„Kein Mensch kann die rasenden Schmerzen ermessen, die unser Heiland nach der Geißelung in allen seinen Gliedern empfand. Durch den großen Blutverlust war er so geschwächt, dass er sich selbst nicht helfen konnte. Als sie ihn von der Säule losbanden, fiel er in Ohnmacht zu Boden in sein eigenes Blut.“ Das ist nicht etwa eine Hörfilmfassung von Mel Gibsons „Die Passion Christi“, sondern ein Text aus dem Mittelalter. Der nächste Satz ist eine Aufforderung: „Betet drei Vaterunser mit gefalteten Händen.“
Die eindringlichen Schilderungen biblischer Szenen von der Schöpfung bis zum Pfingstereignis dauern drei Stunden. Vaterunser- und Ave-Maria-Gebete in unterschiedlichen Körperhaltungen: Arme hoch, Hände vor der Brust, niederknien, hinlegen.
Diese spätmittelalterliche Andacht nennt sich das Große Gebet der Eidgenossen und wurde in den katholischen Gegenden der Schweiz jahrhundertelang praktiziert, bevor sie allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand. Nun ist das Interesse daran neu erwacht, auch von reformierter Seite. Der kleine ökumenische Verlag Edition Dreiklang hat die bis dato jüngste Fassung von 1973 überarbeiten lassen, sie sprachlich sowie theologisch behutsam an die Gegenwart angepasst und auf seiner Webseite aufgeschaltet. In unserer schnelllebigen Zeit wirkt eine mehrstündige Andacht wie ein Anachronismus. Auch die Fürbitten für die Heimat und der Dank an Gott für die Verdienste der Vorfahren klingen beinahe politisch inkorrekt. Aber zum dankbaren Bestaunen der Heilsgeschichte ist das Große Gebet ein spirituelles Juwel, das auch für moderne Menschen seinen Reiz hat.
„Das Große Gebet gibt mir Halt und Hoffnung in einer Zeit, in der Gott immer mehr verdrängt wird“, sagt Veronika Oberli, die im (reformierten) Kanton Bern ein Seniorenheim leitet und sich an erster Stelle für die Neuauflage und überkonfessionelle Verbreitung des Großen Gebets stark macht. „Der erste Teil ruft uns in Erinnerung, worauf die Menschheit gründet, der zweite Teil zeigt uns auf, wie unglaublich teuer wir erkauft worden sind, und der dritte Teil spricht mir sehr aus dem Herzen: Hier kommen die Fürsprachen für unser Land.“
Praxis von Laien
Für den Marketing-Spezialisten Jürg Kaufmann, einen Protestanten, hat das dreistündige Gebet zwar stellenweise eine etwas starke katholische Schlagseite, aber „die zahlreichen Vaterunser verleihen diesem Gebet auf rituelle Weise jenen Stellenwert, der ihm zugedacht ist: ‚So sollt ihr beten.‘“ Persönliche Dankbarkeit und Herzensanliegen werden vor Gott gebracht. Die Wurzeln des Großen Gebets reichen tief in die Geschichte der Schweiz zurück, die sich im 13. Jahrhundert als ein Netz mehr oder weniger freier, durch Eid verbundener Gemeinschaften als Gegenentwurf zur feudalen Ordnung Europas formierte. Die männliche Bevölkerung musste als Milizsoldaten selbst in den Krieg ziehen. Vielleicht deshalb war der Totenkult in der Schweiz so ausgeprägt wie nirgendwo sonst in Europa. Über Generationen hinweg wurden die Namen der Gefallenen von der Kanzel verlesen. In dieser Situation entwickelte sich das Große Gebet als eine identitätsstiftende gemeinschaftliche Praxis von Laien, die religiöse und moralische Unterweisung erhielten und Trost erfuhren.
Bemerkenswert ist, dass das Große Gebet nicht auf Latein, sondern vollständig auf Deutsch verrichtet wurde. Laut dem renommierten Schweizer Mediävisten Peter Ochsenbein war das Große Gebet die einzige vollständig deutsche gemeinschaftliche Andacht. Die ersten urkundlichen Spuren führen ins Jahr 1423: Die Regierung des Kantons Luzern verordnete das jährliche Große Gebet im Gedenken an die Gefallenen der verlorenen Schlacht von Arbedo gegen die Mailänder. Später ordnete die Landsgemeinde des Urkantons Schwyz das „gross bett“ als Notgebet angesichts der inneren Spannungen im Zuge der Reformation an. Die älteste erhaltene Abschrift stammt von 1517. Es sind sechs historische Fassungen bekannt, die je nach Version zwischen 88 und 130 Betrachtungen der Heilsgeschichte von der Schöpfung der Welt bis zum Pfingstereignis enthalten. Ein interessanter Zeuge des Großen Gebets war der deutsche lutherische Theologe Franz Delitzsch.
Der Professor sandte Mitte des 19. Jahrhunderts von einer Reise durch die Innerschweiz eine Kopie an den Rektor der Leipziger Nikolaischule, Professor Karl Friedrich August Nobbe. Delitzsch rechtfertigte sein „katholisches“ Geschenk damit, dass das Große Gebet der Eidgenossen „die altkatholischen Fundamente echter Religiosität aus dem tiefen Mittelalter“ bezeuge. Das Pergament, alemannisch in Currentschrift, sei „stark und hat großen Strapazen widerstanden, denn es hat nicht nur Schweiß und wohl auch Tränen, sondern auch Wasser und Blut getrunken.“
Prägende Leidensmystik
Im Zentrum des Großen Gebets steht die Leidensmystik, das Mitfühlen mit der Passion Christi. Sie war im Mittelalter als Reaktion auf die intellektuelle scholastische Theologie entstanden und breitete sich in Klöstern und in der Laienfrömmigkeit aus; man denke an die Mystikerin Mechthild von Magdeburg, an Seuse oder Tauler. Auch der Schweizer Nationalheilige Niklaus von Flüe (Bruder Klaus) war stark von Visionen des leidenden Christus geprägt. Er selbst hatte als Bauer und Milizsoldat das Große Gebet in seiner Heimat Obwalden verrichtet und wird heute darin als Fürbitter angerufen. Bis 1968 wurde das Große Gebet in Schwyz noch offiziell jeweils am eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag, einem staatlichen Schweizer Feiertag, in der Kirche verrichtet. Sein Anliegen scheint aktueller denn je.
Die Autorin schreibt aus der italienischen Schweiz über Kunst und Kultur.
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