. Sie können zum Beispiel festlegen, dass die KI nur lehramtliche Dokumente als Wissensbasis nutzen soll. Das tun die anderen nicht. Die nutzen das breite Internet. Da können dann auch Informationen von jemandem dabei sein, der sich als katholisch bezeichnet, es aber gar nicht ist. Bei Katholisch.ai hingegen können die Nutzer sicher sein – und das ist auch das, was K-TV als Marke darstellen will –, dass sämtliche Inhalte „römisch-katholisch“ sind.
Wie hält Katholisch.ai es mit dem Datenschutz? Angenommen, ich möchte die KI zur Beichtvorbereitung nutzen. Muss ich dann nicht damit rechnen, sensible Informationen zusammen mit persönlichen Daten auf der Plattform zu hinterlassen?
Wenn ich einen neuen Chat aufmache, weiß das System nicht mehr, was jemals besprochen wurde. Das ist einfach weg. Wir behalten nichts vor, wir loggen nichts und alle unsere Server sind auch während der Interaktionen in Frankfurt am Main. Wir haben alles in Deutschland, komplett unter der strengen DSGVO, und anonymisiert. Wir sammeln keine Namen, Wohnorte, Geburtsdaten oder dergleichen mehr. All das tun wir nicht. Man braucht, um Katholisch.ai nutzen zu können, nur einen E-Mail-Account. Auch wird unser Sprachmodell nie mit den Nutzerfragen trainiert. Andere machen das und vektorisieren den gesamten Kontext, damit sie einem auch auf andere, frühere Diskussionen antworten können. Das tun wir nicht. Von daher nehmen wir Datenschutz sehr, sehr ernst. Wir möchten ja, dass Leute auch durchaus intime Fragen stellen können und so wieder der Kirche und dem Glauben näherkommen.
Sie sind mit K-TV auch Investor bei dem US-amerikanischen Unternehmen „Longbeard“, das auf seiner Firmenwebseite damit wirbt, „katholische Künstliche Intelligenz“ zu bauen. Longbeard hat auch die KI „magisterium.com“ entwickelt. Warum haben Sie sich eigentlich entschlossen, „Katholisch.ai“ kostenlos anzubieten?
Longbeard ist ein Unternehmen, das sich mit seinen Produkten vor allem an Hochschulen richtet, deswegen sind sie kostenpflichtig. Andere Forschungstools sind auch kostenpflichtig. Katholisch.ai hat einen anderen Fokus. Dazu nutzen zwar auch wir im Kern magisterium.com, kombinieren es aber mit unserem Sprachmodell und unserem RAG-System, das dann unsere Zusatzdaten integriert. Wir möchten mit Katholisch.ai die deutschsprachige Bevölkerung erreichen, gerade auch, weil wir sehen, wie groß hier der Bedarf an römisch-katholischen Antworten ist. Bei uns geht es also um die Glaubensverkündigung, und deswegen halten wir die Eintrittsbarriere bewusst so niedrig wie möglich.
Kritiker, an denen es katholischen Initiativen – noch dazu in Deutschland – nie fehlt, könnten auf die Idee kommen, Katholisch.ai als Konkurrenz zu einer Verkündigung zu betrachten, der die Menschen beinahe in Scharen davonlaufen. Was entgegnen Sie?
„Viele Zuschauer haben zum ersten Mal wieder leibhaftig
eine Messe besucht, nachdem sie bei K-TV gelernt haben,
wie das alles funktioniert, das Aufstehen, Sitzen, Knien, Antworten"
Das Gleiche könnte man auch über K-TV sagen. Und es ist ja auch ein klassischer Vorwurf, K-TV halte, indem es heilige Messen übertrage, Menschen vom Besuch der Gottesdienste ab. Das hat sich aber als unwahr herausgestellt. Wenn wir mit unseren Zuschauern sprechen, stellen wir fest, dass die Menschen, die nicht zum Gottesdienst gehen und stattdessen bei K-TV die Messe mitfeiern, das tun, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Ich denke zum Beispiel an eine Frau ohne Führerschein oder einen Mann, der einen Schlaganfall hatte. Die Übertragung eines Gottesdienstes ist kein Substitut, weil ein gläubiger Katholik natürlich weiß: Es ist etwas anderes, wenn ich persönlich bei der Messfeier dabei bin und tatsächlich die Kommunion empfange. Und was wir auch immer wieder hören, ist: Viele Zuschauer haben zum ersten Mal wieder leibhaftig eine Messe besucht, nachdem sie bei K-TV gelernt haben, wie das alles funktioniert, das Aufstehen, Sitzen, Knien, Antworten. Sie waren vielleicht als Kinder das letzte Mal in der Messe. Nun haben sie zwar wieder die Sehnsucht nach der Mitfeier der Liturgie, wollen sich aber nicht blamieren.
Als Entrepreneur, der etliche Firmen gegründet und aufgebaut hat, sind Sie gewohnt, weit vorauszudenken. Was haben Sie mit Katholisch.ai noch vor? Ist dies das Endprodukt oder sind weitere Innovationen geplant?
Das ist der erste Schritt. In Zukunft werden sich alle Medien in Richtung KI-First verändern. Das ist meine These und darauf wollen wir mit Katholisch.ai aufbauen. Aktuell kann ich eine Frage stellen. Ich bekomme, wie gesagt, auch die entsprechenden K-TV-Sendungen angezeigt. In der Zukunft aber wird mir das System – das dauert noch ein paar Jahre – eine Antwort geben und sagen: „Oder möchtest du eine kurze Fünf-Minuten-Sendung dazu sehen?“ Dann wird diese – „on the fly“, per KI generiert. Oder die KI erstellt für mich eine kurze Präsentation, in der das historische Israel dargestellt wird und so weiter. In Zukunft werden einfach Sendungen „on the fly“ generiert, nur für mich, um meine Frage zu beantworten. Das lässt sich natürlich weiterdenken, irgendwann gibt es dann komplette Dokumentationen. Und dann werden Medien auch zusammenwachsen. Zum Beispiel lässt sich dann ein Buch per KI in einen Film umwandeln. Ein Beitrag, zum Beispiel aus der „Tagespost“, kann mit KI in eine Sendung bei K-TV umgewandelt werden. Und so wird das immer mehr verzahnt. Also am Ende kann das jetzige Katholisch.ai das sein, was jetzt zum Beispiel bei Netflix die Startseite ist, wo mir gesagt wird: Ich schlage ein paar Sendungen vor. Die KI wird mir dann einfach sagen: Möchtest du jetzt eine Sendung dazu sehen? Fernsehen war ursprünglich linear: Ich konnte nur sehen, was der Sender sendete. Punkt. Irgendwann gab es dann Videotheken, da konnte man sich Filme nach seinem Geschmack besorgen. Katholische Videotheken gab es nicht. Beim christlichen Fernsehen war es ähnlich. Auch hier blieb es zunächst bei dem, was K-TV, Bibel TV, EWTN oder Hope TV sendeten. Heute sind wir auch hier weiter. Wir haben jetzt Video-On-Demand, HbbTV und YouTube. Man kann auswählen. Aber wozu führt das?
Sagen Sie es mir…
Zu einem Überangebot an Informationen. Und genau hier soll Katholisch.ai helfen. Die Inhalte so zu filtern, dass ich überhaupt finde, was ich suche. Denn das wird immer schwerer. Zugleich soll Katholisch.ai aber auch als Qualitätsmaßstab dienen. Wie gesagt, mit dem gleichen Markenanspruch, den wir auch bei K-TV haben. Ich kann mich darauf verlassen, dass das vernünftig und römisch-katholisch ist. Keine Extreme oder andere Einflüsse, sondern einfach nur die offizielle römisch-katholische Lehre. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass Katholisch.ai mein Zugang zu allem wird. Zu schriftlichen Informationen, zu Podcasts, zu TV-Sendungen, zu meinen ganz persönlichen Fragen. Wir arbeiten derzeit daran, auch Nachrichten personalisiert anzeigen lassen zu können. Das ist die eigentliche Stärke von KI-Systemen. Ich kann wählen, was möchte ich haben, und das KI-System zeigt mir dann die passenden Inhalte an. Katholisch.ai als Startseite für Streifzüge durch die digitale Welt. Das ist in etwa die Vision.
Zur Person
Professor Patrick Gruhn ist CEO und Eigentümer von K-TV, dem größten und reichweitenstärksten katholischen Fernsehsender im deutschsprachigen Raum. Außerdem ist er Mitglied mehrerer Vorstände: bei der Humanity 2.0 Foundation, bei The Catholic Herald und bei der Chesterton Academy of Mater Dei in Oregon (USA). Über K-TV ist er Investor bei The Longbeard, einem katholischen KI-Startup.
Als Unternehmer, Jurist und Softwareingenieur mit mehr als 20 Jahren internationaler Erfahrung verbindet Gruhn technologische, rechtliche und ökonomische Perspektiven. Sein wissenschaftliches und berufliches Interesse gilt insbesondere dem Zusammenspiel von Blockchain-Technologie, Regulierung und Künstlicher Intelligenz sowie deren Anwendung in der Finanzmarktinfrastruktur.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.








