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Auf Wolle sieben

Die neue Masche ist eine ganz alte: von der Wiederentdeckung des Strickens.
Strickende Frau
Foto: Imago/imagebroker | Zuhause ist, wo die Wolle ist? In manchen Kreisen ist Stricken mehr als ein Hobby, nämlich ein Lifestyle.

Wer ICE fährt oder in Cafés geht, wird es vielleicht bemerkt haben: Eine Strickwelle rollt durchs Land, vor allem bei der jungen Generation. „Stricken entspannt. Es bringt total runter. Ich setze mich abends hin und brauche nicht einmal etwas Ausgefallenes zu stricken. Man macht etwas, aber muss sich nicht anstrengen“, schwärmt die Wollhändlerin Melanie Schrader, die ihren neuen Glitzerpullover in Rot und Pink trägt. Selbstverständlich selbst gestrickt. Den Entstehungsprozess dokumentierte sie auf ihrem Instagram-Kanal. Wie so viele Influencer, die mit Strickprojekten viral gehen. „Mia.knits“ zum Beispiel folgen 30. 000 Menschen. Die Zahnmedizinstudentin Mia aus Hamburg postet dort ihr „digitales Stricktagebuch“ mit überwiegend pastellfarbenen Strickstücken. „Am gefragtesten ist bei mir beige Wolle. Sehr gewagt“, bestätigt auch Schrader – etwas ironisch – den farblichen Wolltrend.

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Doch wieso ist Stricken auf einmal so beliebt? Ist es nicht langweilig und obendrein ein Zeitfresser? Eine Dokumentation der ARD vergleicht die gleichmäßigen, sich häufig wiederholenden Strickbewegungen mit buddhistischen Meditationen. „Je komplexere Probleme man in seinem Leben gerade hat, desto komplexer soll auch das Strickprojekt sein“, so die ausgesprochene Empfehlung. Sollen die Knoten des Lebens sich etwa lösen, indem man meterweise Wolle verknotet?

Junge Menschen lernen von YouTube

Stricken ist uralt und noch immer systemrelevant: Ob T-Shirts, Sweatshirts oder Trikots, sie sind gestrickt – wenn auch von Maschinen. Selbst die Sprache ist vor der Handarbeitstechnik nicht ungeschoren davongekommen: „Trikot“ leitet sich vom französischen „tricoter“ ab, übersetzt mit „stricken“. Das älteste gestrickte Fundstück stammt aus dem dritten bis fünften Jahrhundert. Es sind Socken, aufbewahrt im Victoria and Albert Museum in London.

Melanie Schrader, Würzburg
Foto: Hüffer | Melanie Schrader in ihrem Wollgeschäft am Würzburger Marktplatz.

Früher lernten Mädchen das Stricken von ihrer Großmutter. Heute von YouTube oder von der Mitbewohnerin – die es wiederum von YouTube lernte. Das beobachtet Melanie Schrader, wenn sie Wolle verkauft. Mitten in Würzburg. Frei nach dem Motto „Hinter jeder großen Strickerin steht ein großer Korb voll Wolle“ türmen sich in ihrem Laden meterweise Wollknäuel in den hohen Holzregalen. Das billigste kostet 6,75 Euro, das teuerste 45. Schrader strickt selber viel. Darum sind auch die beiden Säulen unter dem kleinen Vordach ihres Geschäfts mit gemusterten Wollquadraten umwollt.

Der Laden entstand kurz vor der Corona-Pandemie – als Stricken und Handarbeiten boomten. Der Nachteil war damals: Man durfte nicht einkaufen gehen. Vermeintlich gut für die Gesundheit, aber definitiv schlecht für das Handarbeitsgeschäft. Heute hat sich die Lage gebessert. An normalen Tagen kommen 30 Kunden, an guten 40 und an schlechten – meist im Sommer – zehn. 90 Prozent sind Frauen, viele unter 25.

Stricken heißt auch Gemeinschaft

Einmal im Monat trifft Schrader sich in einem fränkischen Gasthaus nahe des Würzburger Bahnhofs mit Strickfreundinnen. Fünf sind an diesem kalten Februarabend gekommen. Eine trägt eine rosa gestrickte Jacke mit rosenförmigen Knöpfen. Die junge Frau schaut beim Reden kaum auf ihre Finger. Im Handumdrehen gleiten Nadel und schwarze Wolle dadurch. Die Mütze nimmt schon langsam Form an. Das Gespräch dreht sich gerade um die Mumins, eine Troll-Sendung aus Finnland. Die Mumins leben in einer anderen Welt, im Mumintal, irgendwo in Finnland. Aus der Küche tragen Kellner nun Bier und Schweinebraten zu Geschäftsleuten. Am „Stricktisch“, vorne rechts neben der Eingangstür, fühlt man sich auch wie in einer anderen Welt. Stricken, irgendwo passt es zu der nordischen, gemütlichen Welt dieser Trolle. Bei denen übrigens die Muminmama strickt.

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„In konservativeren Kreisen stricken ja meistens nur die Frauen, woanders, wie bei uns, durchaus auch die Männer“, sagt nun die Strickerin am Tischende. Früher habe zu ihrer Runde ein Familienvater gehört, der seinen kleinen Töchtern Anziehsachen fabrizierte. Bis er wegziehen musste, brachte er die Töchter manchmal mit. An diesem Abend ist nur ein Hund da, angeleint, halb unter dem Tisch liegend. Der Geräuschpegel stört ihn anscheinend nicht. Komme, was da Wolle.

„Ich stricke morgens gerne, während ich meinen Kaffee trinke. Auch, wenn es nur fünf Minuten sind. Das hilft mir, mich auf den Tag einzustellen“, nimmt eine Frau den Faden wieder auf. Sie strickt mit doppeltem Garn an einer dunkelroten Jacke. „Ich kann gar nicht mehr fernsehen, ohne dabei zu stricken“, sagt eine andere. „Ich auch nicht, das wäre ja langweilig“, pflichtet ihre Freundin ihr bei. „Ich käme mir außerdem sonst unnütz vor. Doof ist nur, wenn es Untertitel gibt. Solche Sendungen sind nicht stricktauglich.“

Die neuste Masche: Wollkinos

„Beim Stricken trifft man immer eine nette Community“, da sind die Strickerinnen im Gasthof sich einig. Eine Community, die wächst. Nicht nur in Würzburg und im Internet. Es gibt auch „Wollfestivals“. „Das Wollfestival in Kassel ist für mich wie ein Rabbithole“, verrät die Frau mit der dunkelroten Jacke. „Da könnte ich Unmengen an Geld lassen.“ Wolle sammeln und Stricken, das seien nämlich zwei verschiedene Paar Stiefel, klärt sie auf. Und wer sich wirklich mit Wolle auskenne, würde wissen, dass die günstigste nicht immer die beste ist. Die habe oft Plastik im Material.

„Stricken ist wie mein Yoga, würde ich sagen“, resümiert eine der Frauen nun. „Wenn ich gestresst bin, sind meine Hände beschäftigt.“ „Und ich würde manchmal durchknallen, wenn ich nicht abends etwas mit den Händen machen könnte“, sagt eine andere. Gesundheitsfördernd, so beschreibt sie das Hobby. Lauscht man den Gesprächen, verstärkt sich allerdings immer mehr der Eindruck, Stricken sei gar kein Hobby, sondern fast schon eine Lebenseinstellung.

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Und offensichtlich ein wachsendes Geschäftsmodell: In Gießen gibt es seit letztem Jahr sogar ein „Wollkino“. Filmgucken und Stricken, dort geht beides. Auch Kinos in Berlin, Hamburg, München und anderen Städten bieten solche Strickvorführungen an. Das Licht bleibt während der Vorstellungen etwas heller, damit möglichst wenig Maschen herunterfallen. Die Idee kommt aus Finnland – wie die Mumins.

Der Instagram-Kanal von Melanie Schrader heißt: das.wollgeschaeft

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Elisabeth Hüffer Influencerinnen und Influencer

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