Beharrlich rüttelt ein Gespenst an den Grundfesten der Gesellschaft: das Lagerdenken. Das verheerende Phänomen gibt es nicht erst seit gestern. Vor über 30 Jahren formulierte der Afroamerikaner Rodney King (1965–2012) flehentlich: „Können wir nicht einfach alle miteinander auskommen?“ Dieser Satz war ein verzweifelter Friedensappell in einer gefährlichen Situation. Vier weiße Polizisten, die King in Los Angeles fast zu Tode geprügelt hatten, waren vor Gericht freigesprochen worden. Massenunruhen brachen aus, es gab 53 Tote und mehr als 7.000 durch Brände zerstörte Gebäude. Auf dem Höhepunkt der Gewalt bat King auf einer Pressekonferenz im Mai 1992 eine zutiefst gespaltene Stadt, einander am Leben zu lassen. Er hätte verstanden, wenn es nach der Urteilsverkündung zwei Stunden lang rundgegangen wäre, „aber das hier …“. Und dann kam der lapidare Satz, der auch heute noch Gültigkeit hat und jedem vernünftigen Menschen Ansporn für umsichtiges und versöhnliches Handeln sein sollte: „Wir sitzen hier alle eine Zeit lang fest.“ (im Original: „We’re all stuck here for a while.“).
Mit dieser Episode leitet der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt sein Buch über die Spaltung der Gesellschaft in feindliche Lager ein. Haidt ist Professor an der New York University Stern School of Business. In Deutschland wurde er einem breiten Publikum durch den Bestseller „Generation Angst“ (2024) über die Auswirkungen der drei medialen Megatrends Smartphones, Social-Media-Plattformen und Selfie-Kultur auf die kindliche Entwicklung bekannt.
Haidts Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen. So untersucht „Die Macht der Moral“ die Gründe für eine weltweit um sich greifende Aufspaltung in feindliche Gruppen, die einander mit Wort und Tat bekämpfen und dabei allesamt der festen Überzeugung sind, auf der einzig richtigen Seite zu stehen. Das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung und zahlreicher Studien erschien im englischen Original bereits 2012 und wurde in den USA zu einem Verkaufshit.
Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die Beobachtung, dass sowohl Politik als auch Religion Menschen allzu oft nicht zusammenführen, sondern im Gegenteil tiefe Gräben aufreißen. Ein Blick in die Nachrichten zeigt schnell, dass der Inhalt des knapp 500 Seiten starken Werks nach wie vor aktuell ist: Während das politische Berlin regelmäßig über die Brandmauer diskutiert, stehen sich USA und Iran an der Straße von Hormus feindlich gegenüber. Nur 1.500 km Luftlinie von Deutschland entfernt tobt der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, und bereits seit 1991 befindet sich Somalia, einer der weltweit fragilsten Staaten, im Bürgerkrieg.
Flut an Konflikten
Mit der Wortneuschöpfung „Verfeindlichung“ brachte der Verfassungsrechtler und Gesellschaftsanalytiker Udo di Fabio erst vor Kurzem die Dinge auf den Punkt. Er stellt in seinem neuesten Buch dar, wie eine allgegenwärtige Tendenz zur „Verfeindlichung“ den Diskurs im Inneren der Demokratie verändert und sich auf Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und den politischen Betrieb auswirkt. Aber wie kommt es zu dieser Flut an Konflikten, zu permanentem Streit und Dissens?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, beschäftigt sich Haidt ausführlich mit der menschlichen Natur und drei unterschiedlichen Prinzipien der Moralpsychologie. Das Buch kommt im lockeren Plauderton daher, ist aber nicht nur wegen seines Umfangs alles andere als ein Leichtgewicht: Hier schreibt ein renommierter Wissenschaftler, wie die umfangreiche Literaturliste und der Fußnotenapparat zeigen. Jeweils knapp 50 Seiten laden zu Quellenstudium und weiterer Vertiefung ein. Komplizierte Sachverhalte bringt der Autor gelassen mit bildhaften Wendungen auf den Punkt. Das dient zum einen der Lesefreude, zum anderen ist es ein probates Mittel, neue Inhalte im Gedächtnis zu verankern.
So lautet die zentrale Metapher des ersten Prinzips: „Der Geist ist zwiegespalten wie ein Elefant und sein Reiter, und die Aufgabe des Reiters ist es, dem Elefanten zu dienen.“ Haidt illustriert damit das Modell der sozialen Intuition moralischer Beurteilung. Es geht davon aus, dass die moralische Beurteilung eher automatisch vor sich geht und weniger auf bewusster Beweisführung basiert. Die Menschen beschäftigen sich mit genaueren Begründungen erst dann, wenn sie ihre ursprüngliche Intuition stützen wollen. Das bedeutet, dass wir Moralfragen intuitiv als richtig oder falsch einschätzen und erst im Nachhinein nach einer Begründung für diese Bewertung suchen. Zugespitzt gesteht Haidt dem Reiter, unserem logischen Denken und unserer Vernunft, gerade einmal ein Prozent unserer geistigen Prozesse zu, während der Elefant für die übrigen 99 Prozent steht. Diese laufen außerhalb unserer geistigen Wahrnehmung ab, bestimmen aber den größten Teil unseres Verhaltens. Intuition zuerst, strategisches Denken danach, lautet der Titel des ersten Abschnitts, der gehörig mit weit verbreiteten Vorannahmen aufräumt.
Für Konservative bleibt die Familie wichtig
Das zweite Prinzip der Moralpsychologie besagt: Moralität ist mehr als Schaden und Fairness. Hier unternimmt Haidt einen Ausflug in die sinnliche Welt der Küche, um seiner These Leben anzuhauchen: Danach ist „der rechtschaffene Geist (…) wie eine Zunge mit sechs moralischen Geschmacksrezeptoren“. Als universell gültige moralische Grundlagen mit ihrem jeweiligen Gegenbegriff arbeitete Haidts Forschungsteam Fürsorge/Schaden, Fairness/Betrug, Loyalität/Verrat, Autorität/Umsturz, Heiligkeit/Unreinheit sowie Freiheit/Unterdrückung heraus. Konkreter wird diese Einteilung beispielsweise beim Vergleich von Progressiven und Konservativen. Das linke Lager arbeitet nach Haidts Einschätzung mit drei moralischen Grundlagen. Um die Idee der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen, fokussiere es sich vor allem auf die Ziele Fürsorge/Schaden und Freiheit/Unterdrückung. Wenn ihr dritter und letzter Aspekt von Fairness/Betrug mit Mitgefühl oder dem Wunsch nach einem Kampf gegen Unterdrückung in Konflikt gerate, falle er bei Progressiven unter den Tisch. Die konservative Moral stütze sich dagegen auf alle sechs Grundlagen. Diese Unterschiede führt Haidt auf eine unterschiedliche Vision der Gesellschaft zurück: Sozial Konservative sehen die Familie als soziale Grundeinheit an, nicht das Individuum. Ordnung, Hierarchie und Tradition kommt in dieser Denkrichtung ein hoher Wert zu. Darin findet Haidt eine Erklärung für die Tatsache, dass US-Amerikaner, die auf dem Land leben oder der Arbeiterklasse angehören, überwiegend republikanisch wählen, obwohl die Demokratische Partei das Vermögen gleichmäßiger verteilen will. Diese Wähler stimmten für ihre (sechs) moralischen Interessen und wollten nicht, dass sich die USA hauptsächlich um Opfer und soziale Gerechtigkeit kümmere.
Teil drei präzisiert schließlich das Prinzip „Moralität bindet und blendet“ und vergleicht den Menschen mit Schimpansen und Bienen. Die Quintessenz daraus lautet, dass Moralität uns in Gruppen zusammenführt und wir tendenziell blind für das werden, was außerhalb dieser Gruppe ist. Einen überaus positiven Blick wirft der säkulare Atheist Haidt auf den „Teamsport“ Religion. Er legt die entscheidende Rolle der Religion in der Evolutionsgeschichte dar und weist die These des Neuen Atheismus klar zurück, Religion sei die Wurzel allen Übels. Besonders interessant sind die Ausführungen zu der Frage, wie sich politische Lager bilden und wieso manche Menschen nach links tendieren und andere nach rechts. Insgesamt lädt „Die Macht der Moral“ dazu ein, einen Schritt zurückzutreten und neue Einsichten in die menschliche Begrenztheit zu gewinnen. Zugleich ist es ein Aufruf, das Gemeinsame zu suchen und sich engagiert gegen spaltende Tendenzen einzusetzen.
Jonathan Haidt: Die Macht der Moral. Rowohlt Verlag GmbH Hamburg. Erscheinungstermin: 17.04.2026. 480 Seiten, 28,00 Euro.
Die Autorin schreibt zu christlicher Philosophie, Politik und Gesellschaft.
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