Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Neuer Roman: „Eine von uns“

Tradwife im Crash-Modus

Die Bestseller-Autorin Amelie Fried sieht in ihrem katholisch geprägten Ehemann das Geheimnis von 35 Jahren Eheglück.
Amelie Fried hat sich auch mit 67 Jahren ihren frischen Auftritt bewahrt.
Foto: Verlag | Amelie Fried hat sich auch mit 67 Jahren ihren frischen Auftritt bewahrt.

Amelie Fried gehörte zu den profiliertesten Journalistinnen der Republik, als Moderatorin, als Kolumnistin. 1984 war sie mit „Live aus dem Alabama“ im Bayerischen Fernsehen erfolgreich als schlagfertig-unkonventionelle Conferencière. Ihre verschmitzte Lust am zivilisierten Krawall ließ sie Generationen- und richtungsübergreifend zum Role-Model weiblicher TV-Präsentation werden.

Das junge TV-Format BR kombinierte damals zwei Elemente: ernsthafte Diskussionen über gesellschaftlich relevante Themen wie AIDS, Rechtsextremismus, Drogen und Okkultismus – und im Anschluss Live-Konzerte mit damals aufstrebenden Bands. Dort spielten unter anderen die Böhsen Onkelz, Die Ärzte, Eros Ramazzotti oder die Smashing Pumpkins. Amelie Fried gehörte zu den frühen Moderatorinnen der Sendung und startete dort ihre TV-Karriere. Die Sendung war bekannt als regelrechtes Moderatoren-Sprungbrett: Neben Fried moderierten dort auch Günther Jauch (ab 1985 für zwei Jahre), Giovanni di Lorenzo und später Sandra Maischberger.

Traumfrauen und Superweiber

Für ihre ZDF-Moderation in der Talkshow „Live aus der Alten Oper“ wurde Amelie Fried erst hochgejubelt, doch begleitet von scharfer Kritik warf sie dann das Handtuch: fehlender Rückhalt des Senders. Es folgte eine erfolgreiche Zeit mit „3 nach 9“ von Radio Bremen – von 1998 bis 2009. Nach weiteren Projekten verabschiedete sie sich von Studio-Scheinwerfern und Kameras – um fortan einen Bestseller nach dem anderen zu schreiben.

Mit ihrem Romanerstling „Traumfrau mit Nebenwirkungen“ traf sie in der Phase der Superweib-Literatur den Nerv der Zeit. Das Buch wurde genauso erfolgreich verfilmt wie ihr zweites Werk „Seitensprung mit Nebenwirkungen“. Insgesamt erschienen bis jetzt 15 Romane, der nächste ist schon in Vorbereitung. In ihren aktuellen Romanen wie damals in ihren Talkshows ist ihr an einer lebendigen Debatte um gesellschaftliche Streitthemen gelegen. Amelie Fried repräsentiere „den Stand des linksliberalen Durchschnittsbewusstseins mit einer Genauigkeit, die nachgerade unheimlich“ sei, schrieb vor langer Zeit die FAZ. Für den Focus ist ihre Literatur angesiedelt zwischen „Sex und Schokolade“. Diese Einschätzungen haben für Fried-Kritiker bis heute Bestand. Ihre zahlreichen Fans jedoch lieben das Spiel mit Typen und Situationen, die irgendwie jeder kennt oder schon einmal erlebt hat. Amelie Fried ist verheiratet mit dem Drehbuchautor Peter Probst und hat zwei Kinder.

Wieder steht Ihr neuer Roman an der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihr Buch dreht sich um Frauenrollen – und Rollenwechsel. Gerade hat TV-Kritiker Dennis Scheck einen Roman von Ildiko von Kürthy in die Tonne geworfen, es seien „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“. In dem Buch sieht der bekannte Fernsehkritiker vor allem „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit.“ Und Sie: Hätten Sie für sich ein Problem mit der Einstufung „Frauenliteratur“?

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Warum soll mein Buch „Frauenliteratur“ sein? Nur weil es von einer Frau geschrieben ist und Frauen darin vorkommen? Was ist dann mit den zahllosen Büchern, die von Männern geschrieben werden und in denen Männer vorkommen – sind die dann „Männerliteratur“? Der Begriff „Frauenliteratur“ wird hierzulande mit einem abfälligen Unterton benutzt, daher lehne ich diese Bezeichnung ab. Ich schreibe Unterhaltungsliteratur, meine Themen sind gesellschaftlich relevant und betreffen Männer wie Frauen.

Aber vier von fünf Romanen im deutschsprachigen Buchhandel werden von Frauen gekauft. Männer haben anscheinend den Umgang mit Belletristik verlernt. Warum ist das so?

Das sollten Sie die Männer fragen.

Ihr neuer Roman „Eine von uns“ setzt wieder stark auf Dialoge. Und manche illustrativen Motive, die Sie erfinden, rufen nach bewegten Bildern, so wie der Schweinehälften-Crash ziemlich zu Beginn. Denken Sie beim Schreiben filmisch-szenisch?

Ich wurde an der Hochschule für Fernsehen und Film ausgebildet und ich sehe viele Filme und Serien. Ich vermute, das beeinflusst mein Schreiben. Aber ich denke während des Schreibens nicht daran, ob und wie meine Geschichte verfilmt werden könnte. Tatsächlich hat sich aber schon der erste Produzent gemeldet, der „Eine von uns“ verfilmen möchte, das freut mich natürlich.

Kritiker stören sich an zu vielen Rollenklischees und Stereotypen. Positiv könnte man sagen: Das ist Ihr literarisches Spielgeld, das Sie zu unterschiedlichen Zwecken schriftstellerisch einsetzen, mal ironisierend, mal karikierend. Wie sehen Sie Ihren Umgang mit starken Rollenbildern?

Klischees haben den Charme, dass an ihnen meist was dran ist, sonst wären sie nicht entstanden. Ich arbeite natürlich auch mit Stereotypen, und ich setze sie bewusst ein, um Dinge deutlich zu machen. Wer meine Bücher genau liest, wird merken, dass sie vor allem dazu dienen, einen Wiedererkennungseffekt zu erzielen, dass sie aber im Laufe der Geschichte meist gebrochen werden.

Manchem kommt das Thema „Trad-Wives“ in den Sinn, bevor der Roman seine entscheidenden Wendungen nimmt. Irgendwann hat man das Gefühl, die Amelie Fried nimmt die Frauen als Mütter vor den sogenannten „Tradwives“ in Schutz. Ist das so?

Meine Geschichte erzählt von Sehnsüchten und Träumen, die von der Realität zerstört werden. Das Tradwife-Klischee mag einer Sehnsucht entspringen, aber es transportiert ein überkommenes und oft verlogenes Rollenbild, dem Frauen besser nicht auf den Leim gehen. Am Ende sind sie es nämlich, die den Preis für diese geplatzten Träume zahlen. Was Frauen mit ihrem Leben anstellen, ist selbstverständlich ihre Sache, aber sie sollten sich über die Konsequenzen ihrer Entscheidungen klar sein.

Wer Ihnen in Ihrer journalistischen Zeit gefolgt ist, eher zustimmend oder eher kritisch, schaut heute auf Amelie Fried mit dem zärtlichen Blick wärmender Erinnerungen an ein Medienzeitalter, wo man engagiert stritt, aber sich weniger bekämpfte. Sehnen Sie sich manchmal nach Mikrofon und Kamera zurück?

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Ich habe mit dem Fernsehen abgeschlossen und altere sehr komfortabel vor meinem Computerbildschirm, ohne dem öffentlichen Blick ausgesetzt zu sein. Aber es stimmt: Früher war es in den Medien noch möglich, richtige Diskussionen zu führen, heute findet nur noch ein Austausch längst bekannter Standpunkte statt, das macht die meisten Sendungen so langweilig.

Ihr Mann Peter Probst hat unter anderem katholische Theologie studiert, kirchlich gebunden sind Sie beide nicht. Ganz ehrlich: Fehlt Ihnen beiden mitunter die Dimension des Glaubens, die Perspektive der Transzendenz? Nehmen Sie Ihre Glaubensferne als defizitär wahr – oder eher als Chance für den „freien Blick“?

Mit dem institutionalisierten Glauben können wir beide nicht so viel anfangen. Das bedeutet aber nicht, dass wir keinen Sinn fürs Spirituelle haben. Auch unsere moralischen Werte und die Art, wie wir unsere Kinder erzogen haben, fußen stark auf christlichen Grundsätzen. In manchen Momenten beneide ich Menschen, die im religiösen Sinne glauben können. Ich stelle mir vor, dass es eine große Erleichterung sein muss, einen höheren Sinn im Leben zu spüren. Als Nichtgläubige muss ich mir den Sinn jeden Tag selbst schaffen.

Im katholischen Vorortsmilieu von München, in den Siebzigern, wurde Ihr Mann zum Mann, wie er es in seinem neueren, autobiografischen Roman „Wie ich den Sex erfand“ beschreibt. Ihre Ehe ist ein Erfolgsmodell. Hat sie von seinen Erfindungen aus katholischer Zeit profitiert?

Ich denke, mein Mann hat die Wertvorstellungen seines konservativ-katholischen Elternhauses – trotz seiner jugendlichen Rebellion, von der das Buch handelt – stark verinnerlicht. Das hat sicher dazu beigetragen, dass unsere Ehe schon seit über 35 Jahren hält. Er ist ein sehr verantwortungsvoller Mann mit einem großen Familiensinn, und er hat es geschafft, mich zu „zähmen“, wenn wir hier das shakespearesche Bild von der Widerspenstigen bemühen wollen. Allerdings ohne dass ich mich ihm unterworfen hätte. Augenhöhe ist das Geheimnis unserer (und vielleicht jeder guten) Ehe.

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